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"Cat Person": Die umstrittenste Geschichte im Netz

Die Geschichte ist erst seit ein paar Tagen online und trotzdem hat sie das Internet gebrochen: Mit "Cat Person" hat The New Yorker einen guten Riecher bewiesen.

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Cat Person Essay
© istockphoto.comKovacsAlex

Wann wurde jemals so hitzig und in so vielen verschiedenen Medien über einen Essay diskutiert? Ich könnte mich an keinen Fall erinnern. Manchen würde vielleicht die Diskussion rund um "Brockeback Mountain" einfallen, einer Kurzgeschichte von Annie Proulx, die 1997 im The New Yorker erschienen ist. "Cat Person" von Kristen Roupenian war vor kurzem auch im New Yorker publiziert worden und, dass dieser Essay (eigentlich Kurzgeschichte!) solche Kontroversen auslösen würde, konnte niemand ahnen.

Seitdem ist so viel darüber geredet, getwittert und geschrieben worden, dass das Erschaffen einer eigenen Wikipedia-Seite schon nahe liegt. Dabei ist "Cat Person" nicht wahnsinnig provokant geschrieben und auch das Setting könnte nicht simpler sein: Margot trifft Robert. Sie ist jung, unsicher und attraktiv. Er ist älter, ein wenig mollig und ziemlich charmant - zumindest seine Internet-Personality ist es. Die beiden chatten, flirten und treffen sich dann auf ein Date.

»"Diese Geschichte ist genauso brilliant/deprimierend wie alle sagen."«

Geschrieben ist die Kurzgeschichte aus Margots Perspektive. Sie schildert das Unwohlsein beim ersten Date und den Drang, ihn irgendwie zufriedenzustellen. Schließlich kommen sie sich näher. Und obwohl Margot eigentlich überhaupt keine Lust auf ihn hat, will sie sich nicht der Anstrengung stellen, ihm diese Unlust begreiflich zu machen. Sie schlafen miteinander. Margot bereut es, doch lässt sie Robert im Glauben, dass alles super gelaufen ist.

Am Ende hat er nur noch ein Wort für sie übrig: "Whore." . Und genau dieser karge Schluss, diese Beleidigung per Chat, hat vielen Frauen einfach aus der Seele gesprochen. "Jeder, der jemals eine Dating App benutzt hat könnte "Cat Person" geschrieben haben, nur vielleicht nicht so gut." , schrieb Twitter-Userin Nancy Jo Sales. "Diese Geschichte ist genauso brilliant/deprimierend wie alle sagen. Und jetzt stellt euch eine Welt vor, in der Frauen nicht beigebracht wird, dass die Gefühle der Männer wichtiger sind als ihre eigene Sicherheit, Lust und Glück." , ergänzte eine andere.

Und diese zwei Damen sind bei weitem nicht die einzigen, die sich mit Margot identifizieren können. Sie können sich damit identifizieren, mit einem Mann allein im Auto zu sein und sich zu überlegen, wie man am besten aus einer eventuellen Gefahrensituation rauskommt. Sie können sich auch damit identifizieren, dass es schwer sein kann, einem Mann beim Sex zu sagen, dass er nicht alles so großartig macht, wie er glaubt. Und sie können sich damit identifizieren, als Schlampe oder Hure beschimpft zu werden, wenn sie nicht auf Avancen eingehen.

Wenn man nur die kurze Beschreibung von Robert liest, könnte man meinen, dass er tatsächlich was falsch gemacht hat. Doch das ist der Clou an "Cat Person": Robert ist kein schlechter Mensch. Weder bedroht er Margot, noch drängt er sie in irgendeine Richtung. Sympathisch kommt er vielleicht nicht immer rüber, aber einen Fehler kann man ihm wirklich nicht vorwerfen, außer vielleicht das "Whore" ganz am Ende.

Und da Robert eigentlich keine Schuld trifft, haben sich viele Männer durch die Geschichte persönlich angegriffen gefühlt. Dies ging sogar so weit, dass BBC eine Gegen-Geschichte aus Roberts Perspektive veröffentlichte. Außerdem wurde ein Twitter-Account mit Namen "Men React to Cat Person" erstellt, wo die Männer-Reaktionen gesammelt zu lesen sind.

"Warum werden Artikel, wie dieser nicht als sexistisch betrachtet?" , echauffiert sich User KanyeTheGiant: "Ich weiß ja nicht, aber es wird impliziert, dass Männern so was nie passiert. Aber das tut es!"

Und natürlich hat er Recht! Denn auch Männer können schlimme Erfahrungen mit Dating, Frauen und anderen Männern haben, keine Frage. Wenn Margot in der Geschichte Robert als dicklich, haarig und etwas komisch beschreibt und die Lust auf Sex verliert, weil sie seine Kusstechnik nicht mag, ist das nicht nett. Und klar wäre es anständiger, ihm sofort zu sagen, dass sie eigentlich doch nichts von ihm will.

Doch eines muss man sich vor Augen halten: So einfach ist das Machtgefüge zwischen Mann und Frau nicht. Und niemand hat diesen Umstand jemals besser beschrieben als Margaret Atwood mit diesem Zitat: "Männer haben Angst, dass Frauen sie auslachen. Frauen haben Angst, dass Männer sie umbringen." Dies ist keine Entschuldigung für Margots Fehler und auch keine Anklage in Richtung Robert. Dies der Kern von "Cat Person" sowie der Kern des Machtgefüges überhaupt.