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Nach Fehlgeburt: Expertin analysiert Chrissy Teigens öffentliche Trauer

Chrissy Teigen und John Legend trauern öffentlich um ihr verstorbenes Kind – viele fühlen mit ihnen, andere fühlen sich irritiert. Wir haben mit einer Expertin darüber gesprochen, warum jedes Paar das Recht auf den eigenen Trauerweg hat.

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Chrissy Teigen John Legend
© 2020 WireImage

Anfang Oktober erlitt Model Chrissy Teigen eine Fehlgeburt, die von einer teilweisen Ablösung der Plazenta ausgelöst worden war. Trotz zahlreicher Bluttransfusionen konnte der kleine Jack – so nannten Teigen und Ehemann John Legend ihr Kind – nicht überleben. Kurz daraufhin postete das Model Bilder, die sie weinend im Krankenhaus zeigen. Ihr Posting inspirierte hunderte Eltern, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben, ihre Geschichte zu erzählen. Es hagelte aber auch Kritik für ihre Offenheit. Nun erschien ein ausführlicher Brief auf Instagram, in dem Teigen nicht nur berichtet, wie es ihr seit der Fehlgeburt ergangen ist, sondern auch erklärt, warum sie dies alles mit der Öffentlichkeit teilt.

"Ich wusste nicht, wann ich bereit sein würde, diese Worte niederzuschreiben. In welchem Zustand ich dann sein würde. Aber jetzt weiß ich, dass es mit einem Danke beginnen muss. Denn in den letzten Wochen sind so viele Nachrichten reingekommen, die wir alle mit eigenen, tränenverkrusteten Augen gelesen haben. Auf Social Media wurden die meisten mit den Worten 'Du wirst das wahrscheinlich nie lesen, aber...' begonnen. Und nur, damit ihr es alle wisst: Ich habe sie gelesen.", beginnt Teigen ihren Brief. Und weiter schreibt sie: "Ich kann euch nicht sagen, wie egal es mir ist, dass ihr die Fotos hasst. Es ist mir auch egal, dass ihr sagt, ihr hättet das nie so gemacht. Denn dies ist mein Leben und ich entscheide, wie ich mich darüber äußere. Meine Fotos sind für Personen, die ähnliches erlebt haben. Für jene, die sie brauchen können."

Und, dass solch ein Erfahrungsbericht Trost spenden kann, weiß Simone Strobl, Leiterin des Vereins Pusteblume. Der Verein engagiert sich nicht nur dafür, Trauer in der Gesellschaft zu entabuisieren, sondern bietet betroffenen Eltern die Möglichkeit, um ihre Sternenkinder zu trauern. "Jeder Mensch trauert anders. Trauer ist bunt! Es gibt da keinen Zeitplan, keinen vorgegeben Ablauf, wann es wieder vorbei ist. Jedes Elternpaar braucht nämlich etwas anderes für den eigenen Trauerweg.", so die Expertin. Wobei Strobl das Wort "Expertin" nicht auf die leichte Schulter nimmt: "In diesem Thema kann man nur ein Experte oder eine Expertin sein, wenn man selbst ein Kind verloren hat.", und so sprach sie mit uns nicht nur als Leiterin des Vereins, sondern auch als Mutter zweier Sternenkinder.

WOMAN: Chrissy Teigen wurde nicht nur für ihre Offenheit, sondern auch für die Bilder selbst kritisiert. Man warf ihr vor, die Fotos seien zu "durchgestylt" und würden deshalb dem Anlass nicht entsprechen. Was sagen Sie dazu, dass Teigen überhaupt für ihre Art des Trauerns kritisiert wird?
Strobl: Jemand für die Art zu kritisieren, wie er oder sie trauert, das geht wirklich nicht. Manche Menschen ziehen sich zurück, andere wollen ihre Geschichte erzählen. Beide Wege sind gut so. Warum sie überhaupt kritisiert wird, kann ich mir damit erklären, dass wir in unserer Gesellschaft nie gelernt haben, zu trauern. Wir haben gelernt, zu lieben und Wut zu zeigen – aber eben nicht, zu trauern. Bezüglich der Fotos finde ich, dass sie das Schöne an der traurigen Situation hervorheben. Bei der Dein-Sternenkind-Stiftung können Eltern österreichweit FotografInnen anfordern, die kostenfrei Erinnerungsfotos von ihrem Sternenkind machen. Diese Bilder sind dann auch in schwarz-weiß, weil das einfach ein guter Weg ist, es so abzubilden.

WOMAN: Können solche Erfahrungsberichte als Trost für Betroffene dienen oder sind sie negative Trigger?
Strobl: Das Credo unseres Vereins und der Selbsthilfegruppe lautet: "Du bist nicht allein. Wir sind viele." Und dieses Gefühl von Zusammengehörigkeit kann durch einen solchen Erfahrungsbericht ausgelöst werden. Weil viele Betroffene denken: "Bin ich die einzige, die sich so fühlt? Habe nur ich diese Gedanken?" Die Geschichte einer anderen Person zu hören, wirkt unterstützend. Aber es kann natürlich auch triggern, vor allem, wenn die Person noch nicht so weit auf ihrem Trauerweg ist und den Verlust noch nicht aufgearbeitet hat. Außerdem zeigen diese Erfahrungsberichte, dass getrauert werden darf – offen & deutlich sichtbar!

WOMAN: Habt ihr bei euch im Verein oder in der Selbsthilfegruppe über das Schicksal von Chrissy Teigen gesprochen?
Strobl: Ja, ihr Name ist einige Male gefallen. Und man muss sagen, dass die Reaktionen ähnlich wie jene im Netz waren: Manche fanden die Herangehensweise gut, andere meinten, dass sie sich das nie getraut hätten.

WOMAN: In ihrem Brief schreibt sie auch, dass sie niemals vergessen wird, dass auch ihr Mann unter diesem Schicksal gelitten hat und noch immer leidet. Tatsächlich ist aber in den Medien meistens nur von ihr als Betroffener die Rede. Wie wichtig ist es, die Rolle des Vaters in die Narrative einzubeziehen?
Strobl: Es ist sehr wichtig, über die Trauer der Männer zu sprechen. Man sagt auch: "Väter trauern anders." Das liegt einerseits daran, dass eben jeder einzelne Mensch seine Emotionen anders zeigt. Andererseits haben die Väter oft das Gefühl, stark sein zu müssen, um für die Mütter da zu sein. Deshalb ist es wichtig, auch sie in die Trauerarbeit aktiv miteinzubeziehen. Denn es gibt nicht nur die Mutter, den Vater, sondern die Eltern – und als Paar müssen sie gemeinsam einen Weg finden, das zu verarbeiten.

WOMAN: Welchen Tipp hast du für jene Menschen, die sich von Chrissy Teigens Postings getriggert fühlen? Wie sollen sie am besten mit solchen öffentlichen Meldungen umgehen?
Strobl: Wenn man merkt, dass der Schmerz noch sehr stark ist, dann ist es vielleicht besser, manche Inhalte zu meiden. Wenn das jedoch nicht mehr möglich ist, weil man aus Versehen ein Posting gesehen oder einen Text gelesen hat, dann kann es helfen sich zu fragen, was den Schmerz ausgelöst hat und wo genau es wehtut. Denn dann weiß man, an welcher Stelle noch Trauerarbeit nötig ist. Man sollte sich auch fragen, ob man diesen Trauerweg alleine oder mit Unterstützung gehen will. Das kann eine Selbsthilfegruppe oder aber auch eine Freundin sein, der man die Gefühle berichtet. Wer sich aber von dem Schmerz auf jeden Fall zurückgeworfen fühlt, sollte sich um fachliche Unterstützung bemühen. Dann kann man gemeinsam herausfinden, wo noch Heilung bedarf.

Machst du selbst eine schwere Zeit durch? Der Verein Pusteblume unterstützt Eltern bei ihrem Trauerweg.