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Warum wir uns das Leben oft schwerer machen als es sein müsste

"Die Kunst, einfache Lösungen zu finden" – Autor Christian Ankowitsch erklärt in seinem Buch, wie einfach man Krisen abfedern kann. Wir haben ihn zum Interview getroffen.

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Warum wir uns das Leben oft schwerer machen als es sein müsste
© Anko Fischnaller

Große Konflikte, einfache Lösungen? Da werden wir schnell skeptisch. Zu Unrecht, wie aktuelle Erkenntnisse aus Hirnforschung und Psychologie besagen. Wie einfach man Krisen abfedern kann, weiß Christian Ankowitsch. Wir machen uns Probleme meist selbst und erhalten sie auch gern am Leben, meint der Kultautor. Und sagt, was dagegen – ganz simpel – zu tun ist.

Warum einfach, wenns auch kompliziert geht? Ja, genau. Wir machen es uns im Leben oft schwerer, als es sein müsste. Zu Problemen etwa haben wir eine ziemlich schwierige Beziehung, wie uns Christian Ankowitsch in seinem neuen Buch vor Augen führt. "Die Kunst, einfache Lösungen zu finden" heißt es und will uns ein paar Dinge klarmachen: dass Probleme Ansichtssache sind, dass wir ihre Ursachen nicht kennen müssen, um sie zu lösen, dass diese Lösungen aus kleinen, absurden Handlungen bestehen können und dass uns Konflikte oft sogar Gewinne verschaffen. "Einfache Lösungen haben zwar kein gutes Image", weiß der Journalist und Bestsellerautor, "aber wir sollten uns diese Chance trotzdem nicht wegnehmen lassen." Ob Beziehungskrach, Ärger im Job oder Erziehungsfragen, nur weil wir irgendwo so richtig anstehen, muss der Weg nach draußen nicht auch mühsam sein. Und so kann es ganz im Sinn klassischer psychologischer Therapieansätze ratsam sein, dem Gegenüber beim nächsten Streit wortlos einen Keks in die Hand zu drücken, statt wie gehabt zurückzubrüllen. Was wird der andere machen? Na, schaun wir mal.

»"In Beziehungen können Probleme Stabilisator sein!"«

Einfache Löungen? Das klingt erst mal einfach zu einfach!

Ankowitsch: Ja, denn wir glauben oft, dass es einem großen Problem gegenüber respektlos ist, es mit einer simplen Lösung zu versuchen. Außerdem denken wir, die einfachen Schritte schon zu kennen, und nehmen sie daher nicht ernst. Was falsch ist.

Skeptisch ist man auch, weil Populisten sich so gern des Schlagworts "einfache Lösungen" bedienen.

Zu Recht, denn es wird ja leider auch genug Missbrauch mit dem Versprechen getrieben. Trotzdem sollten wir uns diese Chance nicht wegnehmen lassen. Und eine Chance sind einfache Lösungen auf jeden Fall.

Immer mehr Therapeuten setzen jetzt verstärkt auf Kurzzeitmethoden mit ihren simple solutions.

Stimmt. Ein Teil meines Buches basiert auf diesem Ansatz. Das heißt etwa, dass wir die Ursache eines Problems nicht kennen müssen, um einen Ausweg zu finden. Ursachenforschung bringen Erklärungen, aber keine Lösungen. Und ich brauch die Lösung jetzt.

Sie führen an: Hartnäckige Probleme entstehen, weil Menschen immer auf die gleiche Weise miteinander umgehen. Verhält sich einer der Beteiligten nur ein wenig anders, muss der andere darauf reagieren. Und schwupp kann alles anders sein.

Was auch hilft: den Ort zu verändern, an dem ein Problem entsteht. Klassisches Beispiel: Eine Frau, die jede Nacht mit den Zähnen knirschte, bekam die Empfehlung, die Bettseite zu wechseln. Sie hat sich einfach mal auf die andere Bettseite gelegt, und weg war das Knirschen! Das kann auch bei Beziehungsflauten helfen. Probieren Sie's einfach mal aus!

Das wär ja mal was!

Der Sinn einfacher Lösungen besteht darin, uns einen Ausweg aus der Schleife eines immer wiederkehrenden Problems zu zeigen. Das geht relativ leicht, indem Sie einfach auf hören, die Spielchen mitzuspielen. Neue Regeln einführen, statt den gleichen Krempel ständig zu wiederholen. Ob mit Kindern, mit Partnern, mit Arbeitskollegen. Geraten Sie demnächst wieder in einen Konflikt, reichen Sie Ihrem Gegenüber wortlos einen Keks, eine Blume. Jede Wette, es passiert was Neues. Oder wenn's nächstes Mal Stress gibt im Büro, setzen Sie sich bei der Besprechung einfach mal auf den Sessel der Chefin.

Na, ich weiß nicht...

Sagen Sie einfach: Ach, jetzt hab ich mich geirrt. Es ist erstaunlich, welche einfachen Störmanöver neue Ergebnisse bringen. Mein Initialerlebnis war: In unserer Beziehung ist meine Frau eher die Strenge, ich bin der Nachgiebige den Kindern gegenüber. Einmal, durch Zufall, hab ich eines unserer beiden Kinder etwas schärfer attackiert, und in der Sekunde hat sie es verteidigt. Da halte ich mich einmal nicht an die Regel, und sofort geschieht was anderes. Was mich total gefreut und mir bestätigt hat, wie leicht veränderbar unsere Beziehungen sind.

Das Beispiel mit der Wasserpistole ist auch genial.

Ja, es stammt vom großen Steve de Shazer. Eine Mutter hatte ein unerfindlich aggressives Kind. Der Therapeut fragte, ob sie mit der Idee etwas anfangen könne, eine Wasserpistole einzustecken, um dem Kind beim nächsten Tobsuchtsanfall zwischen die Augen zu spritzen. Konnte sie. Als es so weit war, musste sie aber so lachen, dass sie gar nicht weiter kam. Statt zurückzuschreien, hat sie gelacht. Tobsuchtsanfall vorbei. Die Endlosschleife war gestoppt.

Aber wenn ich, sagen wir, schweren Liebeskummer hab, da kann mir keiner mit so was Simplem kommen!

Doch. Aber in diesem Fall muss man den Vorschlag sehr vorsichtig machen. Denn Sie kämpfen ein Jahr mit Ihren Trennungsschmerzen, und dann komme ich und sage: Frau Berger, machen Sie mal was anderes. Dann werden Sie zu Recht sagen: Schleichen Sie sich! Denn ich klinge so, als würde ich Ihren Schmerz nicht ernst nehmen. Nehme ich aber und gebe Ihnen den Ratschlag: Nehmen Sie sich eine Stunde pro Tag Zeit, in der Sie bewusst traurig sind. Schreiben Sie sich auf, was Ihnen in den Sinn kommt. Über den Menschen, wie toll er war usw. Wenn Sie tagsüber traurig werden, sagen Sie sich: Jetzt nicht. Am Abend habe ich die Stunde, da mache ich das dann. Klingt komisch, versetzt Sie aber in die Lage, dem Schmerz eine Zeit zuzuordnen. So sagen Sie ihm nämlich, wann er kommen darf und wann nicht. Sie steuern ihn, nicht er Sie. Anschließend zerreißen Sie die Zettel mit dem ganzen aufgeschriebenen Kummer oder verbrennen sie. Und seine Tage sind gezählt!

Mach ich beim nächsten Mal. Und die sogenannte Wunderfrage klingt auch nach Hammer. Können Sie die kurz beschreiben?

Gern. Daniel Glattauer zitiert sie übrigens in seinem Buch "Die Wunderübung". Diese Übung stammt vom erwähnten Steve de Shazer. Kurz gefasst lautet sie: Stell dir vor, über Nacht ist dein Problem gelöst! Woran würden die anderen erkennen, dass das der Fall ist, ohne dass du etwas sagst. Was wäre anders? Sie werden sagen: Ich würde wahrscheinlich fröhlich und unbeschwert sein und mit jemandem auf einen Kaffee gehen. Wenn es Ihnen dann auch noch gelingen sollte, sich so zu verhalten, als wäre Ihr Problem gelöst, werden die anderen Sie behandeln wie jemanden, dem es gut geht. Was wiederum Sie anders agieren lässt und so fort.

Jetzt noch mal zurück zur Wurzel. Es gibt keine objektiven Probleme, sagen Sie, sondern nur solche, die man sich macht. Und machen kann man aus allem eines.

Eine klassische Definition, die ich für hilfreich halte. Sobald Sie zum Beispiel konkrete Vorstellungen davon entwickeln, wie eine Sache oder Ihr Leben verlaufen soll, produzieren Sie nichts als Probleme. Je strenger Ihre Vorstellungen, desto mehr Probleme, denn Sie müssen davon ausgehen, dass das meiste anders kommt als geplant. Konkrete Ziele sind überlebenswichtig, weil sie uns eine Richtung geben, aber sie sollten flexibel bleiben.

Inwiefern hängt es mit meiner Sicht auf die Dinge zusammen, ob ich wo anstehe oder nicht?

Sie sind es, die Realität bewertet und Probleme erkennt oder eben nicht. Eine Straße hat Schlaglöcher. Der Straße ist das egal. Ein Problem entsteht erst, sobald ich von der Straße fordere, schlaglochlos zu sein. Jetzt kann ich sie entweder stopfen oder, wie die Berliner das machen, ein 30 km/h-Schild aufstellen, damit alle gemütlich drum rum fahren können. Auch das chaotische Kinderzimmer ist nur ein Problem, weil ich eine bestimmte Wertung im Kopf habe. Und wenn Ihnen hundert andere sagen, Sie hätten ein Problem, weil Sie graue Haare haben, wird 's immer schwieriger, das wegzudrücken. Aber letztlich bin ich es, der es annimmt oder nicht.

Das ist ja das Gleiche mit den Schönheitsidealen.

Jeder neue Trend, der in die Welt gepustet wird, erzeugt bei bestimmten Leuten automatisch ein neues Problem. Heute soll der Po so auschaun und morgen so. Und weil der Privat-Po prinzipiell anders aussieht, entsteht sofort der Bedarf nach einem, der eine Lösung hat. So schafft man Märkte.

Also nicht abhängig davon zu sein, lautet die Parole!

Ja. Ich weiß, leicht gesagt, schwer getan. Es hilft aber, diesem Irrsinn unsere Aufmerksamkeit zu entziehen. Auch das Umfeld zu wechseln, hilft mitunter. Eine Bekannte ist aus Kuba zurückgekommen und war entzückt: "Mir ist es dort so gut gegangen. Da waren alle so ein bissl mollig wie ich." Das ist übrigens auch ein Grund, warum wir alle so gern auf Urlaub fahren. Wir wechseln den Kontext und lassen damit einen Haufen Probleme hinter uns. Probleme haben aber auch ihre guten Seiten, behaupten Sie! ANKOWITSCH: Zweifellos. Ich kenne den einen oder anderen, bei dem ich manchmal das Gefühl habe, dass er Probleme erfindet, um Spaß zu haben. Der braucht das Drama, um sich zu fühlen. Stundenlange nächtliche Anrufe, überstürzte An-und Abreisen, das macht ja was her.

Und wie profitieren Beziehungen davon?

In Beziehungen fungieren Probleme und Konflikte oft als Stabilisator. Ich hab mal zu einem Freund, der häufig über seine Ehe gejammert hat, gemeint: "Willst du dich nicht endlich scheiden lassen?" Seine Antwort: "Wieso? Wir führen eine sehr stabile Problembeziehung." Eine sehr schöne Beschreibung dafür, wie wichtig Probleme im Alltag sein können. Jeder weiß, wie er mit ihnen umgehen soll, welche Knöpfe er drücken muss, um den anderen aus der Reserve zu locken. Das gibt unglaubliche Sicherheit -im Gegensatz zu Lösungen. Die sind neu und daher anstrengend und gefährlich. Es tut zwar weh, dass er mich schon wieder nicht ernst nimmt, gleichzeitig weiß ich aber genau, was passieren wird. Einen halben Tag red ich nicht mit ihm, dann kommt die große Versöhnung, und der Sex nach Streitereien ist ja meist besonders toll. Da würden so manche ihr Sexleben ruinieren, wenn die auf hörten zu streiten.

Also keine Problemlösung um jeden Preis?

Wir sollten zumindest genau drüber nachdenken, welche Funktion unsere Probleme haben. Ein Problem kann auch wie ein alter Freund sein. Geht einem unheimlich auf die Nerven, aber man mag sich halt.

Wenn ich aber echt leide?

Dann bringen Sie die eingefahrenen Beziehungsspielchen durcheinander. Keks, andere Bettseite, Wasserpistole statt schreien. Homöopathisch kleine Dosen genügen, Sie werden es sehen!

Christian Ankowitsch, gebürtiger Klosterneuburger, lebt als freier Journalist in Berlin. Er hat bereits zahlreiche Bücher veröffentlicht und moderiert das Literaturmagazin "lesArt" im ORF. ein Buch "Die Kunst, einfache Lösungen zu finden" erscheint bei rowohlt um 18,50 Euro.