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"Fehler kann ich nicht mehr ändern ..."

Christine Kaufmann: Sie war Kinderstar, "Hollywood-Wife", liebte sich durch die wilden 70er und machte sich als Autorin und Wellness-Expertin einen Namen. Dass die Schauspielerin im Jänner 70 wird, kann man kaum glauben. Wir fragten sie zu Fluch & Segen der Schönheit, zu Männern und Glücklichsein.

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"Fehler kann ich nicht mehr ändern ..."
© Rafaela Pröll

Die Stimme ist angenehm sanft, zwischendurch kichert sie wie ein junges Mädchen. Kaum zu glauben, dass diese Frau erst kürzlich eine andere "Sie Fotze!" geschimpft hat. Aber wenn Christine Kaufmann etwas so gar nicht leiden kann, dann die Unterstellung, der Beauty-Doc hätte etwas mit ihrem sensationellen Aussehen zu tun. Am 11. Jänner wird sie 70. Und die glatte Stirn, die sie dem Älterwerden bietet, führt sie auf Wohlfühlfaktor, gute Gene und ihre eigenen Cremen zurück (christinekaufmann.eu). Der hart erkämpften Ausgeglichenheit ging ein bewegtes Leben voran: Kinderstar-Status, als 18-Jährige Heirat mit Hollywoodlegende Tony Curtis (starb 2010), Geburt der Töchter Alexandra und Allegra, heute 48 und 50. Scheidung nur vier Jahre später. Die Galerie ihrer Liebhaber kann sich sehen lassen, heute sind die Männer in den Hintergrund getreten. Vier Enkelkinder und ein Urenkerl spielen die erste Geige. Wir plauderten mit der Schauspielerin, die ab 12. Dezember in ihrem Wunschstück "Funkelnde Geister" im Landestheater Linz auf der Bühne steht, über ihr bemerkenswertes Leben.

WOMAN: Beim Foto-Shooting haben Sie eben so verführerisch ausgesehen wie nach einer leidenschaftlichen Nacht.

Kaufmann: Aber das ist weit von der Realität entfernt. Für mich ist Sex kein Thema, ich hab niemanden, mit dem ich schlafen möchte.

WOMAN: Und das sagt ein "flotter Feger", wie Sie sich selbst mal bezeichnet haben.

Kaufmann: Ja, das war mal! Jetzt werde ich 70. Wissen Sie, die Männer meines Alters … also ich möchte, dass einer zumindest noch die eigenen Zähne hat.

WOMAN: Und wahrscheinlich nicht nur das?

Kaufmann: Er soll auch in guter körperlicher Verfassung sein. Und viele Männer, die sich gut halten, sind unerträglich eitel – während sich eine Frau ganz selbstverständlich um sich selber kümmert, weil sie das auch immer gemusst hat.

WOMAN: Es gibt ja auch jüngere Männer!

Kaufmann: In jungen Männern sehe ich eher Söhne. Ich bin ja schon Urgroßmutter, nicht zu vergessen! So ab Mitte 50 ist das Interesse an Sex einfach geschwunden, durch die Hormone, gepaart mit Stress.

WOMAN: Was hat Ihnen denn so zugesetzt?

Kaufmann: Die letzten Jahre waren eine Zeit der Katastrophen und Tragödien. Aber ich kann und will nicht darüber sprechen. Ich hab die Dinge zum Glück so handhaben können, dass sie mich nicht zerstört haben. Und für mich gibt es heute andere sinnliche Momente. Der Geruch von Kaffee, die Natur, Tanz, Yoga, die Theaterbühne! Umarmungen von Freunden. Sich in seinem Körper wohl zu fühlen, ist ein erotischer Zustand. Manche sagen sogar, beim Schreiben kriegen sie Lust auf Sex.

WOMAN: Aha! Sie schreiben ja auch gerade wieder ein Buch, "Sinnliche Zeiten", über die 1960er-Jahre!

Kaufmann: (lacht) Ich sage ja nicht, dass Sex nie wieder eine Rolle spielen kann. Aber da müsste viel zusammenpassen.

WOMAN: Oft genug hat’s ja gepasst. Sie waren vier Mal verheiratet, in erster Ehe mit Tony Curtis. Unter Ihren Liebhabern finden sich klingende Namen wie Warren Beatty oder Eric Clapton.

Kaufmann: Na, mit Beatty war eh jede zusammen. Mit Eric Clapton hatte ich zwei wunderbare Nächte. Das war ja auch eine andere Zeit, die 1970er-Jahre. Man konnte als Frau einen Mann erleben, ohne im Geringsten an Ehe oder Beziehung denken zu müssen. Nur die Ewigkeit des Moments hat gezählt. Für mich hat diese freie Liebe in den 1980er-Jahren abrupt aufgehört, als Aids kam.

WOMAN: Was macht für Sie einen guten Liebhaber aus?

Kaufmann: Die Sexualität ist dann toll, wenn der Rest auch toll ist. Die Gespräche, die Intelligenz, der Humor, die Kreativität. Jeder Mann, den man liebt, wird zu einer schönen sexuellen Erfahrung. Das hat nichts damit zu tun, dass er stundenlang auf einem rumzuckelt. Lächerlich!

WOMAN: Reden wir über weniger schöne Erfahrungen: die Enterbung Ihrer Kinder.

Kaufmann: Ja, das war ein Drama. Tony Curtis hatte jedem seiner fünf Kinder 500.000 Dollar als Erbe versprochen. Aber seine Witwe, 45 Jahre jünger als er, hat es geschafft, alles einzustecken.

WOMAN: Gibt es in den USA keinen Pflichtteil für Kinder?

Kaufmann: Nein. Eine Tochter hat vergeblich versucht zu klagen. Es ging ja nicht nur ums Geld. Die Kinder bekamen gar nichts, kein Erinnerungsstück, nicht einmal ein Foto. Das hat ihnen wahnsinnig weh getan. Ich habe bei der Scheidung von Tony auf alles verzichtet, weil ich nur weg wollte. Heute bereue ich das. Wegen der Kinder.

WOMAN: Ihre Töchter haben einiges erlebt. Ihr Vater entführte sie nach Hollywood, sie waren nur den Sommer über bei Ihnen. Hin und her gerissen. Haben Sie manchmal ein schlechtes Gewissen deshalb?

Kaufmann: Das Problem ist: Ich kann die Fehler nicht ändern. Ich kann nur darauf verweisen, dass ich als Großmutter alles getan habe, was ich tun konnte. Ich war immer für meine vier Enkelkinder da, habe ihnen Studienplätze finanziert, habe die Familie zusammengehalten. Ich war keine perfekte Mutter. Aber ich war erst 17, als ich Tony kennenlernte, und 22, als ich weg bin.

WOMAN: Alexandra lebt mit ihrer Familie in Florida, Allegra mit ihrem Sohn Raffi in Ihrer Wohnung auf Mallorca. Sie unterstützen die beiden auch finanziell.

Kaufmann: Ja, das mache ich gerne, so weit ich es kann. Alexandra ist von Natur aus ein glückliches Mädchen, Allegra ist extrem sensibel und muss mehr um ihr Glück kämpfen.

WOMAN: Viele meinen, es muss toll sein, einen Hollywoodstar als Vater zu haben.

Kaufmann: Die Wahrheit ist: Der Mann, der von allen bewundert wird, lässt sich daheim gehen, liegt am Sofa und furzt und nimmt, wie in Tonys Fall, Drogen. Das ist für Kinder die Realität.

WOMAN: Warum haben Sie aufgehört, Tony Curtis zu lieben?

Kaufmann: Weil ich den wahren Menschen nie kennenlernen konnte. Er war viel zu beschäftigt damit, Tony Curtis zu sein.

WOMAN: Stimmt es, dass Sie sich in einen anderen verliebt haben?

Kaufmann: Ja. Ich habe mich in seinen besten Freund, einen Filmproduzenten namens John Calley verliebt. Warum? Weil ich mit einem Mann zusammen war, der mich nie gefragt hat, wie es mir geht. Mit dem ich nie wirkliche Gespräche führen konnte, wie das Ehepartner machen. Ich war für ihn eine hübsche, junge Visitenkarte. Janet Leigh, seine erste Frau, hat übrigens das Gleiche moniert wie ich. Er war, wie gesagt, immer damit beschäftigt, Tony Curtis zu sein. Ja, wir haben eine amüsante Beziehung gehabt und im schönsten Haus von Hollywood gewohnt. Aber das ist auf Dauer zu wenig. Das mit John Calley hielt dann so zwei Jahre.

WOMAN: Hollywoodstars sind offenbar nicht unbedingt Traummänner?

Kaufmann: Nein. Ich sehe dort nicht besonders glückliche Leute. Oder? Sie sind in Ausnahmesituationen, immer getrieben. Sicher nicht das Fundament einer guten Beziehung.

WOMAN: Eine Beziehung bis ans Lebensende – das ist für viele das Ideal. Wie sehen Sie das?

Kaufmann: Die Frage ist, wie die Beziehungen sind, die ein Leben lang dauern. Manchen gelingt es, dass es passt und ich gratuliere denen, die’s schaffen. Mein Weg war ein anderer.

WOMAN: Von Ihrem letzten Mann, dem Künstler Klaus Zey, ließen Sie sich vor fünf Jahren scheiden. Davor schwärmten Sie noch in einem Interview, wie unerschütterlich er in Sachen Beziehung sei.

Kaufmann: Ja, aber unser Leben änderte sich. Ich hatte mit großen Anforderungen finanzieller Art zu kämpfen Da ist er mir nicht zur Seite gestanden … Ich war nicht mehr glücklich mit ihm. Lustig, wenn man das als 65-Jährige sagt.

WOMAN: Von Ihrem letzten Mann, dem Künstler Klaus Zey, ließen Sie sich vor fünf Jahren scheiden. Davor schwärmten Sie noch in einem Interview, wie unerschütterlich er in Sachen Beziehung sei.

Kaufmann: Ja, aber unser Leben änderte sich. Ich hatte mit großen Anforderungen finanzieller Art zu kämpfen Da ist er mir nicht zur Seite gestanden … Ich war nicht mehr glücklich mit ihm. Lustig, wenn man das als 65-Jährige sagt.

WOMAN: Weil eine ältere Frau froh sein muss, wenn sie überhaupt einen hat …?

Kaufmann: So denken doch viele. Aber ich dachte: Jetzt bist du 65, wie viele gute Jahre wirst du noch haben? Sagen wir zehn. Warum soll ich diese Jahre mit jemandem verbringen, der mich nicht glücklich macht? Ich hab ihn ja auch nicht glücklich gemacht. Aber wie die meisten Männer – er hätte damit gelebt. Statistisch gesehen trennen sich Männer auch weniger oft als Frauen. Vor allem, wenn sie älter sind. Heute sind Klaus und ich beste Freunde.

WOMAN: Zehn gute Jahre? Möchten Sie nicht 100 werden?

Kaufmann: Nein. Ich interessiere mich für ein gutes Leben, nicht für ein langes. Ich habe auch keine Angst vorm Sterben. Viele glauben, dass es schrecklich ist. Aber wir wissen das gar nicht. Ist ja noch keiner zurückgekommen. Es könnte jedoch sein, dass man mit der falschen Einstellung auch schlecht stirbt. Auf biegen und brechen alt werden? Wozu? Ich hab so viel erlebt und gesehen, ich war von Hollywood bis zum Himalaya überall und ich liebe die hügelige Landschaft von Österreich und Bayern. Da fühle ich mich zuhause. Und das ist ein Ziel, das ich erreicht habe: Dass ich trotz dieser merkwürdigen Wege, die mir das Leben angeboten hat, eine Art Heimatgefühl entwickeln konnte.

WOMAN: Glauben Sie an Wiedergeburt?

Kaufmann: Ja, deshalb versuche ich auch das hier ordentlich zu machen. Ich glaube, jeder Mensch kommt mit einer Seele auf die Welt. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass man immer neu anfängt. Denn es gibt so viele Dinge, die man weiß, aber nie gelernt hat.

WOMAN: Die Anforderungen, die Sie zuvor erwähnten: Ging es da ums Thema Teleshopping und einen Prozess? Die Medien berichteten damals. Sie verkauften ja bis vor einigen Jahren Ihre Cremen via TV.

Kaufmann: Es war ein großer Erfolg – aber man hat versucht, mir das Geld streitig zu machen. Ich habe vier Jahre ums Überleben gekämpft. Es gibt leider Leute, die für Geld jeden Menschen kalt lächelnd ins Unglück stürzen würden. Es gibt überall Kampf. Auch am Theater. Aber da kämpft man doch fairer.

WOMAN: Sie spielen ja gerade selbst. Am Linzer Stadttheater haben Sie die Rolle der skurrilen Geisterbeschwörerin Arcati in Noël Cowards "Funkelnde Geister".

Kaufmann: Und das macht mich sehr glücklich. Ich wollte immer diese Rolle der komischen Alten spielen, die schon Margaret Rutherford gegeben hat. Und mit Regisseur Gerhard Willert habe ich es endlich geschafft, das Stück auf die Bühne zu bringen.

WOMAN: Stichwort Bühne: Legendär war Ihr Auftritt 1973 als nackte Salome am Bochumer Theater. Erinnern Sie sich?

Kaufmann: Klar. Ich war zwei Stunden nackt auf der Bühne und alle im Zuschauerraum angezogen. Das muss man mal durchziehen. Nachher wurde ich natürlich kritisiert, dicker Arsch und so. Die Menschen sind eben garstig. Ich habe das aber bewusst gemacht, um meine Angst vor Menschen zu verlieren. Und es hat funktioniert.

WOMAN: Welche Angst vor Menschen?

Kaufmann: Wenn ich auf eine Cocktail-Party musste, bekam ich Schweißausbrüche. Fremde Menschen – schrecklich! Das kam noch aus meiner Zeit als Kinderstar. Einerseits wurde ich gefeiert, andererseits kritisiert: Wieso hast du heute Augenringe? Ich war sehr isoliert. Und die Verantwortung, als Neunjährige eine Familie erhalten zu müssen, war fast zu viel für ein Kind.

WOMAN: Eine Karriere als Kinderstar klingt nicht sehr verlockend!

Kaufmann: Nein. Aber dafür bin ich heute jemand, der sich auch sehr wohl fühlt, wenn er alleine ist. Ich hab ja nie mit anderen Kindern gespielt. Ich kann sitzen und nur in die Wolken schau’n und es geht mir bestens. Einsam bin ich nie.

WOMAN: Wenn Sie Fotos von sich von früher sehen, wie geht’s Ihnen dabei. Wehmut?

Kaufmann: Überhaupt nicht. Ich war ja wirklich wahnsinnig schön, aber ich hab das gar nicht mitgekriegt. Sich selber schön zu finden, war schlechtes Benehmen. So wurde man erzogen. Früher haben die Frauen ihre Schönheit nicht so vermarktet. Ich hab mich auch nie über Schönheit definiert. Deshalb kann ich auch gut altern. Meine Kraft ist, dass ich mich für andere Dinge interessiere als für mich selbst. Vor allem für andere Menschen.

WOMAN: Schöne Frauen haben meistens Massen von Verehrern! Ein Vorteil?

Kaufmann: Die Männer, die einem nachlaufen, weil man schön ist, sind nie erste Sahne. Schönheit kann auch ein Fluch sein. Liebe hat ja in Wahrheit gar nichts damit zu tun. Die Frauen mit den netten Männern sind nie die großen Schönheiten, sondern die sauberen, appetitlichen Frauen. Übrigens ...

WOMAN: Ja?

Kaufmann: Es gibt einen Einzigen, den ich toll finde: Russell Crowe. Der ist für mich der Inbegriff von allem Männlichen und er ist so ein begabter Schauspieler. Der ist das Beste, was der liebe Gott seit Jahren in Sachen Mann auf die Welt gebracht hat. Bei dem würde man "ja" sagen (kichert), aber er ist ja im Alter meiner Kinder!

WOMAN: Sie steh’n offenbar nicht auf Softies ...

Kaufmann: Ach, um Himmels willen! (macht eine abwehrende Handbewegung).

WOMAN: Wenn Ihnen jemand unterstellt, dass Sie geliftet oder gebotoxt sind, werden Sie böse. Sie haben deshalb sogar eine Kabarettistin auf einem Event als "Sie Fotze" beschimpft. Warum rasten Sie da so aus?

Kaufmann: Weil es nicht stimmt. Man kann sich nicht zu gutem Aussehen hinoperieren lassen. Man sieht nur gut aus, wenn es einem gut geht. Aber das wird nicht akzeptiert. Alles muss vom Beauty-Doc gemacht sein. Da werden auch wirtschaftliche Interessen vertreten und verteidigt, nämlich: Dass eine Frau nur ganz ohne Falten gut aussehen kann. Aber ich will da nicht mitmachen. Meine Falten sind meine Patina. Und: Schimpfen konnte ich schon als Kind wie ein Matrose, wenn ich mich verteidigen musste. (schmunzelt).

WOMAN: Augenscheinlich geht es Ihnen gut! Sind Sie ein zufriedener Mensch?

Kaufmann: Zufrieden ist nicht das richtige Wort. Aber die Herausforderungen des Lebens, die schlimmen Dinge, mit denen man immer rechnen muss, machen mir keine Angst mehr. Das würde ich als Glück bezeichnen.

WOMAN: Haben Sie noch einen unerfüllten Wunsch?

Kaufmann: Ja, ich hätte gerne noch ein Haus mit Garten. Weniger wegen mir, aber wegen meiner Kinder. Ich würde ihnen gerne etwas hinterlassen. Wenn das ihr Vater schon nicht konnte ...

Thema: Society