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"Passiert nur in den USA?": Christl Clear über Alltagsrassismus in Österreich

Polizeigewalt und Rassismus betreffen nicht nur die USA. Wir haben mit Christl Clear über die jüngsten Ereignisse gesprochen und darüber, was wir ALLE tun können.

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"Passiert nur in den USA?": Christl Clear über Alltagsrassismus in Österreich
© Marko Mestrovic

"I can't breathe!" – ein Satz, der uns traurigerweise in Erinnerung bleiben wird. Ein Satz, bei dem es uns kalt den Rücken hinunterläuft. Ein Satz, der einem Polizisten zugerufen wurde, der gerade einem unschuldigen Mann die Luft abschnürte. Der Tod des Afroamerikaners George Floyd rief eine Protestbewegung ins Leben, die mittlerweile globale Ausmaße angenommen hat. Zu Recht, denn systematischer Rassismus und Polizeigewalt gegen POC (People of Color) passiert nicht nur in den USA. Und George Floyd ist keineswegs eines der ersten Opfer. Wir haben mit einer unserer Lieblings-Bloggerinnen, der Wienerin Christl Clear, über die Protestbewegung und ihre Erfahrungen mit Alltagsrassismus in Österreich gesprochen. Alles zu ihrer Kolumne auf woman.at findet ihr übrigens hier.

WOMAN: Zuallerst mal: Wie geht es dir? Wie waren die letzten Tage für dich?
Christl Clear: Ich bin ziemlich aufgewühlt und habe das Gefühl, dass die letzten paar Tage eine Achterbahn der Gefühle waren. Ich möchte mich über die Solidarität online und an vielen Orten der Welt auch offline freuen, aber die Tatsache, dass viele Menschen so überrascht sind von dem Ausmaß an Rassismus mit dem sich viele Menschen weltweit auseinandersetzen müssen, ist ein Zeichen, dass wir noch viel Aufklärungsarbeit leisten müssen. Und wenn ich „wir“ sage, dann meine ich nicht nur POC und Allies, sondern auch die Medienlandschaft.

Was würdest du Menschen begegnen, die behaupten, die Thematik betrifft nur Schwarze in den USA?
Christl Clear: Ich würde sie bitten folgende Namen zu googeln: Ahmed F., Cheibani Wague, Essa Touray, Marcus Omofuma, Edwin Ndupu, Bakary Jassey, Mike Brennan, Richard Ibekwe. Dann hoffe ich darauf, dass ihre Scheuklappen abgefallen sind und wir darüber reden können, wie problematisch diese ignorante Denkweise ist. Polizeigewalt ist ein internationales Problem, Amerika ist nur der Hotspot.


Alltags-Rassismus: Gibt es eine prägende Situation, die dir besonders in Erinnerung geblieben ist?
Christl Clear: Nein, sie sind alle gleich schlimm und verursachen alle kleine Narben. Die meisten Menschen haben gelernt damit zu leben, weil sie dem eben alltäglich ausgesetzt sind. Aber die Feinkost-Mitarbeiterin, die mich nicht dran nehmen wollte, ist genau so schlimm wie der Türsteher, der mich nicht mehr in die Bar rein lassen wollte, weil ich kurz draußen telefoniert habe und mich eine Viertelstunde draußen bei Minusgraden stehen hat lassen. Der wiederum ist genau so schlimm wie die Dame, die in der Ubahn aufgestanden ist, nachdem ich mich neben sie gesetzt habe und sagt „Wäh, neben einem grindigen Ne*er sitz ich fix nicht!“, etc … Sie sind mir alle in Erinnerung geblieben, haben mich geprägt und mich darin bestärkt, mich immer wieder einzusetzen und meine Stimme zu erheben.

»Diese Dinge passieren nicht täglich, aber sie passieren regelmäßig.«

Fallen rassistische Kommentare eher online oder offline?
Christl Clear: Es passiert mir eher offline. Es sind die Taxifahrer, die keine Ne*er mitnehmen wollen, die Feinkost-Mitarbeiterin, die dich nicht bedient, Menschen, die dir randomly was hinterherschreien, Leute, die mit dem Finger auf mich zeigen, Eltern, die ihre Kinder nicht korrigieren, wenn sie etwas "Falsches" sagen, die Türsteher, die sagen, der Club ist voll und wenn man dann reinkommt, weil man jemanden kennt, um dann festzustellen, dass kaum Leute da sind oder, etc... Ich will gar nicht erst von Alltagsrassismus anfangen, mit dem man sich auseinandersetzen muss. Diese Dinge passieren nicht täglich, aber sie passieren regelmäßig. Das steht alles in keinem Verhältnis zu den wenigen Online-Angriffen.

Was kann man tun? Wie kann man sich engagieren oder Solidarität zeigen?
Christl Clear: Ich find's zwar toll, dass auf Instagram alle auf den Zug aufspringen, Posts und Videos teilen, den Hashtag #blacklivesmatter teilen und so weiter. Aber Menschen, die regelmäßig Rassismus ausgesetzt sind, brauchen Real-Life-Solidarität. Lasst die Leute wissen, dass sie keine keine rassistischen Kommentare bringen können, macht sie darauf aufmerksam, wenn sie ignorant handeln, achtet auf Diversität und bitte hört nicht damit auf, wenn diese Welle hier abgeschwächt ist. Weil, wenn das hier auf Social Media kein Thema der breiten Massen mehr ist, schlagen POC sich immer noch mit Rassismus herum.