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Skifahrerin Lösch: "Weigere mich, mich beim Sport zu schminken"

Sie hat zahlreiche Medaillen bei Großereignissen eingefahren und war sechs mal Behindertensportlerin des Jahres - vor kurzem hat Claudia Lösch ihren Rücktritt bekannt gegeben und dabei mit Kritik nicht gespart.

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Skifahrerin Lösch: "Weigere mich, mich beim Sport zu schminken"
© Claudia Lösch

Am Tag des Sports hat Wahltirolerin Claudia Lösch in einem sehr deutlichen Facebook-Posting verkündet, dass sie ihre aktive Karriere als Skifahrerin beendet. Im großen Interview mit WOMAN.at spricht sie darüber, warum ihr die Motivation zum Weitermachen fehlt, wie sich der Umgang mit Frauen im ÖSV verändern muss (und dafür ein Schminkkurs als Maßnahme ungeeignet ist) und warum man es als politischer Mensch im Spitzensport generell nicht leicht hat.

Du hast kürzlich relativ überraschend deinen Abschied aus dem Spitzensport bekannt gegeben. Wann hast du den Entschluss gefasst?
Claudia Lösch: Für mich selbst hatte ich das bereits Anfang August entschieden. Vor dem Sommer hatte ich noch eine Operation und als es dann wieder zum Trainieren gewesen wäre, habe ich gemerkt, dass mir nach allem was vorgefallen ist - Stichwort: Weltmeisterschaft und Cheftrainernachbesetzung - die Motivation komplett fehlt. Und weil die Gemengelage so schwierig war, hab ich relativ lange hinaus gezögert, es öffentlich zu machen. Ich wusste nicht, wie ich publik machen soll, was mich dazu bewogen hat.

Und dann hast du es am Tag des Sports und dann auch in einem Facebook-Posting doch recht deutlich publik gemacht. Du nennst vor allem des Internationale Paralympische Kommittee (IPC) als Grund. Was ist da los?
Claudia Lösch: Das IPC ist größenwahnsinnig. Damit meine ich, dass die Organisation schneller entwickelt wird, als der Sport. Der Apparat des IPC wird derzeit mit viel Geld aufgeblasen. Geld, das dem Sport direkt entzogen wird. Veranstalter, die Rennen durchführen wollen, werden sowohl organisatorisch als auch finanziell vor unbewältigbare Herausforderungen gestellt - das kann sich niemand leisten. Für die Schweizer WM Veranstalter geistert momentan ein Betrag von 250.000 bis 300.000 Euro herum. Das müssten die nur dafür zahlen, damit sie die WM veranstalten dürfen. Das ist vermutlich das ganze Jahresbudget vom Schweizer Team. Ein anderer Punkt sind unfaire Klassifizierungen - das System funktioniert schon länger nicht. Weil einzelne Klassifizierer zu viel Entscheidungsmacht haben, landen viele AthletInnen in falschen Klassen, wo sie aufgrund ihrer körperlichen Voraussetzungen einfach nicht hingehören und das Klassement durcheinander bringen.

Du hast auch kritisiert dass die WM nicht bestätigt ist und der Rennkalender für die kommende Saison noch nicht steht. Inzwischen ist Oktober, gibt es einen Plan?
Claudia Lösch: Nein. Also nicht bestätigt. Auf der Website vom IPC gibt es einen Rennkalender, ich weiß aber von mindestens drei Veranstaltern, dass sie die Rennen nicht durchführen werden. Es steht auch die WM im Kalender, die in Kranjska Gora (Slowenien) und Selle Nevea (Italien) stattfinden soll. Das italienische Skigebiet ist aber von der Infrastruktur her nicht geeignet und die Italiener wollen es auch gar nicht in der Form machen. Also ich weiß nicht, ob es eine WM geben wird.

Claudia Lösch beim Interview in Wien.

Wie geht es dem Behindertensport auf österreichischer Ebene? Welche Bedingungen hast du zuletzt vorgefunden, habt ihr im Sommer auf Schnee trainiert?
Claudia Lösch: Bei uns beginnt die Rennsaison ein Monat später als bei den Nicht-Behinderten, insofern haben wir nicht so einen Stress. Den Sommer nützen wir für sehr gründliches Konditionstraining. Dafür war ich jahrelang am Olympiazentrum in Innsbruck und hatte dort einen super Trainer, der sehr individuell mit uns trainiert hat. Auch das Schneetraining hat in den vergangenen Jahren sehr gut funktioniert, wir hatten Trainingslager in Chile und dergleichen. Das ist heuer ausgefallen. Es gibt zwar verschiedenste Erklärungsvarianten, warum plötzlich das Geld dafür fehlt - aber die, die am häufigsten zu hören ist, ist die, dass es am neuen Sportminister liegt.

Merkt man als Sportlerin im täglichen Training überhaupt wer in der Regierung bzw. Im Sportministerium am Werk ist? Wie schnell wirken sich personelle Wechsel aus?
Claudia Lösch: Man merkt es sofort. Gerade im Behindertensport ist man sehr stark von individuellen Persönlichkeiten an der Spitze abhängig. Auch wenn wir hier von zwei blauen MinisterInnen reden: Susanne Riess-Passer war damals ein Goldgriff, während H.C. Strache dem Behindertensport - jedenfalls dem Skiteam - nicht gut getan hat bisher. Das mag ein subjektives Gefühl sein, aber bei uns SportlerInnen ist das so angekommen.

Wie geht es dir dann dabei den politischen Verantwortungsträgern die Hand zu schütteln?
Claudia Lösch: Es war für mich tatsächlich nicht leicht, H.C. Strache und auch Sebastian Kurz bei diversen Olympia-Empfängen in dieser Form zu begegnen. Vor allem deshalb, weil es da so eine klare Hierarchie gibt. Und: Ich habe politisch wirklich ein Problem mit diesen beiden Herren. Insbesondere in der FPÖ mit ihrem Innenminister sehe ich eine Gefahr für Österreich. Also jedenfalls für eine offene und liberale Gesellschaftsordnung. Ich war oft überfordert mit der Frage, wie ich Protest ausdrücken kann. Denn im Endeffekt geht es ja nicht nur um mich, sondern auch um meine TeamkollegInnen und den gesamten Behindertensport. Das ist ein schwieriges Spannungsfeld für mich.

Das heißt es ist nicht leicht, sich als politischer Mensch im Spitzensport zu bewegen?
Claudia Lösch: Ich habe lange versucht, diese Dinge strikt zu trennen bzw. mich selbst zu belügen. Spätestens in Sochi habe ich das bemerkt. Dort habe ich mich durchgehend fehl am Platz gefühlt. Weil ich einfach gemerkt habe, dass es sich dabei um ein Megaprojekt handelt, mit dem sich ein Halb-Diktator – nein Moment, ein lupenreiner Demokrat! – profilieren will. Ich habe damals wahnsinnig viel drüber nachgedacht und das hat dann auch meine sportlichen Leistungen beeinträchtigt. Aber gleichzeitig hatte ich auch nie den Mut zu sagen: „Das ist jetzt der Punkt, an dem ich eigentlich aussteigen müsste.“

Es ist ja auch Beruf und Leidenschaft in einem - so leicht geht das wohl nicht.
Claudia Lösch: Mir war das Spannungsfeld immer bewusst. Auch ökologisch. Eigentlich ist es ein Wahnsinn, dass 15 Österreicher quer um die halbe Welt fliegen um in Chile im Sommer Ski zu fahren oder noch absurder, nach Holland in den Kühlschrank (Skihalle, Anm.). Diesen CO2-Abdruck brauchen wir nicht zu diskutieren. Aber da war ich lange Zeit sehr egoistisch.

Der ÖSV war zuletzt mit anderen negativen Schlagzeilen konfrontiert. Unter anderem hat die ehemalige Skifahrerin Nicola Werdenigg mit ihrer öffentlichen Stellungnahme eine Diskussion über Missbrauch und Übergriffe in Gang gesetzt. Wie hast du als Skifahrerin den Umgang damit von Seiten des ÖSV empfunden? Und hat das für die Zukunft etwas für die Frauen im Skisport verändert?
Claudia Lösch: Die Reaktion der Verbandsleitung war im ersten Moment sicher unglücklich, das wurde auch dort eingeräumt. Meine persönliche Wahrnehmung: Ich glaube Nicola Werdenigg jedes Wort. Ich kann mir das absolut vorstellen. Aber ich muss festhalten: Es wurde im ÖSV wirklich damit begonnen, zarte Schritte in die richtige Richtung zu setzen. An die Klasnic-Kommission würde ich mich im Fall der Fälle zwar nicht wenden, mit Petra Kronberger gibt es aber sicher eine, die sich für uns einsetzt. Wie lange es dauert, bis das nach unten bzw. auf alle Ebenen durchdringt und sich auch der Umgangston verändert, wird sich weisen.

Wie ist denn der Umgangston?
Claudia Lösch: Mal so mal so. Im Laufe meiner Karriere ist viel blöd geredet worden. Ich hab es auch öfter für notwendig befunden, Trainern oder Betreuern zu sagen „Da ist die Grenze.“ Ein Beispiel: Ich habe einmal für eine Saison teamintern zufällig die Startnummer sechs zugelost bekommen und hab mir bei jedem Training anhören können: „Claudia, ‚Sex‘, bist dafür wirklich schon reif genug?“ Da war ich aber schon 27 oder 28. Wenn man das einmal hört, kann man vielleicht drüber lachen. Beim zweiten mal nervt es und beim dritten Mal ist es einfach zu viel.


Was braucht es noch an Maßnahmen innerhalb des ÖSV - ich habe gehört für die Frauen wurde ein Schminkkurs angeboten, während die Männer Paintball spielen waren?
Claudia Lösch: Das war wohl eine Marketing-Maßnahme, wahrscheinlich als Reaktion auf die Aufmachung von Lindsey Vonn. Ich bin kein Fan davon und weigere mich nach wie vor, mich beim Sport zu schminken. Allein schon deshalb, weil ich nicht will, dass mein Helm voller Make-Up ist. Aber man muss ja zum Glück nicht allen Direktiven folgen.

Apropos: Aktuell läuft ja das Frauenvolksbegehren hast du schon oder wirst du noch unterschreiben?
Claudia Lösch: Ich war am Dienstag am Magistrat und habe das Frauenvolksbegehren und das Don’t Smoke Begehren unterschrieben. Das gegen die GIS-Gebühren kommt nicht in Frage. Der ORF hat einen wichtigen öffentlich-rechtlichen Auftrag. Und gerade um auch über den Behindertensport zu berichten, sind diese Gebühren absolut notwendig.

Claudia Lösch in Action.

Du machst gerade ein Praktikum in der Olympiaworld in Innsbruck. Was hast du danach vor?
Claudia Lösch: Als erstes freue ich mich darauf, im Winter einfach mal so Skifahren zu gehen. Aber ich habe die kommenden Monate bzw. Jahre noch nicht so strikt durchgeplant, wie ich das als Sportlerin gemacht habe. Einfach, weil ich auch Zeit brauche, mich zu orientieren. Ich habe neben dem Sport ja auch schon viel ausprobiert, vom Journalismus bis hin zu Vorträgen - ich werde einfach mal schauen. Aktuell gefällt es mir in der Olympiaworld jedenfalls sehr gut.

Wäre die Politik nichts für dich?
Claudia Lösch: Das wäre auch ein Feld, das ich mir absolut vorstellen könnte. Wenig überraschend in der linken Hälfte des Spektrums. Einfach, weil ich der Meinung bin, dass es sehr wichtig ist wie sich unsere Gesellschaft entwickelt - und da hätte ich zu vielen Dingen etwas zu sagen. Aber ich habe jetzt noch keinen fixen Plan mir ein Parteibuch zuzulegen. Es ist mehr so eine grundsätzliche Überzeugung, dass ich was tun sollte.

Wo man dich ganz sicher bald sehen wird: Bei den Quiz-Meisterschaften in Wien am Wochenende des 12. bis 14. Oktober. Wie kommst du da dazu?
Claudia Lösch: „Herum g’scheiteln“ war schon immer meine große Leidenschaft. Wir haben zuhause viel Trivial Pursuit und andere Quizze gespielt. Dann kam das Pub-Quizz auch nach Österreich, eine Freundin hat mich mitgeschleppt, ich habe einen Haufen Leute die sehr engagiert sind kennen gelernt und so bin ich hängen geblieben. Ich habe dabei auch meinen Freund kennen gelernt und wir bereisen momentan ganz Europa gemeinsam in Quiz-Mission.


Und bist du dabei genauso ehrgeizig wie beim Skifahren? Also: Fliegt da dann auch das Zeug so wie früher die Skistecken, wenn es mal nicht klappt?
Claudia Lösch: Beim Quizzen hab ich mich ganz gut unter Kontrolle. Aber beim Kartenspielen kann das durchaus vorkommen.

Zur Person: Claudia Lösch(29) war bis zur heurigen Saison Behindertensportlerin im Bereich Ski Alpin. Infolge eines Autounfalls ist Claudia Lösch seit 1994 querschnittgelähmt. Seit dem Jahr 2002 war sie Mitglied des Austria Ski Team und hat drei Mal den Gesamtweltcup gewonnen, 2 mal Gold, 4 mal Silber und 3 mal Bronze bei den Paralympics geholt sowie 8 Goldmedaillen, 8 mal Silber und 3 mal Bronze bei Weltmeisterschaften. Sie ist im Niederösterreichischen Neupölla aufgewachsen, seit ihrer Matura lebt sie Innsbruck und studiert dort unter anderem Politikwissenschaften.