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Wenn das Zuhause nicht mehr sicher ist

Kaum ein Tag vergeht, an dem nicht von der steigenden Gewalt gegen Frauen zuhause gewarnt wird. Noch ist zum Glück kein signifikanter Anstieg zu erkennen. Aber was ist dran an den Prognosen? Und worauf kommt’s jetzt an? Eine Spurensuche.

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Andrea Brem ist verärgert. Die Chefin der Frauenhäuser in Wien wundert sich nämlich schon seit Tagen, warum auf allen medialen Kanälen Panik verbreitet wird. Bevorstehende Gewaltexzesse und keine Plätze mehr in den Frauenhäusern? „Diese Horrorszenarien verunsichern betroffene Frauen ja noch mehr! Solche Prognosen finde ich unseriös. Wir bemerken noch keinen Anstieg, was natürlich nicht heißt, dass der nicht noch kommen kann. Aber wir sind gut aufgestellt!“, gibt sich Brem optimistisch. In Wien stehen aktuell insgesamt 175 Plätze zur Verfügung, und sollte es erhöhten Bedarf geben, könnten jederzeit neue Quartiere für Frauen geschaffen werden. Von der Stadt gibt es dafür finanzielle Rückendeckung, weiß Brem. Auch die Häuser in den Bundesländern haben Zusage für Unterstützung. „Egal, was kommt, wir sind für Frauen da. Österreichweit!“, so ihre beruhigende Message.

Ein Blick in den Westen: Auch in den Salzburger Frauenhäusern ist noch alles beim Alten. Ist das die Ruhe vor dem großen Sturm? „Die meisten Menschen sind momentan noch damit beschäftigt, die äußere Krise zu bewältigen“, erklärt Renee Mader vom Gewaltschutzzentrum Salzburg. Jetzt geht’s darum, den Alltag zu stemmen, und sich zu überlegen, wie man mit einem drohenden Jobverlust umgehen könnte. „Wenn sich die neue Situation eingespielt hat, dann brechen die inneren Krisen aus. Wir kennen das von den traditionellen Familienfeiertagen. Um das heile Familienbild aufrecht zu erhalten, werden Übergriffe von Frauen eher übersehen. Erst wenn der äußere Druck wegfällt, holen sich die Betroffenen Unterstützung“, so Maders Einschätzung.

Anders schaut die Lage bei der Frauenhelpline aus: Dort verzeichnet man jetzt schon einen deutlichen Anstieg an Anrufen. Ein Plus von 50 Prozent in der ersten Woche der Ausgangsbeschränkungen, was allerdings auch auf die verstärkte Bewerbung der Helpline durch das Ministerium zurückzuführen ist, erklärt Maria Rösslhumer, Geschäftsführerin von den autonomen Frauenhäusern Österreichs. Aktuell sind es rund ein Drittel mehr Hilferufe, die dort einlangen. „Waren es in der ersten Phase noch eher inhaltliche Fragen zu Corona, bemerken mir jetzt schon, dass der Druck zuhause immer stärker wird und das Zusammenleben für viele Frauen bald nicht mehr aushaltbar ist“, gibt Rösslhumer zu Bedenken.

Es ist nicht die Isolation, die zu Gewalt führt, sondern …

Was genau kommen wird, weiß leider keiner so genau. Männer mit einem Gewaltproblem waren ja auch schon vor Corona Schlägertypen. Eines ist natürlich klar: So eine Krise wie wir sie jetzt haben, bringt uns alle an unsere Limits. „Es herrscht ein angespanntes Klima der Angst und Unsicherheit. Plötzlich vergrößerte Armutsrisiken, Kündigungen und ökonomische Existenzfragen tauchen da auf. Das unfreiwillig verstärkte Zusammensein auf begrenztem Raum birgt ein höheres Potenzial für Konflikte und Gewalt“, weiß Laura Wiesböck. Sie ist Soziologin und forscht an der Uni Wien u.a. zu Auswirkungen sozialer Ungleichheit. „Der springende Punkt ist aber letztlich die Gewaltbereitschaft von Männern, die nicht gelernt haben mit Gefühlen von Angst und Frustration gewaltfrei umzugehen“, betont sie.

In Niederösterreich hat ein 51-Jähriger mit einem Holzstück mehrmals auf seine schlafende Frau eingeschlagen. Er habe die vorherrschende Isolation als belastend empfunden, erklärte der Polizeisprecher das Motiv. „Das tun wir alle, das ist aber kein Anlass auf schlafende Frauen einzuprügeln“, so Wiesböck zu diesem Vorfall.
Der Online-Kurier titelte dazu ursprünglich (wurde bereits geändert) mit: „Coronavirus: Ausgangssperre führte zu Mordversuch“. Ähm, wirklich? Ist es nicht eher ein gewaltbereiter Mann, der diesen Mordversuch verübte? Dazu Wiesböck: „Die Ausgangssperre erhöht das Risiko von häuslicher Gewalt. Sie ist nicht der Auslöser von Gewalt. Gewalt kann nur stattfinden, wenn Menschen gewaltbereit sind.“

»Ja kein Weichei sein…«

Aber warum ist das eigentlich so, dass Männer vor allem in Krisenzeiten komplett out of control sind? Dazu meint Sophie Hansal von der Wiener Interventionsstelle gegen Gewalt in der Familie: „Gewalttaten im privaten Umfeld werden oft als Ausdruck heftiger Erregung gesehen – der Mann „explodiert“ eben manchmal, er kann mit seinen Gefühlen angeblich nicht anders umgehen. Dabei wird aber übersehen, dass Männer das nicht wahllos tun. Sie schlagen ja nicht ihren Chef, wenn sie wütend sind, wohl aber die Ehefrau. Gewalt wird also gezielt eingesetzt, um eigene Interessen dort durchzusetzen, wo der Glaube an die männliche Vormachtstellung ungebrochen besteht – nämlich in der Beziehung zu einer Frau.“

Trotzdem resultieren viele gesellschaftliche Krisenherde draus, dass Männer keinen gesunden Zugang und Umgang mit den eigenen verletzlichen Gefühlen haben, weiß Laura Wiesböck. Sie sollen sich schon von klein auf weniger verletzlich zeigen als Mädchen, kein „Weichei“ sein. Sie werden darin beschämt, Schmerz und Angst zu zeigen, weil das mit Schwäche – einer vermeintlich weiblichen Qualität – verbunden ist. Angst wird dann in Form von Hass und Gewalt ausgedrückt, beschreibt die Wissenschafterin diese erlernten Verhaltensmuster. „Anstatt sich selbst verletzlich zu zeigen, verletzt man andere, um Kontrolle über die Situation zu erlangen und dem Männlichkeitsbild zu entsprechen. Das verursacht sehr viel unnötiges Leid.“

Aus China wissen wir, dass sich die Fälle häuslicher Gewalt durch die Ausgangsbeschränkungen vervierfacht haben. Wobei sich die tatsächlichen Zahlen schwer abschätzen lassen, weil nur jene registriert werden, die wirklich Hilfe gesucht haben. „Es ist denkbar, dass manche Frauen im begrenzten Wohnraum gar keine Möglichkeit haben, unbemerkt Notrufe zu tätigen. Weil sie der Partner in der Abschottung nach außen stark einschüchtert. Oder es aufgrund ökonomischer Abhängigkeiten in der Krisenzeit noch schwieriger ist, den Partner zu verlassen,“ erklärt Wiesböck. „Bestehende Machtgefälle werden in Quarantäne zunehmend für körperliche, psychische oder sexuelle Gewalt missbraucht.“

»Häusliche Gewalt ist keine Privatangelegenheit!«

Statistisch gesehen ist eine von fünf Frauen in Österreich mindestens ein Mal in ihrem Leben von Gewalt betroffen. Man geht davon aus, dass die Dunkelziffer noch viel höher ist. Die eigenen vier Wände zählen dabei zu den gefährlichsten Orten überhaupt. Gewalt ist ein von Alter, Kultur und Religion unabhängiges Problem, weiß Hansal.

Gewalt zieht sich nicht nur quer durch alle Gesellschaftsschichten, sondern betrifft auch Kinder. Dazu Wiesböck: „Durch den Wegfall der sozialen Kontrolle wie Kindergarten oder Schule sind diese darin eingeschränkt, Signale nach außen zu senden. Wenn Kinder zu ZeugInnen oder Opfer von Gewalt gemacht werden, fühlen sie sich nicht nur schuldig und beschämt, sie sind in ihrer Biographie auch nachweislich stärker gefährdet, selbst gewalttätig zu handeln oder Opfer von Gewalt zu werden.“ Warum? Ganz einfach: Weil es in der Kindheit als „normal“ erlebt wurde, weiß die Soziologin.

Nachbarinnen und Nachbarn sollten also in Zeiten wie diesen besonders genau hinhören, wenn aus der Wohnung nebenan verdächtige Szenarien durchdringen. „Bei akuter Gewalt sollte man die Polizei rufen. Es geht um den Schutz von Frauen und Kindern. Nachbarn haben jetzt eine große Verantwortung und dieser gilt es, aktiv nachzugehen. Häusliche Gewalt ist keine Privatangelegenheit!“, betont Wiesböck. In Wien Margareten hat dazu kürzlich ein Projekt gestartet, das sich genau mit dieser Frage beschäftigt: „StoP-Stadtteile ohne Partnergewalt“. NachbarInnen sollen dazu angehalten werden, nicht wegzuschauen, wenn sie Gewalt wahrnehmen, so der das Ziel der Initiative.

»Hier muss dringend etwas getan werden.«

Jedoch ist auch die Politik dringend gefragt, um Kinder, die häusliche Gewalt miterleben, besser zu unterstützen, betont Hansal. „Kinder, die ZeugInnen von Gewalt werden, haben nämlich keinen Anspruch auf Prozessbegleitung, Beratung und Unterstützung. Hier muss dringend etwas getan werden.“ Grundsätzlich ist es nämlich so, dass Personen, die Gewalt erfahren haben, von Opferschutzeinrichtungen betreut werden und bei gerichtlichen Verfahren von einem Anwalt Unterstützung bekommen.

Aber weil das Miterleben von Gewalt nicht als Gewalterfahrung anerkannt wird, gilt das für diese Kinder eben nicht. „Aktuell haben Opferschutzeinrichtungen daher keine Mittel, diese Fälle mitzubetreuen – und das, obwohl die Bestimmungen der Istanbul-Konvention das eigentlich verlangen würden“, schildert Hansal ihr Dilemma. Sie kritisiert auch, dass staatliche Gelder für Gewaltschutz und Prävention seit Jahrzehnten auf einem absoluten Minimum gehalten werden. Obwohl sich im Umkehrschluss die Folgekosten durch häusliche Gewalt im EU-Raum auf gigantische 228 Milliarden Euro im Jahr (Ö: 3,7 Milliarden) belaufen. „Das zeigt, dass häusliche Gewalt eben nicht nur großes Leid verursacht, sondern auch einen riesigen volkswirtschaftlichen Schaden“, so Hansal.

Hier findest du Hilfe:

Frauenhelpline gegen Gewalt: 0800 222 555 / Beratung rund um die Uhr, anonym und kostenlos, 365 Tage im Jahr

Autonome Frauenhäuser Österreichs

Zusammenschluss Österreichische Frauenhäuser: Ziel des Vereins ist es, die Unterstützung von gewaltbetroffenen Frauen und deren Kindern österreichweit voranzutreiben. Mitglieder des Vereins ZÖF sind die Frauenhäuser Wien (4 Frauenhäuser), Graz, Kapfenberg, Klagenfurt, Lavanttal, Spittal, St. Pölten und Villach.

Frauenhäuser Wien: Der Verein Wiener Frauenhäuser bietet misshandelten und bedrohten Frauen und ihren Kindern Schutz und Hilfe. Insgesamt stehen rund 175 Plätze für Frauen und Kinder zur Verfügung. Neben den Frauenhäusern betreibt der Verein auch eine ambulante Beratungsstelle. Die Beratungen sind anonym und kostenlos.

Internventionsstelle gegen Gewalt in der Familie: kostenlose und Vertrauliche Hilfe bei Gewalt an Frauen, familiärer Gewalt und Stalking

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