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Corona-Krise in Österreich? Eine Krankenschwesternschülerin berichtet von ihrer Erfahrung

Gesundheits- und Krankenpflege? Schon grundsätzlich kein Zuckerschlecken. Jetzt während der Corona-Pandemie aber ein fast übermenschlicher Job. Eine Leserin berichtet.

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Corona-Krise in Österreich? Eine Krankenschwesternschülerin berichtet von ihrer Erfahrung
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Die Corona-Pandemie hat uns, hat Österreich, hat die ganze Welt voll im Griff. Während die einen gerade im Home Office versuchen, den Arbeitsalltag möglichst aufrecht zu erhalten, andere auf Kurzarbeit umgestellt haben oder in den verlängerten Urlaub gehen, leisten viele gerade Übermenschliches - gerade am Gesundheitssektor.

WOMAN-Leserin Melina, 25, berichtet hier in Ich-Form von ihrem derzeitigen Arbeitsalltag als Schülerin der Diplomschule für Gesundheits- und Krankenpflege in Wien. Wir ziehen den Hut vor dir. Euch allen, die das Werkl gerade am Laufen halten.

Leserinnen-Beitrag: Wie es ist, jetzt während der Corona-Krise, als Krankenschwesternschülerin zu arbeiten

Der Wecker klingelt. Es ist 04:45 Uhr und ich starte mit einer Tasse Tee in den Tag. Es ist noch dunkel und unheimlich still. Einzig die Vögel zwitschern. Ich fahre mit den Öffis ins Krankenhaus und bereite mich mental auf meine 12,5-Stunden-Schicht vor. Die Straßen und Verkehrsmittel sind fast menschenleer. Frühling liegt in der Luft.

Ein weiterer Praktikumstag beginnt. Ich und viele andere SchülerInnen der Diplomschule für Gesundheits- und Krankenpflege verrichten unseren Dienst auf den diversen Stationen. Die MedizinstudentInnen sind seit Wochen vom Dienst abgezogen. Dabei haben sie kaum PatientInnen-Kontakt. Ich erledige meine Aufgaben. Während ich die Therapien für den Nachmittag herrichte, spricht mich ein Angehöriger einer Patientin an. Er schenkt uns einen selbstgemachten Kuchen. Am liebsten würde ich ihn umarmen, aber ich halte Abstand und hoffe, dass er mein Lächeln trotz Maske erkennt. BesucherInnen sind nun nur mehr in äußert speziellen, kritischen Fällen erlaubt.

» Ich frage mich, was andere Leute im Moment treiben. Spazierengehen, Radfahren, im Pyjama einige Mails verfassen, kochen, Sex haben, Blumen gießen, Serien schauen.«

Heute ist ein sehr warmer Tag. Jedes Mal, wenn ich auf der Toilette bin und kurz die Maske abnehme und mich im Spiegel betrachte, erschrecke ich wegen dem Abdruck den die Schutzmaske in meinem Gesicht hinterlassen hat. Das lange Tragen bei der Hitze ist schwer auszuhalten. Das Kratzen, der chemische Geruch, die angestaute Feuchtigkeit und das einschneidende Gefühl machen dem gesamten Personal zu schaffen. Ich frage mich, was andere Leute im Moment treiben. Spazierengehen, Radfahren, im Pyjama einige Mails verfassen, kochen, Sex haben, Blumen gießen, Serien schauen.

Eine Freundin schickt mir einen Snap. Ein Video, welches sie in ihrem Gartenhaus in Niederösterreich aufgenommen hat. Sie sitzt mit ihrer Familie bei strahlendem Sonnenschein auf der Terrasse und trinkt Limonade. Eine andere Freundin schickt mir ein Foto auf WhatsApp. Es zeigt sie und ihren Freund beim Palatschinkenmachen. Ich beneide sie. Ich habe weder ein Gartenhaus noch einen Freund. Plötzlich komme ich mir sehr abgeschottet und einsam vor. Ich bekomme eine leise Ahnung davon, wie einsam sich ein hochbetagter Mensch nun in seiner leeren Wohnung fühlen muss.

Während meiner Mittagspause checke ich meine Mails. Immer wieder Updates zur derzeitigen Situation und Regelung bezüglich des Schulbetriebs. Ich befinde mich in Ausbildung. Ich gehe auf die Pflegeschule. So gesehen bin ich Schülerin. Alle SchülerInnen sollen zurzeit zu Hause bleiben. Aber das gilt nicht für mich und die anderen Krankenpflegeschützlinge, die sich gerade in einem Praktikum befinden. Die, die derzeit einen Theorieblock hätten, sind freigestellt. Für den praktischen Teil kommt das nicht infrage. Bekäme ich Corona, müsste ich ganz gewöhnlich in den Krankenstand und hätte Fehlzeiten. Ich sehe ein, dass ich die Ausbildung fortsetzen muss/kann und bin zugleich enttäuscht und dankbar.

Trotzdem hoffe ich, dass wir PflegeschülerInnen genauso wie alle anderen MitarbeiterInnen des Krankenhauses und generell alle, die sich derzeit tagtäglich zur Arbeit aufmachen, später einmal dafür belohnt werden. Ein kleiner Urlaub wäre traumhaft. Später irgendwann. Wenn das hier alles überstanden ist.

Die Schicht ist um. Ich mache mich auf den Heimweg. Am Krankenhausgelände entdecke ich Narzissen. Ich bleibe kurz stehen, bücke mich unauffällig und stecke meine Nase in einen der großen, gelben Märzenbecher. Ein Mann von der Security hat mich anscheinend doch gesehen. Er lächelt mir zu.

Als ich meine Straßenbahn erreiche, höre ich ein taktvolles, leicht verschwommenes, in den leeren Straßen hallendes Geräusch. Mein Blick wandert eine Hauswand hinauf. Eine Mutter und ihre kleine Tochter stehen am Fenster und klatschen für mich. Ich bin unheimlich dankbar. Denn ich bin gesund und darf in der tollsten Stadt der Welt leben.