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Wir haben einen Arzt gefragt: Wie geht es in den Krankenhäusern wirklich zu?

Wie ist die Situation in Österreichs Krankenhäusern? Herrscht bereits jetzt Überforderung? Wir haben einen Wiener Arzt zum Interview gebeten.

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Wir haben einen Arzt gefragt: Wie geht es in den Krankenhäusern wirklich zu?
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Die Corona-Neuinfektionen haben am Wochenende einen neuen Höchststand erreicht. Medizinerinnen und Mediziner kritisierten in den letzten Tagen die Maßnahmen, die ihres Erachtens nach zu spät in Kraft getreten sind. Schließlich müssen die Kapazitäten in den Krankenhäusern zwei Wochen vorausgedacht werden. Auch die der Intensivbetten könnte somit knapp werden. Doch wie sieht die Situation derzeit wirklich aus? Herrschen in Österreichs Krankenhäusern bereits chaotische Zustände?

Dr. Ramin Nikzad ist Hausarzt in Wien Floridsdorf und arbeitet seit Beginn der Pandemie als freiberuflicher Allgemeinmediziner in der Allgemeinmedizinischen Akutambulanz und COVID-Pre-Triage vor dem Wiener AKH. Wir haben ihn zum Interview gebeten.

WOMAN: Wie sieht die Situation derzeit aus?
Dr. Nikzad: Noch sind die Krankenpflegerinnen und -pfleger sowie Ärztinnen und Ärzte nicht überfordert. Aber man rechnet damit, dass dies in ein bis zwei Wochen der Fall sein könnte. In Wien werden laut meinen Beobachtungen bereits neue COVID-Stationen geschaffen. Geplante Operationen werden abgesagt, um Stationen freizuspielen. Ich kann nur hoffen, dass wir nicht in diesen Teufelskreis kommen, wo sich Belgien und Tschechien bereits befinden. Und zwar in jenem, in dem sich das Krankenhauspersonal ansteckt und dann ausfällt. Je höher die Welle schwappt, desto höher ist der Bedarf an Personal, das sich gleichzeitig häufiger ansteckt und dann ausfällt. Das ist ein Szenario, das heute noch keineswegs Realität ist, aber es droht uns natürlich auch.

»Wem gibt man noch eine Chance auf Überleben, und wem nicht. Das wäre ein entsetzlicher Zustand, den es zu vermeiden gilt.«

Was wird bezüglich des Coronavirus viel zu wenig diskutiert?
Dr. Nikzad: Das sind ganz eindeutig die Langzeitschäden. Wir wissen mittlerweile, dass ein großer Teil von jenen, die krankenhauspflichtig werden, aber auch jene Personen, die Covid zu Hause auskurieren können, Langzeitschäden haben können. Die Pandemie gibt es erst seit 10 Monaten, d.h. das ist unser Beobachtungszeitraum. Was wir bis dato wissen, ist, dass 75 Prozent aller PatientInnen, die krankenhauspflichtig werden, drei bis sechs Monate danach immer noch derart starke Beschwerden haben, dass sie zum Beispiel nicht arbeitsfähig sind und sich subjektiv krank fühlen. Darunter fällt eine anhaltende Belastungsatemnot (Atemnot bei geringer Belastung zum Beispiel Treppensteigen), anhaltende Kopfschmerzen, anhaltende vernichtende Müdigkeit (PatientInnen berichten, sie kommen quasi nicht aus dem Bett) und vieles andere mehr.

Es muss immer wieder betont werden: Es betrifft auch junge Patientinnen und Patienten. Auch jene, die nie lebensbedrohlich gefährdet waren. Die Langzeitfolgen halten auch bei Jungen an. Junge Menschen sind sich diesem Umstand meiner Meinung nach zu wenig bewusst.

In welchem Bereich liegt momentan das größte Problem?
Dr. Nikzad: Das liegt ganz klar in den fehlenden Intensivstationen. Das Personal besteht aus SpezialistInnen (KrankenpflegerInnen als auch Ärztinnen und Ärzte), die jahrelang ausgebildet werden müssen. Betten und Maschinen kann man kaufen. Fachkräfte nicht. Wenn sie an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen, beginnt das, wovor wir uns so sehr fürchten: Die sogenannte Triage – wobei sich hier die Frage stellt: Wem gibt man noch eine Chance auf Überleben, und wem nicht. Und das wäre natürlich ein entsetzlicher Zustand, den es zu vermeiden gilt.

»Das Pandemiegeschehen erreicht erst drei Wochen nach dem Beginn des Lockdowns sein Maximum.«

Wäre der Lockdown schon früher notwendig gewesen?
Dr. Nikzad: Ja. Er kam aus meiner Sicht viel zu spät. Man hätte schon Ende September wesentlich strengere Maßnahmen setzen müssen, um diesen Zustand, in dem wir uns befinden, zu verhindern. Man muss leider davon ausgehen, dass die Intensivmedizin an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen wird, auch wenn wir uns seit fast einer Woche im Lockdown befinden. Die IntensivpatientInnen werden in der Regel ein bis zwei Wochen nach Erkrankungsbeginn intensiv-pflichtig. Der Lockdown bedeutet ja nicht, dass die Infektionsketten sofort abreißen. Viele Infektionen manifestieren sich erst vier bis fünf Tage nach der Ansteckung. Wie auch aus vielen anderen Ländern bekannt, erreicht das Pandemiegeschehen erst drei Wochen nach dem Beginn des Lockdowns sein Maximum.

Welche politischen Maßnahmen wären besonders wichtig?
Dr. Nikzad: Wir müssen uns bereits jetzt mit der Frage auseinandersetzen: Was ist nach dem Lockdown? Ich bin der Meinung, es wird im Dezember nicht möglich sein, alles wieder komplett aufzumachen. Wichtig wären zwei Dinge, die die Politik beeinflussen kann: Eine wesentlich bessere personelle als auch apparative Ausstattung der Teststrategie – wesentlich mehr Tests und eine bessere Auswertungsinfrastruktur. Und zum Zweiten wäre ich persönlich für eine strengere Maskenpflicht. Ich plädiere in allen Innenräumen, am Arbeitsplatz und sogar an Schulen für das Tragen des Mund-Nasenschutzes. Wir wissen aus vielen Studien, dass das Tragen der Masken die Ausbreitung der Pandemie maßgeblich entschleunigt.

»Das Pandemie-Management ist in anderen Ländern viel schneller und unkomplizierter angelaufen als in Österreich.«

Wo wackelt das österreichische Gesundheitssystem bzw. welchen Bereichen hätte man schon vor der Pandemie mehr Aufmerksamkeit schenken müssen?
Dr. Nikzad: Das österreichische Gesundheitssystem kommt uns in vielerlei Hinsicht sehr entgegen – zum Beispiel, was die Dezentralität betrifft. Das klassische Hausarzt/Hausärztinnen-System bewirkt, dass viele Menschen im Vergleich zu anderen Ländern (zum Beispiel Spanien oder Italien) zuerst ihren Arzt oder Ärztin aufsuchen und erst im Notfall ins Krankenhaus kommen. Das hat in diesen Ländern extrem dazu beigetragen, dass sich die Pandemie wie ein Lauffeuer verbreitet hat. Die Krankenhäuser, die die Menschen eigentlich schützen sollten, wurden zu Inkubatoren dieser Pandemie.

Auch unsere gute Ausstattung mit Kranken- sowie Intensivbetten ist uns sehr zu Gute gekommen. Es wurde immer wieder diskutiert, warum es in Österreich im EU-Vergleich mehr Betten gibt. Die Normal-Betten wären auch in einer Pandemie nicht das Problem. Die kann man auch zur Not in Messehallen schnell nachrüsten. Aber auch die Anzahl der vielen Intensivbetten wurde immer wieder diskutiert. Mit der Pandemie können wir diese Diskussion nun hoffentlich beenden.

Wo sich eine Schwäche gezeigt hat, sind die vielen Organisationen im österreichischen Gesundheitssystem. Wenn es darum geht, rasch und koordiniert zu reagieren, wird das natürlich zum Problem. Das Gesundheitsministerium, die Krankenkassen, die AGES, das Rote Kreuz, der Samariterbund, all die Organisationen in den einzelnen Ländern – das System der vielen zerstreuten Kompetenzen macht es träge, wenn es um Teststrategien und Contact Tracing geht. Dieses Problem zeigt sich jetzt gerade. Das Pandemie-Management ist in anderen Ländern viel schneller und unkomplizierter angelaufen als in Österreich.

Thema: Coronavirus