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Wie Crash-Diäten unser Gehirn verändern

Studien ergaben, dass Radikaldiäten unser Gehirn verändern und dafür sorgen, dass unser Hunger noch stärker wird. Wir haben mit einer Neurochirurgin gesprochen.

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Britney Spears

Britney Spears hat schon viel Erfahrung gemacht mit Crash-Diäten....

© Getty Images 2017 Kevin Mazur

Menschen fühlen sich nach Radikaldiäten nie mehr richtig satt, auch wenn sie genug gegessen haben", erklärt Neurochirurgin und Psychiaterin Dr. Iris Zachenhofer. Die am Wiener Otto-Wagner-Spital tätige Medizinerin, sowie die Neurochirurgin Dr. Marion Reddy (Hôpital de Purpan, Toulouse) warnen im ihrem neuen Buch "Slow Slim" dringend vor Crash-Diäten: "Bei solchen Diäten wird die Neurochemie im Bereich der sogenannten Hungerhormone Leptin und Ghrelin sowie der Neurotransmitter durcheinander gebracht". Wir haben mit der Ärztin Dr. Iris Zachenhofer über die Folge von Crash-Diäten gesprochen und erfahren, welche Methoden es gibt, um gesund abzunehmen.

»Ein rascher Gewichtsverlust hätte früher für uns lebensgefährlich sein können.«
Kopfsache schlank - Iris Zachenhofer, Marion Reddy

WOMAN: Was passiert mit dem Körper, wenn man innerhalb kürzester schnell abnimmt?
Dr. Zachenhofer: Radikaldiäten schaden uns viel mehr als sie nützen. Denn nach einer raschen Gewichtsabnahme kommt es auch zu einigen Veränderungen in unserem Gehirn, die nicht gerade positiv sind.

WOMAN: Was passiert mit dem Gehirn?
Dr. Zachenhofer: Nach einer Radikaldiät laufen Mechanismen ab, die alle ein gemeinsames Ziel haben: So schnell wie möglich wieder die verlorenen Kilos zuzunehmen. Ganz klar, denn ein rascher Gewichtsverlust hätte früher für uns lebensgefährlich sein können. Das Ziel des Körpers ist ja, mit den eingelagerten Fettreserven gut hauszuhalten. Sofort die ganzen Energiereserven zu verpuffen wäre ja kontraproduktiv, dafür hat der Körper sie nicht mühsam gespeichert. Das wäre zu vergleichen mit einem Eichhörnchen, das am ersten kalten Wintertag seine ganzen gesammelten Wintervorräte auffrisst. Es würde den Winter nicht überleben.
Und genauso hätte die Menschheit nicht überleben können, wenn der Körper gespeichertes Fett, also gespeicherte Energie sofort hergeben würde. Deshalb mobilisiert das Gehirn alles, damit wir ständig Hunger haben und schlechte Laune, bis wir endlich etwas gegessen haben.

WOMAN: Man ist nach der Diät also hungriger als nachher?
Dr. Zachenhofer: Genau. Auch in Studien wurde die Funktion des Belohnungssystems und des präfrontalen Cortex, unseres Vernunftshirns untersucht: Wenn Versuchsteilnehmer nach einer raschen Gewichtsreduktion im funktionellen MRT waren, sahen die Forscher, dass das Belohnungssystem beim Anblick von gutem Essen viel aktiver war verglichen zu vor der Gewichtsabnahme. Das Vernunftshirn war aber viel weniger aktiv. Die Forscher konnten damit beweisen, dass nach einer Radikaldiät beim Anblick von Speisen die Lust am Essen viel höher ist, und das vernünftige Denken viel schwächer ist als vor der Diät.

WOMAN: Ein klassischer Jojo-Effekt... Geht dieser Hunger dann nach einer Zeit wieder weg?
Dr. Zachenhofer: Der Hunger kann dauerhaft bleiben, weil das Gehirn massiv gestört wurde. Auch dazu wurden Studien durchgeführt, bei denen die Hormonspiegel der Versuchsteilnehmer vor und nach einer Radikaldiät bestimmt wurden: Dabei war das Hungerhormon Ghrelin nach der Diät um durchschnittlich 25 Prozent erhöht verglichen zu vor der Diät. Das Sättigungshormon Leptin hingegen war bei allen Versuchsteilnehmern massiv abgesunken. Dadurch hatten die Versuchsteilnehmer ein viel stärkeres Hungergefühl als vor der Diät. Das haben auch psychologische Tests untermauert.

WOMAN: Woher kommt eigentlich dieser Heißhunger auf Schokolade?
Dr. Zachenhofer: Außerdem kommt es nach einer Radikaldiät zu einem Absinken des Glückshormons Serotonin. Dadurch sinkt unsere Stimmung in den Keller, unsere Lust nach Zucker und Tryptophan, der Vorstufe von Serotonin steigt dagegen an. Beides ist in Schokolade enthalten.

WOMAN: Wenn man trotzdem abnehmen will, wie geht man am besten vor?
Dr. Zachenhofer: Die einzige Möglichkeit wirklich erfolgreich und dauerhaft abzunehmen, besteht darin, dass wir uns Zeit nehmen und auf eine Art und Weise abnehmen, die uns gut tut und Spaß macht und wo in keiner Sekunde das Gefühl der Enthaltsamkeit oder des Verzichts entsteht. Unser Programm im Buch "Slow Slim" entspricht daher eher einem Spiel, bei dem man in jedem Monat etwas sehr spielerisch neu erlernt. Wir haben die einzelnen Monate, die man durchschreitet, daher auch „Levels“ bezeichnet, ähnlich wie in einem Computerspiel. Je weiter man kommt, umso einfacher und selbstverständlicher sind die ersten Levels.

»Jedes neue Verhalten muss solange geübt werden, bis es automatisch funktioniert.«

WOMAN: Wie viel Zeit sollte man sich nehmen um beispielsweise 5 Kilo abzuspecken?
Dr. Zachenhofer: Wir können unser Leben nämlich nicht von heute auf morgen verändern, egal wie hoch unsere Motivation ist. Jedes neue Verhalten muss solange geübt werden, bis es automatisch funktioniert. Dann ist es in den sogenannten „Basalganglien“ abgespeichert. Und um diese Veränderungen sanft zu erlernen, hat man in unserem „Slow Slim Spiel“ für jede Veränderung einen Monat Zeit. Das Gehirn darf nie das Gefühl bekommen, dass ihm etwas vorenthalten wird oder dass es zu einer großen Veränderung kommt.

WOMAN: Kann man das Gehirn nicht irgendwie austricksen, damit man schneller abnimmt?
Dr. Zachenhofer: Austricksen können wir das Gehirn nur, indem wir alle neuen Verhaltensweisen in Ruhe und ohne Druck üben. Dann werden die alten Gewohnheiten quasi überspielt. Denn löschen können wir sie nicht einfach so, auch wenn uns manche Fitnessgurus das immer weismachen wollen. Wir können z.B. nicht von einem Tag auf den anderen unsere Schlafgewohnheiten ändern, so sehr wir das vielleicht auch möchten. Das benötigt einfach Zeit. Zeit ist überhaupt einer der wichtigsten Faktoren in unserem Programm. Es gibt ja auch schon Studien, die zeigen dass Zeit für die Menschen so etwas wie ein neues Statussymbol wird, noch vor Dinge, wie einem neuen iPhone.

WOMAN: In Ihrem neuen Buch wird ein 12-Monats-Plan mit diversen Levels beschrieben. Level 1 handelt von Beobachtung… Was hat das mit Abnehmen zu tun?
Dr. Zachenhofer: Im Level 1 geht es darum Inventur zu machen, einen Status quo zu erstellen. Wir können uns nur verändern wenn wir wissen wie eigentlich die Ausgangslage ist. In Level 1 beobachten wir daher nicht nur was wir essen, sondern auch in welcher Stimmung, mit welchen Emotionen. Wichtig ist auch wie wir uns das essen zubereiten: Essen wir auf einem schön gedeckten Tisch? Im Stehen? Vor dem Computer?

WOMAN: Auch Schlaf spielt in ihrem Plan eine wesentliche Rolle. Wollen Sie damit sagen, dass viel Schlaf die Kilos purzeln lässt?
Dr. Zachenhofer: Es ist eher so, dass es fast unmöglich ist abzunehmen, wenn wir nicht ausreichend schlafen. Studien haben generell gezeigt, dass Menschen die weniger schlafen, deutlich mehr essen und auch noch dazu vorwiegend in den Abend- und Nachtstunden. Je weniger man schläft umso höher daher das Risiko für Übergewicht und Diabetes. Hungerhormone steigen an, gleichzeitig sinken die Wachstumshormone. Damit reduziert sich die Muskelmasse, die Körperfettmasse erhöht sich. Herz-Kreislauferkrankungen werden begünstigt.

WOMAN: Zu welcher Zeit sollte man ins Bett?
Dr. Zachenhofer: Vor allem der Schlaf zwischen 22:00 und 00:00 ist sehr wichtig, weil es während dieser zeit zum stärksten Absinken des Stresshormons Cortisol kommt. Wenn wir diese Zeit verpassen, sinkt es weniger und beginnt dann ab 3:00 bereits wieder anzusteigen um uns für den nächsten Morgen fit zu machen.

WOMAN: Muss man laut Ihrem Plan auf Süßigkeiten verzichten?
Dr. Zachenhofer: Verbieten dürfen wir uns prinzipiell gar nichts. Denn Druck erzeugt längerfristig Widerstand. Aber wir plädieren in unserem "Slow Slim"-Spiel prinzipiell dafür, bestimmte Nahrungsmittel durch bessere zu ersetzen: Durch bessere Qualität, mehr Regionalität, Süßigkeiten eher durch selbst Gebackenes ersetzen. Sich dadurch auch eher die Zeit nehmen, Süßes bewusst zuzubereiten und gemeinsam zu genießen, anstatt sich heimlich eine Schokolade im Stehen einzuschießen.

WOMAN: Welche Rolle spielen Glückshormone bei einer Diät?
Dr. Zachenhofer: Glückshormone spielen für uns alle IMMER eine große Rolle. Wir werden daher längerfristig kein Programm durchhalten, indem wir uns quälen müssen und zu wenig Glückshormone bilden, das klappt niemals.
Die Veränderungen, die man in unserem "Slow Slim"-Spiel erlernt, machen oft Freude und sind nie quälend.

WOMAN: Können Sie ein Beispiel eines solchen "Spiels" nennen?
Dr. Zachenhofer: In den Bewegungskapitel zum Beispiel orientieren wir uns daran, wie Kinder Bewegung machen: Kinder machen nur Bewegung, die ihnen Spaß macht, man muss sie nicht antreiben oder damit drohen, dass es ungesund ist sich nicht zu bewegen. Deswegen empfehlen lustige Bewegungen, Spaziergänge in der Natur, Eislaufen, Schlitten fahren, Schwimmen, Wasserrutschen herunterrutschen, auf Luftmatratzen paddeln, Blumen pflücken, Ballspiele oder Federball spielen. Einfache, naturverbundene Bewegungen, Bewegungen, die wir schon können und wofür wir uns nicht extra irgendwo anmelden oder einschreiben müssen. Dann kommt es auch zu einer ordentlichen Bildung von Glückshormonen und nicht durch monotone Übungen im Fitnessstudio.

WOMAN: Was ist das Geheimnis, um das Idealgewicht letztendlich zu halten?
Dr. Zachenhofer: Zeit ist für uns der wichtigste Faktor, Zeit ist unser wichtigstes Instrument. Zeit, um in Ruhe einzukaufen, um gemeinsam zu kochen und in Gesellschaft gemütlich zu essen. Zeit um sich und um seinen Körper zu kümmern. Zeit, um sich Auszeiten zu schaffen, Freunde zu treffen. Zeit um die Bewegung zu machen, die uns Spaß macht und gut tut und keine Express-Workouts.

Das Buch von Dr. Iris Zachenhofer und Dr. Marion Reddy "Slow slim - Der 12-Monats-Plan zum Schlankwerden und Schlankbleiben" ist ab jetzt für Euro 21,90 bei edition a erhältlich.

Slow Slim Buch

Themen: Diät,