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Cyber Crime statt Liebe

Sie stehlen Identitäten aus dem Netz, täuschen Frauen die große Liebe vor und bringen sie um ihr Geld. Romance Scamming ist ein organisiertes Verbrechen und millionenschweres Geschäft. Wir wissen, wie die Fake-Lover vorgehen und wo man Unterstützung findet.

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romance scam
© iStock

Seine Nachricht ploppte eines Abends auf ihrem Facebook-Account auf: "Dein Profilbild gefällt mir. Du wirkst wie ein wundervoller Mensch." Raymond war fesch, Anfang 50, leitende Position in einem Holzbetrieb in Kanada. Verwitwet, tierlieb und Alleinerzieher einer 15-jährigen Tochter. "Ich war ja nicht auf der Suche nach einem Mann, aber bei ihm wurde ich neugierig, fühlte mich geschmeichelt", erzählt Kristina Schäfer, 48. Nach zwei Tagen kurzer Chats überhäufte er die geschiedene Mutter eines erwachsenen Sohnes mit Komplimenten, sprach von Liebe, einer gemeinsamen Zukunft: "Er hat mich glücklich gemacht, mich fliegen lassen. Und er war einfach da, wenn ich ihn gebraucht habe."

Drei Wochen später der erste Dämpfer: "Raymond bat mich, seiner Tochter, die gerade auf Schüleraustausch in Deutschland sei, ein bisschen Geld zu überweisen. Seine Kreditkarte funktioniere nicht." Trotz Zweifel schickte die Vorstandssekretärin 500 Euro: "Ein Kind in Notlage, da setzten bei mir alle Alarmglocken aus." Die begannen erst zu schrillen, als sie ihm nach drei weiteren Monaten fast 20.000 Euro hatte zukommen lassen: "Langsam dämmerte es mir, dass etwas nicht stimmen konnte. Jedes Mal diese neuen Ausreden, weshalb er mir noch nichts zurückzahlen konnte."

Die Wut ist unerträglich

Kristinas Geschichte ist leider kein Einzelfall in Sachen Liebesbetrug im Netz. Romance Scammer tauchen mittlerweile auf allen nur denkbaren Social- Media-Kanälen auf: Facebook, Instagram, allen Dating-Portalen, Twitter, selbst auf eBay, Autoscout oder Tierhandel-Sites. Nichts an den Betrügern -hinter denen in Wahrheit kriminelle Organisationen aus Kenia, Kongo, den USA oder Australien stecken -ist echt. Der Ablauf funktioniert stets nach einem ähnlichen "Drehbuch": Erst überschütten die Kriminellen ihre Opfer mit Liebesschwüren, fantasieren von einer gemeinsamen Zukunft. Um Vertrauen aufzubauen, geben sie vor, sich um ihr Gegenüber zu kümmern, fragen häufig nach dessen Sorgen und Alltagsproblemen. Nach einigen Wochen kommen die ersten Geldforderungen. Meist gibt der Typ vor, unverschuldet in eine Notlage geraten zu sein. Die Fotos der gutaussehenden Männer kopieren die Banden von Onlineprofilen realer, nichtsahnender Personen.

Tamer Bakiner, 48, war für die RTL-Serie "Der Wahrheitsjäger" auf den Spuren der Romance-Scammer in Kenia. Er war erschüttert über die Kaltblütigkeit der Täter und wie unmöglich es ist, gegen sie vorzugehen.

WOMAN: Wie bahnt sich so ein Betrug an?
Tamer Bakiner: Meist sind die Frauen schon mehrere Jahre allein, haben resigniert, und dann kommt plötzlich der Traummann auf ihr Social-Media-Profil. Toller Job, sieht gut aus, sagt jeden Tag, auch telefonisch, wie super man ist. Die Gespräche laufen zwei, drei Monate so ab, man wird abhängig von der Stimme. Dann meldet sich der Scammer ein paar Tage nicht, um zu testen, wie süchtig die Frau schon nach ihm ist. Sie wird unruhig. Wenn sie sich dann wieder melden und ihr Opfer sagt:,Lass mich nie mehr allein!', schnappt die Falle zu, die Geldforderung beginnt.

WOMAN: Welche Profile täuschen die Scammer vor?
Tamer Bakiner: Beliebt sind Witwer, Alleinerzieher. Sie behaupten, in den USA oder Australien zu leben, auf einem Schiff, einer Bohrinsel oder sind beim Militär. Dabei beginnt die Manipulation. Er sei schlecht erreichbar, aber verspricht, trotzdem immer den Kontakt zu halten. Dann plötzlich ist die Kreditkarte verloren Wenn Scammer merken, die Person ist schwer zu knacken, greifen sie zu Telefonsex. Damit packen sie die meisten. Ein Opfer sagte einmal zu mir, sie hätte dadurch besseren Sex als jemals mit einem realen Mann gehabt.

»Wenn Scammer merken, die Person ist schwer zu knacken, greifen sie zu Telefonsex.«

WOMAN: Wer steckt tatsächlich dahinter?
Tamer Bakiner: Meistens Englisch sprechende Afrikaner. Oft wechseln sie sich auch ab. Das heißt, man schreibt in Wahrheit mit unterschiedlichen Männern. Deshalb sind die Englischkenntnisse auch an manchen Tagen plötzlich schlechter.

WOMAN: Sind es immer Banden?
Tamer Bakiner: Unterschiedlich. Ich habe im Zuge meiner verdeckten Ermittlungen einen Top-Scammer getroffen. Er reist nur mehr mit dem Flugzeug um die Welt, um das Geld von den unterschiedlichen Konten einzusammeln. Andere erledigen die Drecksarbeit für ihn. Dann gibt es kleine Betrüger, die in Dörfern mit Frau und Kindern hausen. Sie verdienen 1.000 Euro im Monat, das reicht. Ich habe mit einem gesprochen: Der meinte knallhart:,Es gibt so viele dumme Leute in Europa, die Geld überweisen, nur weil man ihnen nette Sachen sagt. Und wir machen uns ein geiles Leben.' So reden sie.

»Selbst wenn man alles zurückverfolgt, das Geld ist weg.«

WOMAN: Wie kann man seinen Account vor den Tätern schützen?
Tamer Bakiner: Keine Fotos von teuren Urlauben oder interessanten Jobs öffentlich posten. Niemals Geld an Menschen senden, die man noch nie getroffen hat! Auch nicht, wenn ein Videochat oder Treffen stattgefunden hat. Die Angaben könnten nicht stimmen. Keine Nacktfotos oder private Infos, die einen erpressbar machen, weitergeben. Per Google nach seinem Foto, Namen, Mailadresse und Telefonnummer suchen. Einen genauen Blick auf seinen Account werfen: Hat er sehr wenige oder ausschließlich weibliche Freunde? Gibt es viele Einträge und Reaktionen von Freunden?

WOMAN: Welche Chancen hat man, wieder an sein Geld zu kommen?
Tamer Bakiner: Leider keine. Und mit der Bezahlung von Anwälten oder Detektiven verschwendet man noch mehr Geld. Wenn man Beträge überwiesen hat, wird es innerhalb weniger Minuten abgehoben. Selbst wenn man alles zurückverfolgt, das Geld ist weg.

WOMAN: Wie wird das weitergehen?
Tamer Bakiner: Erst wenn die Social-Media- Checker aufwachen und alle Profile auf ihre Echtheit prüfen, könnte man das eindämmen. Solange das nicht passiert, wird es weiter explodieren.

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