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Vom Cyber-Stalker verfolgt. Wer hilft?

Geraldine Hausar lebt in ständiger Angst. Seit Anfang des Jahres wird sie von einem Stalker im Internet gequält. Erstmals traut sich die Künstlerin, öffentlich von ihren Qualen zu erzählen.


Geraldine Hausar

Geraldine Hausar fühlt sich seit fast einem Jahr auf ihren Internet-Portalen von einem Stalker bedroht. Offline zu gehen, kommt für sie nicht infrage: "Ich brauche meine Accounts beruflich und will nicht, dass der Typ Macht über mich hat."

© Ernst Kainerstorfer

Es fing harmlos an. Als die Wienerin Geraldine Hausar 2004 bei zwei Berliner Fernseh-Regionalsendern als Moderatorin durchstartete, gefiel ihre lebhafte, offene Art. Auf ihren Online-Profilen von Facebook bis Instagram sammelten sich rasch Hunderte Follower. "Natürlich waren auch mal Männer drunter, die mir Komplimente machten. Aber alles harmlos." Vor etwa drei Jahren fiel der 30-Jährigen erstmals ein Fan durch seine Hartnäckigkeit auf, zunächst nicht unangenehm: "Er hatte nur ein eigenartiges Facebook-Profil. Sein Gesicht war auf keinem Foto erkennbar."

Alex Tandler (Name von der Redaktion geändert), wie er sich nannte, kommentierte alles auf Geraldines Online-Portalen - ob auf Facebook, Instagram, YouTube oder ihrem Blog (fettessternchen.tv) :"Du bist so schön", "Wie geht es dir?" oder: "Wollen wir uns einmal treffen?" Die Künstlerin reagierte kaum: "Manchmal habe ich ein Smiley daruntergesetzt." Zu viel Privates gab sie ohnehin nicht preis. Auch nicht ihren Beziehungsstatus.

Den bezeichnete die zierliche Frau mit "Single". Sie änderte ihn auch nicht, als sie vor eineinhalb Jahren ihren Freund Karsten kennenlernte. Doch gerade diese Kleinigkeit wurde ihr zum Verhängnis: "Karstens Mutter postete zu Weihnachten 2016 auf ihrer Facebook-Site ein Foto von uns beiden. Mein Ultra-Fan entdeckte es." Die Tonart des Mannes wechselte plötzlich von Schwärmerei zu blankem Hass: "Hey, warum schreibst du auf deinem Profil, dass du Single bist, du billige Schlampe?", war nur einer seiner abfälligen Kommentare, viele weitere folgten.

»Er fing an, alle in meinem Umfeld mit langen, obszönen Mails zu belästigen.«

"Das Schlimmste war, dass er nicht nur mich beschimpfte. Er fing an, alle in meinem Umfeld mit langen, obszönen Mails oder Kommentaren auf deren Online-Accounts zu belästigen." Die Wienerin erzählt, dass er ihrem Chef in einer E-Mail mitteilte, dass sie sich nach Interviews mit Gesprächspartnern trifft und gegen Geld Sex mit ihnen hat. Dass er sie mit Foto auf Sex-Portalen registrierte und sogar mit Mord bedrohte.

Cyber-Stalking

Blockieren seines Accounts half nichts. Er kontaktierte sie weiter mit unzähligen Fake-Profilen, wie einer Site, die er mit "Österreichs verlogene Wienerin" betitelte. Darauf zu lesen: erniedrigende, sexistische Kommentare gegen Geraldine. Auch die Anfrage bei Facebook, ihr zu helfen, blieb ohne Erfolg: "Ich bekam nur die lapidare Antwort, dass man keine Bedrohung sehe."

Und weshalb betreibt sie ihr Facebook-Account trotzdem weiterhin öffentlich? "Ich lasse mir von diesem Typen nicht vorschreiben, was ich zu tun habe. Er schreibt, er hört erst auf, wenn ich aus den sozialen Medien verschwunden bin. Dieses Machtgefühl werde ich ihm aber nicht geben." Die junge Frau könnte endlos erzählen und fühlt sich psychisch am Ende: "Ich bin überhaupt nicht mehr kritikfähig, extrem dünnhäutig, kann kaum arbeiten. Mit meinem Freund streite ich viel, obwohl er mir zur Seite steht. Er wird ja von dem Typen ebenfalls gemobbt. So hat er Karsten unterstellt, dass er Aids habe und gefälligst seine Aids-Griffel von mir lassen soll."

Cyber-Stalking

Alles andere als ein Einzelfall

Leider ist Geraldine Hausars Geschichte alles andere als ein Einzelfall. Mit der Verbreitung von Internet und Handy findet das systematische Belästigen, Bloßstellen, Fertigmachen oder absichtliche Ausgrenzen vermehrt im virtuellen Raum statt. Dafür gibt es mehrere Gründe, wie Ingrid Brodnig weiß. Die Autorin setzt sich intensiv mit Hass im Netz auseinander: "In der Psychologie gibt es seit mehr als zehn Jahren die These der Online-Enthemmung. Menschen schreiben im Netz vermehrt Dinge, die sie zwar schon immer gedacht haben, aber niemals aussprechen würden. Anonymität macht es leichter, sich auszutoben."

Anonymität macht es leichter, sich auszutoben.

Einen weiteren Faktor sieht Brodnig in der Unsichtbarkeit: "Wenn jemand einer Frau mit Vergewaltigung droht, muss er ihr dabei nicht einmal in die Augen schauen." Und es fehlen Konsequenzen: Man kann extrem aggressiv sein, erlebt aber kaum negative Auswirkungen. Im Gegenteil, meint Brodnig: "Wir haben ein System, bei dem man für aggressives Verhalten belohnt wird. Ein Beispiel: Zwei Wissenschafter, ein Südkoreaner und ein Italiener, haben 75.000 Postings analysiert. Kommentare mit Schimpfwörtern bekamen überdurchschnittlich viele Likes von Gleichgesinnten oder jenen, die darüber lachen."

Geraldine Hausars Situation ist für die Expertin ein typisch schwerer Fall von Cyber-Stalking, der bedauerlicherweise häufig vorkommt: Nicht selten werden Bekannte der gemobbten Person in den Fall mit hineingezogen. Ziel ist es, den gehassten Menschen zu isolieren, damit er letztendlich allein dasteht. Brodnig bedauert: "Eine Anzeige hilft, aber erfahrungsgemäß brauchen Opfer einen sehr langen Atem, bis sie zu ihrem Recht kommen."

»"Eine Anzeige hilft, aber erfahrungsgemäß brauchen Opfer einen sehr langen Atem, bis sie zu ihrem Recht kommen."«

Geraldine Hausar weiß das nur zu gut. Drei Monate nach der ersten demütigenden Attacke - "Davor dachte ich, er wird schon irgendwann aufhören" - wandte sie sich erstmals an die Berliner Polizei: "Die Hilfestellung war ernüchternd. Keiner fühlte sich zuständig. Man verlangte ein ärztliches Attest von mir. Zum Beweis, dass ich tatsächlich psychisch angegriffen bin."

Anfang des Jahres reichte es Geraldine. Die Entertainerin, die zur Zeit vorwiegend Events moderiert, zog zurück nach Österreich. In Klosterneuburg wandte sie sich an die Staatsanwaltschaft. Der Akt wird derzeit noch behandelt. Seit einem halben Jahr! Von den Behörden fühlt sie sich im Stich gelassen: "Seit 1. Jänner 2016 gibt es ein neues Gesetz gegen Cyber-Mobbing. Ich merke nicht, dass es wirkt. Das kann doch nicht sein, dass man diesen Typen nicht identifizieren kann. Ich habe sogar selbst seine IP-Adresse herausgefunden, mit der die Justiz leicht den Standort seines Computers ausfindig machen könnte. Aber nein, es heißt immer nur warten. Man müsse noch Genehmigungen von den verschiedensten Stellen einholen."

»Muss wirklich erst etwas Schlimmes passieren, bis mir jemand hilft?«

Hausar wird in Kürze erneut ihren Wohnort wechseln, da ihr Peiniger ihren jetzigen bereits publik gemacht hat -"als Einladung für Sextreffen". "Meine größte Angst ist, dass er eines Tages vor mir steht und ich ihn nicht erkenne. Muss wirklich erst etwas Schlimmes passieren, bis mir jemand hilft?"

Rechtliche Lage bei Cyber-Mobbing:

Cybermobbing wird zum immer größeren Problem. Die Grenze zum Stalking ist verschwindend. Laut einer Umfrage der "Österreichischen Liga für Menschenrechte" sind mit 38 Prozent Jugendliche die am stärksten betroffene Gruppe.

Am 1.1.2016 trat ein neues Gesetz in Kraft: Tätern drohen bei fortgesetzter Belästigung bis zu drei Jahren Haft oder bis zu 720 Tagessätze Strafe. 2016 wurden 422 Fälle in Österreich gemeldet, 2017 bisher 303. Heuer kam es bereits zu zehn Verurteilungen.

Betroffen von Internet-Mobbing? Nicht abwarten, stattdessen per Missbrauchs-Meldefunktion der sozialen Plattform berichten. Oder an den Internet Ombudsmann (ombudsmann.at) wenden. Er drängt Betreiber zum Löschen der Inhalte.

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Thema: Internet-Hype

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