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Daniel Glattauer: Gibt es doch noch ein Happy End für Internetpärchen Emmi und Leo?

Kann das gut gehen? Ein Roman, der nur aus E-Mails besteht, geschrieben von einem Mann und einer Frau, die sich ineinander verlieben, aber nie begegnen? Es kann – und wie!


Daniel Glattauer, 48, beschrieb in „Gut gegen Nordwind" einen Online-Briefwechsel zwischen Emmi und Leo, die sich ihre Sehnsüchte mitteilen, aber an ihrem familiären Umfeld scheitern – und landete einen Bestseller. Weil der Wiener Autor doch Mitleid mit den Protagonisten hat, gibt er ihnen mit „Alle sieben Wellen" eine zweite Chance. WOMAN bat den Mann, der so schöne Liebesbriefe schreibt, zum Interview – per Mail.

Woman: Wie viele Mails haben Sie nach „Gut gegen Nordwind" bekommen? Tausend?

Glattauer: Das müsste man ausrechnen. Seit zweieinhalb Jahren „Nordwind" sind es im Schnitt fünf bis zehn täglich.

Woman: Nur von Damen?

Glattauer: „Damen" waren vermutlich wenige darunter. Hauptsächlich waren es Frauen. (Wenn ich an eine „Dame" denke, stelle ich mir immer eine ganz bestimmte Frau vor, oft trägt sie Pelz und ist gut behangen.) Es gab aber auch viel Männerpost. Und einige der schönsten, sensibelsten Mails stammten von Männern. Gerne lese ich auch Post von Schülern: „Herr Glattauer, ich muss bitte ein Referat über, Gut gegen Nordwind' halten. Können Sie mir helfen? Ich hab da zehn Fragen …"

Woman: Alle beantwortet?

Glattauer: Lange Zeit ja. Seit Weihnachten 2008 schaffe ich es leider nicht mehr. Die Taschenbuchausgabe hat eine neue Mail-Lawine losgetreten.

Woman: Waren Liebesbriefe dabei? Oder Heiratsanträge?

Glattauer: Liebesbriefe ja, aber nicht an mich, sondern an meinen Protagonisten Leo Leike. Ich habe keine Verbindungen hergestellt, ich bin ja auch Emmi, meiner zweiten Figur, verpflichtet. Heiratsanträge? An mich? Wer will schon einen Autor heiraten, der beinhart bis zum Schluss verhindert, dass zwei E-Mail-Liebende einander persönlich begegnen? Sollte es eine WOMAN-Leserin dennoch reizen: Sorry, ich bin seit drei Jahren mit jener Frau verheiratet, mit der ich schon die 20 Jahre davor zusammen war – und für die nächsten 50 Jahre ist keine Scheidung in Aussicht gestellt.

Woman: Vor zwei Jahren meinten Sie noch, dass es niemals zu einer Fortsetzung kommen werde. Wann kam die Schubumkehr?

Glattauer: Etwa ein halbes Jahr nach Erscheinen von „Gut gegen Nordwind".

Woman: Warum?

Glattauer: Weil Leserinnen und Leser dann lange genug dagegen protestiert hatten, dass die Geschichte von Emmi und Leo so enden dürfe, wie sie im „Nordwind" endete. Ich bekam plötzlich Lust, die Handlungsfäden weiterzuspinnen – und einen regelrechten Heißhunger auf Schreiben in Dialogform, auf das Hin und Her von E-Mails. Ich war ganz begierig, mich wieder in kurzen Intervallen von einer Person in eine zweite zu versetzen, von Leo in Emmi zu schlüpfen, aus beiden heraus zu denken, zu fühlen, zu formulieren.

Woman: Man darf verraten, Emmi und Leo begegnen einander live, der Reiz des Unbekannten ist somit dahin. Ist dann nicht die ganze Illusion dahin?

Glattauer: Nein, nicht die ganze Illusion, aber sicher ein Teil davon. Dieser verlorene Teil könnte aber durch physische Begegnung in etwas anderes übergehen, zum Beispiel, nur so ein Vorschlag, in Vertrautheit. Zum Glück hat nämlich nicht immer nur das „Unbekannte" seinen Reiz, sondern manchmal auch das „Bekannte", das man nicht mehr missen will. „Alle sieben Wellen" befindet sich genau im Übergang dieser unterschiedlichen Reize und beschreibt die entsprechenden Gratwanderungen. Die Illusionen sind in die Zukunft gerichtet, auf das mögliche Ziel der Reise.

Heute abend 20:00 liest Daniel Glattauer aus "Alle sieben Wellen" im Schauspielhaus Wien (Porzellangasse 19, 1090 Wien)!

LESEN Sie das gesamte Interview in WOMAN 03/09!