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"Meine Tochter war zu fett!"

Dara-Lynn Weiss zwang ihre 7-jährige Tochter zu einer strikten Diät – und wurde dafür von der US-Vogue bejubelt. Nun ist ihr umstrittenes Buch auf Deutsch erschienen.

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Dara Lynn Weiss post mit ihrer Tochter für die Vogue – zuvor hatte sie das 7-jährige Kind auf strenge Diät gesetzt.

Dara-Lynn Weiss: Schrieb einen Vogue-Essay über den Kalorienterror für ihr Kind

© PR/Collage

Eines Tages kam die sieben Jahre alte Bea weinend von der Schule nach Hause. Ein Klassenkamerad hatte sie "fett" genannt. Bea wog damals bei einer Größe von 1,30 Meter knapp 42 Kilo. Dies war der Tag, an dem bei ihrer Mutter, der US-Produzentin Dara-Lynn Weiss, die Alarmglocken schrillten. Oder, wie Kritiker meinen, wohl jener Moment, an dem bei ihr die Sicherungen endgültig durchknallten.

Denn was folgte, muss eine Tortur für die kleine Bea gewesen sein. Monate der Kontrolle, in der ihre Mutter panisch Kalorien zählte, die Schultasche und Jacken ihrer Tochter nach unerlaubtem Süßkram durchwühlte oder das Kind öffentlich vor Freunden demütigte, indem sie mit ihm bei Geburtstagspartys vor Schulfreunden lautstarke Debatten über ein Kuchenverbot führte. Zu Hause wurden Beas Mahlzeiten halbiert, Mehlspeisen vom Speiseplan gestrichen. Jammerte die 7-Jährige, wurde sie ohne Essen ins Bett geschickt.

Der fragwürdige Erfolg der knallharten Kinder-Diät: Binnen eines Jahres nahm das Kind acht Kilo ab. "Übergewicht ist keine Privatsache. Jeder kann es sehen.", verteidigt Dara-Lynn Weiss ihre Beweggründe. Und feierte sich und ihren Ernährungs-Terror samt professionell gestyltem Fotoshooting mit der kleinen Bea letztes Jahr in der amerikanischen Vogue .

»Übergewicht ist keine Privatsache. Jeder kann es sehen.«

Dara-Lynn Weiss: Die "Horror"-Mutter

Damit rief Weiss aber auch Kritiker auf den Plan. In Medienberichten und sozialen Netzwerken wurde die Society-Lady, die früher selbst unter Gewichtsproblemen zu kämpfen hatte und von Weight Watchers bis Atkins so ziemlich jede Diät-Methode hinter sich hat, als "Monster-Mutter" und "Horror-Mama" tituliert.

Kritik, die an Dara-Lynn Weiss offenbar abprallt wie an Teflon. Denn längst hat sie begonnen, die Diät ihrer Tochter genauso marschallplanartig zu vermarkten, wie sie auch den Kampf gegen deren leichtes Übergewicht geführt hat.

Weiss' Buch: "Wonneproppen – Diät mit sieben"

Soeben ist ihr 240-Seiten starkes Werk "Wonneproppen: Diät mit sieben – Wie ich um die Gesundheit meiner Tochter kämpfe" auf Deutsch erschienen. Weiss absolviert dafür einen wahren Interview-Marathon durch halb Europa.

Fragwürdig findet die Neo-Autorin an ihrer Radikal-Methode und der Vermarktung ihres Kindes selbstredend nichts. Auch wenn Mediziner dafür plädieren, übergewichtige Kinder nicht strikt auf Diät zu setzen, Essen zu dämonisieren und auf keinen Fall das Selbstbewusstsein der Kleinen zu torpedieren, sondern diese lieber heimlich und schrittweise auf gesunde und ausgewogene Ernährung umzustellen.

Bea habe immer gesund gegessen, rechtfertigt sich Weiss. Aber gesund bedeute eben nicht kalorienarm. "Bea ist eigentlich immer hungrig. Egal ob Obst, Gemüse oder Fast Food – sie isst und isst und isst." Deshalb habe sie sich bei einer Ernährungsberaterin Hilfe geholt: "Die hat uns gesagt, wieviel wovon für Bea angemessen ist." Dass Übergewicht bei Kindern oft auch auf tiefergehende seelische Probleme zurückzuführen ist und sich die Kinder regelrecht einen Schutzpanzer anfuttern – zu so viel Selbstreflektion lässt sich Dara-Lynn Weiss freilich nicht bewegen.

Lieber erzählt sie stolz, wie sie ihrer Tochter bei einem Starbucks -Besuch einen Schokoladen-Shake aus der Hand riss und ihn in den Müll warf, weil ihr der Angestellte nicht die genaue Kalorien-Anzahl nennen konnte. Weiss gegenüber dem deutschen Magazin Stern : "Es war eine verdammt harte Zeit für mich. Es ist nicht einfach, einem Kind vor allen Leuten sagen zu müssen, dass es jetzt nicht noch eine Portion Salat bekommt, weil es schon Pizza hatte. Oder kein Eis. Es ist hart, immer nein zu sagen. Manchmal flippst du halt aus."

Wie hart die Zeit wohl für ihre Tochter war, blendet die ehrgeizige Mutter dabei offenbar völlig aus. Lieber erzählt sie von den Belohnungen, mit denen sie Bea immer wieder gelockt hat. So gab es für zwei zusätzlich abgespeckte Kilos ein hübsches Kleidchen, für die Intensiv-Diät vor dem Vogue -Fotoshooting sogar Hair-Extensions für das Kind.

In dem Vogue -Artikel beschreibt Weiss ein Gespräch, dass sie mit ihrer Tochter nach dem Diät-Jahr führte: Weinend habe Bea gesagt: "Das bin noch immer ich." Sie sei keine andere Person geworden, nur weil sie acht Kilo abgenommen habe. Daraufhin habe Weiss ihrer Tochter ins Gesicht gesehen und gesagt: "Natürlich bist du nun eine andere."