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Warum dieser Satz immens hilft: Das geht mir am Arsch vorbei!

Darauf wird gepfiffen. Geht es nach Alexandra Reinwarth, sollte man diese Einstellung viel intensiver pflegen. Sie ermutigt dazu, sich von zu viel Pflichtgefühl, Höflichkeit und Selbstoptimierung zu verabschieden und lieber mal lauthals zu sagen: "Das geht mir am Arsch vorbei!"

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"Das geht mir am Arsch vorbei!"
© iStockphoto.com

Man kann sich das Leben natürlich selbst schwer machen. Unaufhörlich der Bikini-Figur hinterherjagen, generell unterm Aussehen leiden, die Selbstverbesserung zum Heiligen Gral erheben: "Ich muss ordentlicher werden, ich muss ich muss!" Und sich dann noch ausmalen, wie schön alles sein wird, wenn - dann!

Wenn mir all die zu kleinen Klamotten im Kasten endlich passen, zum Beispiel. Man kann Ideale anbeten und auf die Meinung jedes Zeitgenossen etwas geben. "Aber wozu?", fragt Alexandra Reinwarth. Ist das Leben doch viel besser, wenn man sich endlich locker macht. In ihrem neuen Buch "Am Arsch vorbei geht auch ein Weg" zeigt die deutsche Journalistin in amüsanter Weise auf, dass wir uns sowohl im Berufs- als auch im Privatleben viel zu oft Sorgen machen. Um Dinge, die wir sowieso nicht ändern können oder die es gar nicht wert sind.

Was man sehr wohl selbst in der Hand habe, ist jedoch: "Ich kann aufhören, mich unter Druck zu setzen oder mich schlecht zu fühlen, weil ich so oder so bin und nicht so, wie ich es gerne hätte!", meint die Autorin.

Und wenn sie rät, nur mehr das zu machen, was man wirklich will, plädiert sie keinesfalls für Egoismus. Denn vieles macht man ja sehr gerne und freiwillig für andere. Aber nur aus Höflichkeit oder Angst, den anderen vor den Kopf zu stoßen, etwas zuzusagen, worüber man sich im Nachhinein ärgert? Das gibt ein Gefühl von Frust und stiehlt wertvolle Zeit.

Wer freundlich Nein sagt, ist kein Arsch, weiß Reinwarth aus eigener Erfahrung. Denn sie macht nicht mehr automatisch jeden Gefallen, isst keine Dinge mehr aus reiner Höflichkeit und ärgert sich auch nicht mehr über die herumliegenden Socken ihres Liebsten. Und sie geht in Jogginghosen und ungeschminkt zum Bäcker, egal, wen sie treffen könnte.

Wir baten die 42-Jährige zum Talk über Energieräuber, ihren guten Freund Ole und das schöne Gefühl, zu sich selbst zu stehen:

WOMAN: Wenn man Ihr Buch liest, wird's einem wieder mal bewusst: Man macht jede Menge Sachen, die einem eigentlich keinen Spaß machen. Wieso eigentlich?
Reinwarth: Aus "Anstand", weil wir ja gelernt haben, niemanden vor den Kopf zu stoßen. Aus Bequemlichkeit, denn es ist in dem Moment leichter, zu sagen "Ja, klar komme ich auf deinen Poetry-Slam-Auftritt", als sich dem unangenehmen Gefühl zu stellen, Nein zu sagen. Und man will gemocht werden. Es wäre gut, wenn man von klein auf zugestanden bekäme, Dinge, Menschen oder Tätigkeiten mitunter auch blöd zu finden.

WOMAN: Aber wenn man hauptsächlich Dinge tut, die einen selbst froh machen, wird man da nicht leicht als Egoist abgestempelt?
Reinwarth: Ein gesundes Maß an Egoismus ist ja auch nicht zu verachten. Außerdem macht es durchaus große Freude, andere froh zu machen! Dann freut sich mein guter Freund Ole eben über einen erstklassigen selbst gebackenen Karottenkuchen. Aber wenn ich nur aus Pflichtgefühl bei seinem Poetry-Slam-Auftritt sitze? Oder weil ich mich nicht traue, Nein zu sagen? Oder weil ich meine, er mag mich sonst nicht mehr - oder er kommt im Gegenzug dafür mit zu Zumba? Dann sind das blöde Gründe.

WOMAN: Ja, diesen Ole beschreiben Sie als wahnsinnig erfolgreichen Geschäftsmann, reizenden Kerl und einen, der nie etwas tut, was er nicht möchte. Wenn jemand Ole fragt, ob er noch schnell über einen Text gucken kann, sagt er: "Nö." Er hat dadurch mehr Zeit, ist weniger gestresst, ärgert sich nicht über sich selbst, und man hat ihn trotzdem lieb. Darf man Gefallen wirklich ausschlagen, ohne Gefahr zu laufen, bald alle Freundschaften zu verlieren?
Reinwarth: Klar. Ich bin ja da, wenn etwas ist. Ich setze mich zu jeder Zeit ins Auto und fahre jede Strecke, wenn eine Freundin Kummer hat. Deswegen muss ich aber noch lange nicht auf die Theateraufführung ihres Dreijährigen. Und Ole hat mir da sehr geholfen, mir Dinge auch mal am Arsch vorbeigehen zu lassen.

WOMAN: Was war denn der Punkt, an dem Sie sagten: Jetzt muss sich was ändern?
Reinwarth: Ich habe meine Freundin Kathrin zum Teufel geschickt. Eine manipulative, energieraubende Person. Mir graute furchtbar davor, aber als ich mit ihr "Schluss gemacht" hatte, war ich plötzlich ganz befreit und beschwingt. Darauf hin habe ich gemerkt, dass ich generell zu viele Dinge tue, die ich nicht will, mit Leuten, die ich nicht mag, um Sachen zu bekommen, die ich nicht brauche.

WOMAN: Und wie hat sich Ihr Leben dann geändert?
Reinwarth: Ich habe Erbstücke aussortiert, bin aus WhatsApp-Gruppen ausgetreten und verweigere Bürogeschenke. Ich gehe nicht mehr auf die grottigen Poetry-Slam-Auftritte von Ole und treffe generell keine Entscheidungen mehr, von denen ich vorher schon weiß, dass ich mich im Nachhinein darüber ärgere.

WOMAN: Sie essen ja auch nichts mehr nur aus Höflichkeit - werden Sie dann noch eingeladen?
Reinwarth: Ja. Und meine Meinung zählt plötzlich viel mehr, denn alle wissen, dass ich ehrlich bin.

WOMAN: Zurück zum Ärger: Zehn Jahre lang haben Sie sich geärgert, weil Sie die Socken Ihres Lebensgefährten vom Boden aufsammeln mussten. Dann kamen Sie zur "Weisheit des Jahrhunderts": Wer sich nicht ärgert, ärgert sich nicht. Haben Sie diese Coolness inzwischen schon locker drauf?
Reinwarth: Bei alltäglichen, wiederkehrenden Dingen ärgere ich mich tatsächlich nicht mehr. Die Socken sind es nicht wert. (schmunzelt)

WOMAN: Und eigentlich hätte man sie auch liegen lassen können!
Reinwarth: Ja, aber dann wären es einfach immer mehr geworden. Ich hab mich ja deshalb so geärgert, weil ich "L", meinem Freund, eine gewisse Haltung unterstellt habe: "Die Alte räumt das schon weg." Das denkt er aber gar nicht. Genauso wie ich als Teenager meine Klamotten auf den Boden schmiss und mir nichts dabei dachte. Zehn Jahre Ärger hätte ich mir ersparen können, das ist eine ganze Menge.

WOMAN: Viel ersparen kann man sich auch, wenn man Dinge akzeptiert, wie sie sind. Sie schreiben: "Wenn man einmal eingesehen hat, dass es in diesem Leben nichts mehr wird mit der Bikinifigur, kann man ein paar andere Dinge auch gleich einsehen. Ich zum Beispiel werde vermutlich nicht nur für immer ein Bäuchlein mit mir herumtragen, ich werde in diesem Leben auch nicht mehr ordentlich. Ich werde es ferner nie schaffen ...", und dann kommen diverse Punkte. Aber die Bikinifigur! Sich einzugestehen, dass man es nie schaffen wird - ist das nicht auch ein Frust?
Reinwarth: Ich fand es nur befreiend. Ich habe einfach kein schlechtes Gewissen mehr! Man meint ja immer, man müsste irgendwie besser, schöner, schlanker und erfolgreicher sein - als wäre man eine Raupe, die zum Schmetterling werden soll. Wir werden aber keine Schmetterlinge, und deswegen ergibt es mehr Sinn, den aktuellen Raupenstatus zu genießen, das ist nämlich unser Leben, jetzt gerade.

WOMAN: Wenn mir das vorgeschriebene Erscheinungsbild am Arsch vorbeigeht - okay, aber gehen lassen soll man sich ja dann auch wieder nicht?
Reinwarth: Das Problem ist ja selten, dass sich jemand zu wenig Gedanken um sein Erscheinungsbild macht, sondern meist macht man sich zu viele Gedanken darum. Mich treffen Sie inzwischen in Jogginghosen und ungeschminkt beim Bäcker - wenn das jenseits der Grenze ist, dann ist dies das Problem desjenigen, der sie zieht.

WOMAN: Die Meinung der anderen soll einem ja sowieso ziemlich wurscht sein. Sich "für die Bäckereifachverkäuferin, die Kindergarten-Eltern und die Supermarktkassierer" aufzubretzeln, ist überflüssig. Ist es so egal, was andere von einem denken?
Reinwarth: Ja. Wichtig ist, was man selbst von sich denkt. Natürlich ist die Meinung von den Liebsten wichtig, aber man wird ja nicht zum Arschloch, nur weil man die Prioritäten geraderückt. Ob allerdings Sandra aus der Buchhaltung meint, ich wäre geizig, weil ich mich nicht an Bürogeschenken beteilige, ist mir tatsächlich egal.

WOMAN: Noch mal zur Bikinifigur und all den schönen Ansätzen zur Selbstverbesserung: Wenn du dich nur richtig anstrengst, kannst du alles schaffen, heißt's immer. Stimmt nicht, sagen Sie. Warum?
Reinwarth: Weil viele Grundeinstellungen vorprogrammiert sind. Aus einer schüchternen Hanni wird nie eine Seemannslieder grölende Ina Müller, und Knut aus der Informatik wird auch nach einem Profi-Aufreißer-Kurs kein Don Juan. Es gibt Schwächen und Fehler, die bleiben uns, es gibt Verluste, die werden immer schmerzen, Depressionen sind oft chronisch und unheilbar, und manche Menschen haben einen Hang zu unguten Partnern oder Drogen. Ich bleibe gerne in Jogginghosen auf dem Sofa statt den Himalaya zu besteigen - mach einer was dagegen!

WOMAN: Unsere Möglichkeiten, an uns selbst etwas zu ändern, sind also ziemlich beschränkt.
Reinwarth: Genau. Man hat auf viele Dinge weniger Einfluss, als man sich das wünscht, und der Selbstverbesserung sind deutliche Grenzen gesetzt. Daher ist es effektiver, zu lernen, wie man mit diesen Grenzen umgeht, anstatt zu heulen, dass es nicht klappt mit XY. XY am Arsch vorbei!

WOMAN: In der Liebe sind wir ja oft auch nie ganz zufrieden. Haben trotz Partnerschaft immer den Gedanken im Hinterkopf, dass es doch noch einen Besseren geben könnte.
Reinwarth: Na ja - es ist ja auch vertrackt: Der unbekannte Schöne mit dem süßen Grübchen hat halt auch noch nie seine gebrauchten Socken auf dem Fußboden verteilt, so wie das unser Exemplar zu Hause vielleicht macht. Aber auch hier hilft die Erfahrung.

WOMAN: Es gibt ja auch viele Frauen, die die vorige Frage gar nicht betrifft, weil sie Singles sind. Soll man den Beziehungsstatus dann auch eher locker nehmen oder doch aktiv werden?
Reinwarth: Das Problem ist: Wenn es einem total wichtig ist, jemanden an seiner Seite zu haben, dann kann man das nicht locker nehmen. In dem Fall hieße es nicht "Beziehungsstatus am Arsch vorbei", das wäre verkrampft und hätte nichts mit den tatsächlichen Bedürfnissen und Wünschen zu tun. In dem Fall lässt man sich eher am Arsch vorbei gehen, dass Frauenmagazine propagieren, man dürfe nicht das Bedürfnis nach einer Beziehung haben, sondern müsse als Single Spaß haben und selbstbewusst unabhängig sein.

WOMAN: Wenn man sich also selbst weniger Druck macht, hat man weniger Schuldgefühle und schlechtes Gewissen. Mit dem Verstand würde man ja auch alles einsehen, nur wie überzeugt man sein Gefühl?
Reinwarth: Ob man jemanden zum Teufel schickt, der einem nicht guttut, oder Nein sagt zum gemeinschaftlichen Shoppen/Zumba/Krötensammeln: Wenn man erst mal das tut, was man wirklich will, ist das ein tolles Gefühl. Man steht zu sich, das macht einen authentischer, man wird größer. Es ist so ein schönes Gefühl dass man es immer wieder haben möchte.

WOMAN: Würden Sie bitte den Satz ergänzen: Glücklich ist, wer...
Reinwarth: es bemerkt.

Zitate aus ihrem Buch "Am Arsch vorbei geht auch ein Weg":

Welche Schwäche auch immer es sein mag - aller Wahrscheinlichkeit nach bleibt sie uns... Dieses Dahingewurstle ist das richtige Leben. Dieses vollkommen unperfekte Leben mitsamt seinen Unsicherheiten und vollen Bücherregalen, den Pfunden und dem müden Sexleben.

Statt dem verbreiteten "Ich will mich selbst mehr lieben" sage ich: Ich finde den Einsatz, den ich für mein Wohlergehen erbringe, echt beachtlich.

Ein Ideal zu verfolgen, schafft nur negative Gefühle, Schuld, schlechtes Gewissen, Komplexe.

Sie können nicht alles schaffen, wenn Sie sich "nur richtig anstrengen". Aber nicht nur Sie. Auch sonst niemand.

Am Arsch vorbei geht auch ein Weg

"Am Arsch vorbei geht auch ein Weg" von A. Reinwarth (mvg), € 17,50

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