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Das neue Leben der Eislady Estibaliz C.

Estibaliz C.: Sie gilt als "Musterinsassin". Teilt sich mit einer 70-jährigen Mörderin die Zelle. Macht Computerkurse. Backt Kuchen. Bastelt Stofftiere – für ihr Kind. Und beantwortet "Fanpost".


Das neue Leben der Eislady Estibaliz C.
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Vor wenigen Tagen, am frühen Abend, in einem Kaffeehaus in Wien. Keiner der Kellner, keiner der Gäste erkennt den groß gewachsenen Mann, der an einem der hintersten Tische des Lokals sitzt. Roland R. ordert einen kleinen Braunen, steckt sich eine Zigarette an. Wirkt ruhig. "Ich habe gelernt", sagt er im WOMAN-Interview, "mit meinem Schicksal umzugehen. Bloß noch im Moment zu leben; nicht mehr so viel darüber nachzudenken, was kommen wird …"

Geplatzte Träume. Dennoch: Die Strapazen der vergangenen eindreiviertel Jahre sind dem 49-Jährigen anzusehen. Dunkle Ringe unter den Augen. Die Wangen eingefallen. Das Hemd schlottert. Zehn Kilo hat der Großhandelskaufmann abgenommen – seit "an diesem schrecklichen Tag" im Juni 2011 seine Welt, quasi von einer Sekunde auf die nächste, zusammengebrochen ist. Estibaliz C., die Frau, mit der er für immer zusammenbleiben wollte; die damals im dritten Monat von ihm schwanger war – plötzlich unter dem Verdacht stand, zwei ihrer Expartner erschossen, zerstückelt und im Keller ihres Eissalons in Wien-Meidling einbetoniert zu haben. Die weitere Geschichte der gebürtigen Spanierin: Im Jänner 2012 gebar sie hinter Gittern einen Buben, sofort wurde er ihr weggenommen; und letztlich, nach komplizierten Behörden wegen, in die Obhut ihrer Eltern in Barcelona übergeben. Im März dann die Hochzeit mit Roland R. Im November der Prozess gegen die als "hochgradig abnorm" geltende 33-Jährige. Das (nicht rechtskräftige) Urteil: lebenslang.

Anrufe aus der Haft. "Aber meine Esti ist nicht die irre Bestie, als die sie in der Öffentlichkeit dargestellt wird", erklärt Roland R. Sondern? "Ein wunderbarer Mensch." Wie aufs Stichwort läutet sein Handy. Am anderen Ende der Leitung: SIE – Estibaliz C. Fragen, Fragen, Fragen; von ihr. "Ja, mi amor, bei mir ist alles okay", antwortet ER mit leiser Stimme: "Ja, mi amor, ich habe vor wenigen Minuten erst wieder mit deiner Mama geredet und weiß von ihr, dass es unserem Kleinen gut geht. Ja, mi amor, ich liebe dich auch so sehr …" Mehrmals täglich ruft die Inhaftierte ihren Gatten an, mindestens zweimal wöchentlich die Mutter in Spanien. Wie allen österreichischen Strafgefangenen ist es ihr gestattet, Telefonwertkarten zu kaufen. Pro Monat um 140 Euro – die von ihr allerdings immer schnell verbraucht sind, wegen der teuren Auslandsgespräche. "Doch meine Frau will einfach ständig darüber informiert sein, was unser Sohn gerade macht, ob er ausreichend isst, ob es ihm eh an nichts fehlt."

Seltene Besuche. "Estibaliz C.s Gedanken", bestätigen Wachebeamte der Frauenjustizanstalt Schwarzau, wo die ehemalige Eissalonbesitzerin seit Dezember untergebracht ist, "scheinen beinahe ausschließlich um ihr Kind zu kreisen." Unzählige Fotos des Buben hat sie um ihr Bett drapiert; dauernd bastelt sie Geschenke für ihn. Zuletzt eine gelbe Stoffente und einen blauen Delphin-Thermophor – gefüllt mit wärmenden Kirschkernen. Und bei gelegentlich gestatteten Shoppingtouren im Gefängnis-Supermarkt sucht sie ebenfalls ausgiebig nach Präsenten für den Kleinen; erwirbt Marken-Babyöl, Honig vom Privat-Imker, Milchschokolade. Fünf Stunden pro Monat darf Roland R. seine Frau besuchen; drei zusätzliche Stunden das Ehepaar mit dem Sohn verbringen, im Beisein der Oma. Im Abstand von vier Wochen reist also Estibaliz C.s Mutter mit dem Einjährigen von Spanien nach Österreich, zu Visiten in die Schwarzau. "Treffen, die immer wunderschön und schmerzlich zugleich sind", erzählt Angela C., "ich merke, wie stark die Verbindung zwischen Esti und meinem Enkel ist, wie sehr sie einander lieben." Umso herzzerreißender seien dann die Abschiede: "Wenn Esti in Weinkrämpfe verfällt."

"Estis" Erziehungs-Tipps. Das Leben des Kindes, in Barcelona? "Mein Mann, Estibaliz’ Bruder, ich – wir alle kümmern uns sehr um unseren Goldschatz", so die 60-Jährige. "Wir spielen viel mit ihm, gehen oft mit ihm am Strand spazieren. Er ist in einer Babyschwimmgruppe, weil er so gern im Wasser plantscht. Und ich versuche, sämtliche Ratschläge, die mir meine Tochter hinsichtlich seiner Versorgung gibt, einzuhalten. Gebe ihm die Aufmerksamkeit und Zuneigung, die er so dringend braucht. Ernähre ihn mit Bioprodukten. Kleide ihn sogar nach ihren Vorstellungen." Wie die Familie dem Buben später einmal erklären will, warum seine Mama nicht bei ihm sein kann? "Wir werden ihm sagen, dass sie sehr krank ist – und deshalb in einer Art Klinik behandelt werden muss." Estibaliz C.s Alltag, jetzt, in der Schwarzau? Die studierte Betriebswirtin gilt als "Musterinsassin". Als unkompliziert, "unauffällig". Kommt mit ihren Mithäftlingen gut zurecht, backt für sie häufig in der Abteilungsküche Mehlspeisen; meistens Biskuitrouladen. Ihre Zelle teilt sie mit einer zu lebenslanger Haft verurteilten 70-Jährigen, die vor drei Jahren den Gatten vom Sohn ermorden ließ.

Sie will einen Job als Näherin. Eine fixe Arbeitsstelle wurde "Esti" bis dato nicht zugeteilt. Ihr Wunsch, in der anstaltseigenen Näherei eine Stelle zu bekommen, konnte bislang nicht erfüllt werden, da dort" Überbesetzung" herrscht. Mitunter wird sie nun für Hilfsdienste in diversen Werkstätten herangezogen, zwei Computerkurse hat sie bereits mit "hervorragendem Erfolg" absolviert. Eine Stunde täglich darf sie im Hof spazieren gehen; im Fitnesscenter der Anstalt macht sie regelmäßig Turnübungen. Sie liest viel, hauptsächlich Sachbücher über Kinderziehung. Ihre TV-Vorlieben? Die "Eislady" trachtet danach, keine Folge der Telenovela "Sturm der Liebe" zu versäumen und jeden Rosamunde-Pilcher- Film zu sehen. Und sonst? Verbringt sie viel Zeit mit Schreiben. Verfasst Briefe an ihren Mann und ihre Eltern. Beantwortet "Fanpost", die sie zuhauf bekommt – von ihr unbekannten "Menschen von draußen", die beteuern, fest hinter ihr zu stehen.

Noch eine Verhandlung. Die ihr vom Gericht verordnete Therapie konnte sie bislang nicht beginnen. Die Entscheidung der Justiz, welcher Psychologe oder Psychiater langfristig die Betreuung der 33-Jährigen übernehmen soll, steht nämlich noch aus. Ohnehin ist ihr Verfahren ja nicht abgeschlossen. Die Verteidiger der Frau, Werner Tomanek und Rudolf Mayer, haben schließlich gegen das ihrer Meinung nach "zu harte Urteil gegen sie" Einspruch erhoben. "Der seelische Ausnahmezustand unserer Mandantin zum Zeitpunkt ihrer Taten", erklären die beiden Anwälte, "wurde bei der Bemessung des Strafausmaßes nicht ausreichend berücksichtigt." Die diesbezügliche Berufungsverhandlung am Oberlandesgericht Wien findet am 20. März statt. Egal, wie dann der endgültige Richterspruch sein wird: Estibaliz C. könnte danach – EU-Gesetzen zufolge – ihre Überstellung in ein spanisches Gefängnis beantragen. Obwohl sie weiß, dass der Standard der Haftanstalten in ihrem Heimatland hinter dem österreichischen liegt, ziehe sie, laut Roland R., "ernsthaft in Betracht, ein solches Ansuchen zu tätigen. Weil ihr dort wahrscheinlich mehr Besuche unseres Buben gestattet wären."

Exklusives Interview. Jetzt spricht "Estis" Ehemann. Über die unendliche Liebe zu seiner Frau und dem gemeinsamen Sohn. Und seinen festen Glauben daran, "dass uns drei nichts voneinander trennen kann, niemals". Alle Zukunftspläne, die er einst hatte: zerstört. Seine Gattin: im Gefängnis. Das gemeinsame Kind: im Ausland. Und kaum jemand da, der versteht, dass er eine Doppelmörderin lieben kann. Im WOMAN-Interview spricht Roland R. über die Gründe, warum er "für immer zu Esti stehen" will.

WOMAN: Herr R., bei der Verhandlung gegen Ihre Frau haben Sie die Aussage verweigert, ihr keinen Blick geschenkt …

Roland R.: Dass alles so geschehen ist, tut mir sehr leid. Weil es dadurch zu Fehlspekulationen gekommen ist. Die Medien berichteten, ich hätte mich von Esti abgewandt. Selbst Menschen aus meinem Umfeld dachten das. Eben – wegen meines absurden Auftritts im Prozess.

WOMAN: Aber warum haben Sie, wie Sie es ausdrücken, so "absurd" gehandelt?

Roland R.: Glauben Sie mir: Als ich im Gerichtssaal war, wollte ich nichts mehr, als meine Frau an mich drücken. Und für sie sprechen – wie ich das schon davor bei der Polizei getan hatte. Aber es gab Personen, die mir von alledem abrieten. Leider habe ich auf sie gehört. Und damit gegen mein Wissen und Gewissen agiert.

WOMAN: Fakt ist: Sie hätten, auch wenn Sie geredet hätten, nichts zu den Hintergründen der Taten erklären können.

Roland R.: Aber ich weiß, dass Esti keine eiskalte Mörderin ist.

WOMAN: Sondern?

Roland R.: Ein wunderbarer Mensch.

WOMAN: Und Sie haben nie daran gedacht, dass Sie vielleicht auch ein Opfer von ihr hätten werden können?

Roland R.: Über derartige Mutmaßungen kann ich nur lachen. Wäre es anders, hätte ich Esti nicht geheiratet und würde sie nicht, sooft es mir erlaubt ist, im Gefängnis besuchen.

WOMAN: Apropos: Haben Sie mittlerweile in der Kuschelzelle der Schwarzau Ihre Hochzeitsnacht nachgeholt?

Roland R.: Nein. Doch das ist auch nicht so wichtig. Viel wichtiger wäre mir und meiner Frau, in diesem Raum, der ja hauptsächlich für familiäre Sozialkontakte gedacht ist, endlich einmal ein paar Stunden mit unserem Sohn verbringen zu dürfen; unbeobachtet von Wachebeamten, in einer entspannten Atmosphäre.

WOMAN: Wann werden Ihnen derartige Zusammenkünfte gestattet sein?

Roland R.: Das wird die Zeit zeigen.

WOMAN: Ihre Hoffnungen, Ihre Träume – Ihre Vorstellungen von der Zukunft?

Roland R.: Ich habe längst aufgehört, im Großen zu planen. Weil ich das Schicksal ohnehin nicht beeinflussen kann. Esti erklärt mir immer, dass sie Gott vertraut und er alles regeln wird. Ich bin froh, dass wenigstens sie so gläubig ist.

Martina Prewein