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Das Musical-Paar Marjan Shaki und
Lukas Perman im WOMAN-Interview

Ein Jahr nach dem schweren Erdbeben in Haiti hat das Musical-Paar Marjan Shaki und Lukas Perman das krisengebeutelte Land besucht. Auf Einladung von Hollywoodstar Sean Penn (www.power-of-hope.org), der sich für die Opfer engagiert.


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WOMAN: Das schwere Erdbeben in Haiti liegt über ein Jahr zurück. Wie haben Sie das Land bei Ihrem Besuch erlebt?

Perman: Bilder oder Filme können in keiner Weise die Dimension der Zerstörung, der Armut und des Leids wiedergeben. Es ist schlimmer, als ich es mir vorgestellt habe. Zeltstädte, Ruinen, wie von Bomben zerstört begleiten einen, in welchen Stadtteil man auch immer kommt. Egal welche Reportage man gesehen hat, egal welche Artikel man gelesen hat und welche Bilder uns zugesandt wurden... kein Wort, kein Bild, kein Film kann das übertragen, was dort geschehen ist, was die Menschen dort erlitten haben und auch heute noch erleiden. Daniela Tröster von POWER-OF-HOPE, die Organisation, mit der wir nach Haiti gereist sind und die mit Sean Penns Organisation intensiv zusammenarbeitet, war schon mehrere Male dort und sie hat uns bestätigt, dass sich schon eine Menge getan hat, seit ihrer ersten Reisen. Wir konnten das kaum glauben...

Shaki: Wir wussten zwar, dass Haiti nach wie vor zerstört sein würde, jedoch ahnten wir das Ausmaß nicht. Nachrichten bringen vor allem Schlagzeilen und irgendwann dann nur mehr sehr wenig, bis gar nichts. Die Stimmung war insgesamt gut, da die vergangenen Wahlen so ausgefallen sind, wie es sich die Mehrheit der Haitianer gewünscht hat. Es ist jedoch schwer, alle Eindrücke in Kürze zusammen zu fassen, da es so vieles in unseren Köpfen noch zu ordnen gilt. Dennoch kann ich sagen, dass es einerseits wirklich schrecklich war und andererseits auch schön, was sich jedoch nur auf die Mentalität und die Herzlichkeit der Menschen zurückführen lässt. Wenn man das Land an sich betrachtet sieht es noch immer aus, als hätte das Beben erst gestern stattgefunden.

WOMAN: Was ist Ihnen beim Anblick der Menschen durch den Kopf gegangen?

Perman: Warum? Warum muss so etwas sein? Wer würfelt den einen ins reiche Europa/Amerika, den anderen hier her, nach Haiti. Warum muss ein Volk, nach Jahrhunderten von Sklaverei, Ausbeutung, Kleptokratie und Armut auch noch von einer Katastrophe solchen Ausmaßes getroffen werden? Machtlos steht man einer solchen Dimension von Leid und Zerstörung gegenüber.

Shaki: Ich habe mich geschämt. Dafür, dass wir dort hinfliegen und uns das ansehen und dann wieder nach Hause fahren, wo alles so nett konstruiert ist. ,Wie ist es so zu leben?‘ - Diese Frage ging mir immer wieder durch den Kopf. Wenn man dort war und erlebt, wie die Menschen mit der Situation umgehen, beschämt es fast noch mehr. Wir haben sehr viel Herzlichkeit, Humor und Fröhlichkeit gesehen, und das obwohl die Menschen bereits seit 14 Monaten in diesen unzumutbaren Umständen leben und sich haben einrichten müssen. Dieser positive Überlebenswille war sehr beeindruckend. Und die Verzweiflung die dir durch so viele Augen entgegenblickt ist echte Verzweiflung, und wenn ein Mensch dich dann anstrahlt, dann ist auch das Strahlen echt. Das sind Eckpunkte, die sich in mir eingebrannt haben. Ich habe alle Momente, jeden einzelnen Tag dort als extrem ehrlich und reell empfunden, während mir seit unserer Rückkehr hier vieles wie in Disney-Land erscheint.

WOMAN: Wie haben Sie Kontakt zu den Einwohnern aufgenommen?

Shaki: Im ersten Moment waren die Begegnungen vorsichtig, dann durchwegs herzlich. Ein Haitianer mit dem wunderschönen Namen Hyppolite, den unsere Begleiterin Daniela Tröster (Power of Hope) von ihren vorigen Besuchen kannte, fuhr uns quer über seine Insel, erzählte Anekdoten, nahm uns auch einmal in seine Kirche zum Gottesdienst mit. Nachdem wir beide kein kreyòl sprechen und unser französisch dürftig ist, hatten wir anfangs Berührungsängste, dabei hat jedes einzelne Lächeln auf ein weiteres gefolgt. Man muss nicht die gleiche Sprache sprechen, um sich zu verständigen. Und wo wir spontan helfen konnten, haben wir dies natürlich auch getan. Ich denke, wenn man nicht konkret als Mediziner, NGO, Architekt oder ähnliches hinfährt, ist man stiller Beobachter. Wir hatten insofern Zeit zu sehen, wie die Menschen, neben dem Leid, das sie erfahren mussten wieder ein Leben führen. Worüber sie lachen, zu welcher Musik sie tanzen, was sie essen. So ganz banale und doch lebenswichtige Dinge.

WOMAN: Was hat Sie besonders nachdenklich gemacht?

Perman: Die Dimension der Zerstörung. Die Frage, Wie kann man das alles jemals wieder aufbauen? Kann man dieses Land irgendwann auf eigene Beine stellen? Und stets die Frage: WARUM? Was haben diese Menschen getan, dass sie von Geburt an so bestraft werden.

Shaki: Nachdenklich macht mich, wie sich eine Bevölkerung, die Jahrzehnte lang ausgebeutet wurde, von Naturkatastrophen leidgeprüft und durch die Regierung obendrein kontrolliert und unterjocht wurde ... aufrafft. Nach all dem, was sie erfahren musste. Und dann sein Gegenüber anlächelt. Das sind Dinge, die mich nachdenklich machen, mich auch traurig machen. Und geben mir im nächsten Moment ungeheure Kraft! Es gibt so vieles, was wir tun können um endlich aus einer Lethargie zu erwachen. Wir sind doch alle Menschen auf dieser Erde!

WOMAN: Gab es ein besonders einprägsames Erlebnis?

Perman: Eine Klinik von einer Nonne, Sister Macella, die wir besucht haben. Mitten im Slum von Cité Soleil führt sie eine Klinik mit einer Schule. Eine Oase inmitten von Armut. Selbst uns hat es gut getan in ihren Mauern einige Zeit zu verweilen. Es ist ein Ort der Hoffnung, ein Tropfen auf dem heißen Stein, der aber so unendlich gut tut.

WOMAN: Mit welchen Eindrücken sind Sie zurückgekommen?

Perman: Mit vielen intensiven, prägenden Bildern. Fassungslosigkeit beim Erleben von all der Zerstörung durch die Katastrophe und dem damit verbundenen Leid, aber noch mehr Fassungslosigkeit, als wir die Rückreise über Miami antraten. Nämlich, dass so viel Reichtum zwei Flugstunden von solcher Armut möglich sein kann. Möglich sein darf! Es ist wirklich mit logischem Menschenverstand nicht nachvollziehbar.

WOMAN: Hat Sie diese Reise verändert?

Perman: Die Bilder schwirren noch durch unsere Köpfe und es ist oft unwirklich wenn man durch unsere sauberen Strassen geht mit all den Prunkbauten. Es ist doch dieselbe Welt auf der wir leben? Und wir sind alle dieselbe Spezies Mensch, oder? Das ist für mich ein ganz großes Fragezeichen. Wenn ich auf der Bühne vom Ronacher stehe und Vampire jage, dann kommt mir das manchmal sehr, sehr unwirklich vor.

Shaki: Ich befinde mich zurzeit in einem Zwischen-Modus. Ich möchte diese Eindrücke nicht wieder so schnell verlieren. Wir waren in Haiti, haben einen Teil davon gesehen, geatmet, gespürt... Und nun mischen sich diese Eindrücke mit dem Leben, das wir hier haben. Inwieweit uns das verändert, kann ich nicht beurteilen. Da müsste man wohl unser Umfeld befragen. Nur so viel, ich fühle mich auf eine Weise befangen, seit ich zurück bin. Und wenn ich mir die Bilder anschaue, geht mir das Herz auf. Das wird wohl eine Veränderung sein.

WOMAN: Am 11. Mai organisieren Sie zum zweiten Mal eine große Benefizgala für Haiti – was verbindet Sie mit dem Land?

Perman: Die Notwendigkeit. Ja, es gibt viele Länder in Not, vor allem in Afrika. Das Beben letzten Jahres hat uns auf Haiti aufmerksam gemacht. Wäre es irgendwo anders gewesen, dann hätten wir damals genau so agiert. Eben für ein anderes Land. Durch unser erstes Konzert haben wir uns sehr intensiv mit Haiti befasst und so ist eine Bindung entstanden. Jetzt, nach der Reise sind wir Haiti hoffnungslos verfallen.

Shaki: Bisher gab es keine konkrete Verbindung. Wir haben, wie alle anderen auch, die Nachrichten verfolgt. Nur wie es halt so ist, erschüttert oder berührt den einen Menschen das eine mehr und den anderen das andere. Seit unserer Reise hat sich dieses Gefühl bestätigt und vor allem vertieft. Und im Zuge dieser Reise haben wir außerdem Menschen kennengelernt, die in uns ein tiefes Gefühl hervorgerufen haben, wo man eine menschliche Verbindung gespürt hat. Und diese zwei Punkte sind ausreichend, um weiterhin in unserem Rahmen der Möglichkeiten unser Bestes zu tun. Man kann ja auch nicht erklären, warum man sich in den einen Menschen verliebt und in den anderen nicht. Auch wenn der Mensch immer auf alles eine Antwort haben möchte, bevorzuge ich das Gefühl an sich. Und dieses Gefühl ist da und stimmt.

WOMAN: Hattet Sie auch die Möglichkeit Sean Penn zu treffen?

Perman: Nein, das war aber auch gut so. Der Fokus war so ganz klar auf das gerichtet, weswegen wir nach Haiti gereist sind. Wir wollten seine Hilfsorganisation J/P HRO kennen lernen, an welche die Einnahmen aus unserem Konzert gehen werden. Weiters haben wir erfahren, wie die Situation 14 Monate nach dem Beben vor Ort ist. Wir haben viele interessante Hilfsprojekte besucht und werden uns eines für die Zukunft heraussuchen, das wir neben J/P HRO weiter begleiten wollen.

WOMAN: Sie sind seid seit über fünf Jahren ein Paar. Könntet Sie sich auch vorstellen ein Kind von dort zu adoptieren?

Perman: Derzeit ist Familienplanung noch nicht aktuell... Aber ja, zur rechten Zeit könnte ich mir das durchaus vorstellen. Darüber müsste ich noch nachdenken, denn die Verantwortung ist sicher enorm.

Shaki: Einem Kind, dass keine Eltern mehr hat oder aus einer mittellosen Familie stammt, ein familiäres Nest zu schenken ist grundsätzlich sehr, sehr schön. Ich könnte mir auch vorstellen, einen Erwachsenen zu adoptieren, sofern es möglich ist und dieser Mensch gerne hier leben möchte.

Neben der Benefizgala am 11. Mai, deren Erlöse den Erdbebenopfern zugute kommen, wollen sich Marjan und Lukas auch anders für die Bewohner engagieren. Zum Beispiel mit dem Verkauf von handgefertigten Taschen aus Haiti. Diese werden gänzlich aus Müll hergestellt und bieten somit eine kreative Recyclingmethode. Unter der Mailadresse www.order@haitianstylepolicy.com kann man diese um den Preis von 95 Euro bestellen.

Interview: Melanie Zingl