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Depression in der Weihnachtszeit

"Oh du fröhliche" - weit gefehlt. Gerade in der (Vor-)Weihnachtszeit kommt es oft zu Depressionen. Ursula Nuber, erklärt die Gründe hierfür und gibt Tipps für Betroffene.


Depression in der Weihnachtszeit
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Weihnachten sollte eigentlich die schönste Zeit des Jahres sein – doch gerade jetzt leiden viele Frauen an Depressionen. Die möglichen Gründe hierfür können ganz unterschiedlich sein. Ursula Nuber, Diplompsychologin und Psychotherapeutin, im WOMAN -Interview.

WOMAN: Wieso ist die Weihnachtszeit eine besonders kritische Zeit für Depressionen?

Nuber: In dieser dunklen Jahreszeit, werden viele Menschen besinnlicher und melancholischer als zu anderen Zeiten im Jahr. Auch die sogenannte „Winterdepression“ nimmt bei dafür anfälligen Personen zu: Zum einen durch den Mangel an Licht, zum anderen aber auch durch den jahreszeitlich bedingten Rückzug in die vier Wände. In solchen Phasen kommt man zur Ruhe und Fragen nach dem Sinn des Lebens treten verstärkt auf. Probleme, die man das Jahr über verdrängt hat, lassen sich dann nicht mehr so einfach wegschieben.

WOMAN: Inwieweit spielt die Partnerschaft der Frau hier eine Rolle?

Nuber: Die Weihnachtszeit weckt Sehnsüchte – nach einer heilen Welt, nach einer liebenden Familie, nach Geborgenheit und Zugehörigkeit. Möglicherweise kann eine Frau jetzt die Erkenntnis nicht mehr ignorieren, dass sie in einer Partnerschaft lebt, in der ihre Bedürfnisse nicht beantwortet werden. Gleichgültigkeit, emotionale Kälte, ständige Auseinandersetzungen werden nun möglicherweise klarer gesehen. Wenn eine Frau sich eingestehen muss, dass sie mit ihrem Partner nicht „in Beziehung“ ist, dass sie emotional neben ihm verhungert, ist Depression oft die Folge. Schätzungsweise 50 bis 70 Prozent der Frauen, die depressiv erkranken, nennen in Befragungen Beziehungsprobleme als Grund für ihre Depression.

WOMAN: Dabei kommt es oft zum Beziehungsdefizitsyndrom. Was ist das eigentlich genau?

Nuber: Davon sind beide Geschlechter betroffen. Denn nicht nur Frauen erleben in ihren Beziehungen oft ein schmerzhaftes Gefühlsdefizit, auch Männer. Die meisten lernen bereits als Jungen, dass es für sie wichtig ist, sich autonom und unabhängig zu fühlen – vor allem von der Mutter. Um es überspitzt zu formulieren: Ein Junge, der ein Mann werden will, muss lernen, anders als eine Frau zu sein. Zu viel Nähe, zu viele Gefühle passen nicht in dieses Konzept. Weil schon Jungen verlernen, ihre eigenen und die Gefühle anderer wahrzunehmen, fällt es auch dem erwachsenen Mann schwer, Einfühlung zu zeigen, Nähe zuzulassen oder eigene Ängste und Probleme zu offenbaren. Wird er mit den Gefühlen anderer konfrontiert (vor allem mit den Gefühlen der Partnerin), weiß er nicht, wie er damit umgehen soll. Viele Männer haben Angst vor zu viel Gefühl und bieten deshalb schnell, zu schnell, Lösungen an. Eine Frau, die einfach nur in den Arm genommen und getröstet werden will, bekommt dann stattdessen sachliche Hinweise: „Mach doch dies, hast du schon jenes probiert, ich würde an deiner Stelle …“

WOMAN: Wie ist die Weihnachtszeit für Singles ? Sind sie besonders gefährdet an einer Depression zu erkranken?

Nuber: Der Single-Status an sich ist noch kein Depressionsrisiko. Alleinlebende sind häufig in stabile Freundeskreise integriert und feiern mit ihrer „Wahlfamilie“ Weihnachten. Wer jedoch unfreiwillig als Single lebt und mit seiner Lebenssituation hadert, wird an den Festtagen wahrscheinlich seine Sehnsucht nach einer Bindung besonders stark spüren. Das allein ist aber auch noch kein Depressionsrisiko, sondern ganz verständliche Traurigkeit über eine unerwünschte Lebensform. Zur Depression wird diese Trauer erst dann, wenn die alleinlebende Person ihr partnerloses Leben als grundsätzlich sinnlos betrachtet und an ihrem eigenen Wert zweifelt.

WOMAN: Wie lässt sich eine Depression vermeiden?

Nuber: Frauen sollten sich nicht überfordern. Sie sollten ihre eigenen Grenzen besser akzeptieren, öfter mal nein sagen, sich schützen vor zu viel Anforderungen. Und sie sollten nicht ihre gesamte Energie anderen zur Verfügung stellen. Nicht immer nur fragen, wie kann ich nützlich sein, sondern auch: Was nützt es mir? Kurz: Wenn es einer betroffenen Frau gelingt, einen gesunden Egoismus zu entwickeln, ist sie vor Depressionen gut geschützt.

WOMAN: Wo finden Betroffene Hilfe?

Nuber: Manchmal reicht es schon aus, sich einem Freund, einer Freundin anzuvertrauen und gemeinsam nach Veränderungsmöglichkeiten zu suchen. Wenn die Depression stärker ist und schon länger andauert, ist eine psychotherapeutische Begleitung sinnvoll. Informationen darüber gibt der Hausarzt.

Ursula Nuber , Diplompsychologin und Psychotherapeutin, ist verheiratet und lebt in der Nähe von Heidelberg. Sie ist in eigener Praxis tätig. Jüngste Veröffentlichung: Wer bin ich ohne dich? Wie Frauen depressiv werden und wie sie zu sich selbst finden (Campus, Frankfurt a.M. 2012)

Redaktion: Anja Bitschnau

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