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Der neue Egomann

Ich ich ich! Er liebt sich selbst am meisten und schrammt nah am Größenwahn: Hilfe, die Egomänner kommen! Für Beziehungen ein Desaster.Wie Ich-Männer ticken & wie du handeln musst.


Der neue Egomann
© Corbis

Als die Tür hinter ihm ins Schloss fiel, begann Hannah hysterisch zu heulen. Vor allem aus Wut. Wie blöd war sie eigentlich, dass sie in drei Jahren Beziehung zum vierten Mal vor der gleichen Situation stand? Er auf und davon, sie am Boden zerstört zurück.

Es hatte sich auch alles ganz wie immer zusammengebraut. Seine wachsende Unzufriedenheit, die immer stärker werdende Krittelei, ihr Gefühl, ihm nichts recht machen zu können. Als sie sich im gefühlsmäßigen Ausnahmezustand dazu verleiten ließ, ihn anzuschreien - "Liebst du mich eigentlich noch?!“ -, war’s das dann. Er brauche Abstand, meinte er, und packte seine Sachen. Er würde sich nun eine Weile nicht melden, kennt sie das Spielchen, den Abstand mit anderen Frauen überbrücken und dann wieder versuchen anzudocken. Sich vergewissern, dass sie ihn eh noch begehrt. "Diesmal werde ich ihn nicht zurücknehmen“, ist sich Hannah sicher. So wie schon jedes Mal davor …

Hannah ist 32, attraktiv und erfolgreiche Geschäftsfrau. Das Drama in ihrem Leben: Ihr Herz gehört einem waschechten Narzissten. Einem jener Ego-Männer, die sich selbst am meisten lieben. Deren Themen Grandiosität, Unabhängigkeit, Überlegenheit und Einzigartigkeit sind. Deren Gefühlswelt aus Kälte und Distanz, aber auch aus Euphorie, Empfindung von Kraft und hoher Effizienz besteht. Sie wachsen in Zeiten wie diesen wie Schwammerln aus dem Boden.

Wie brandheiß das Thema ist, zeigten die Reaktionen von Frauen, als wir die Sache auf Facebook zündeten und den Ego-Mann charakterisierten. Die Postings auf der WOMAN Facebook -Seite sprechen für sich: Narzissten sind eine Epidemie, vor der US-Wissenschaftler bereits warnen. Also: Frauen, wappnet euch!

Warum sich Egomänner niemals ändern

"Die typischen Charaktermerkmale des Narzissten decken sich vollkommen mit dem kulturellen Idealbild des westlichen Mannes“, schreibt die italienische Psychologin Umberta Telfener in ihrem Buch "Hilfe, ich liebe einen Narzissten!“. Für Männer sind Arbeit, Karriere und Erfolg Indikatoren ihrer Sicherheit und persönlichen Befriedigung. Aus diesem Grund sehen sie wenig Anlass, ihre ichbezogenen Charakterzüge zu verändern. Ohne Selbstinszenierung und das Betonen der eigenen Wichtigkeit bleibt man im Zeitalter von Facebook, Internet-Partnerbörsen & Co ja auch außen vor.

Für Beziehungen ist der Ego-Trip allerdings der Abgesang. Es wär ja alles nicht so schlimm, wenn man von den Egomanen leicht die Finger lassen könnte. Aber die Kerle offerieren sich im schönsten Geschenkpapier. "Der Narzisst ist ein toller Typ, weil er genial ist, intelligent, sympathisch und sich so viel Mühe gibt, all seine möglichen Bewunderinnen zu erobern“, redet die Expertin Klartext. "Er ist amüsant, meist unkonventionell, niemals banal. Er fällt auf. An seiner Seite fühlen sich die Frauen wahrgenommen und umworben.“ Er ist Musiker, Maler oder sonst ein kreativer Kopf, innovativer Manager oder Poker-Ass. Jedenfalls meist höchst erfolgreich in seiner Profession.

"Ein faszinierender Mann, aber der Preis ist hoch.“ Auf seinem Preisschild steht: Ich muss im Mittelpunkt sein, ich brauche ständig Bestätigung. Ich verhalte mich häufig verletzend, denn ich kann mich in meine Partnerin kaum einfühlen.

Wie die Egomänner ticken

Wenn sie trotzdem "kauft“, riskiert sie, nicht als unabhängiges Wesen wahrgenommen zu werden, sondern als erweiterter Teil seines grandiosen Selbst. Sie soll ihn bewundern, seine Wichtigkeit und sein Leuchten wie ein Spiegel reflektieren. Tut sie dies nur ungenügend, wird er gehen, bewundert sie ihn hingebungsvoll, wird er, weil mit der Zeit gelangweilt, auch gehen, und er wird sowieso immer irgendwann gehen. Weil er im Grunde Angst hat, verlassen zu werden oder verletzt. Weil er sich nicht ausliefern möchte. Weil er Nähe fürchtet wie der Teufel das Weihwasser und nicht vertrauen kann.

Denn das großartige Ich ist nur für den Außenbereich tauglich. "Dahinter steckt ein geringes Selbstwertgefühl“, so Paar-Therapeutin Brigitte Moshammer-Peter, "das durch Überhöhung der eigenen Person aufgewertet werden soll.“ Mit hohem Perfektionsanspruch, mit der Illusion, unbegrenzte Talente und Möglichkeiten zu haben, wird die innere Unsicherheit zubetoniert. Tiefe Kindheitsverletzungen stecken dahinter. Der Narzisst ist einer, der als Kleiner zu wenig Aufmerksamkeit bekommen hat oder die falsche. Der für seine Leistungen geliebt wurde, aber nicht um seiner selbst willen. Vielleicht wurde er auch durch Überbehütung schwer eingebremst. Die Kränkung ist ins seelische Getriebe gefahren und behindert jede normale Regulation des Selbstwertes. Er kann sich selbst kaum Stabilität geben. Mehr ein Notleidender als ein eitler Wicht.

Gibt es auch Ego-Frauen?

Und Mädchen passiert das nicht? Ganz genauso. "Aber Frauen haben ihren Narzissmus gewöhnlich gut integriert“, meint Telfener. Sie wurden jahrhundertelang auf die Hinwendung zum anderen getrimmt, haben ein stärkeres Bedürfnis nach emotionaler Bindung und ändern dafür einige ihrer Charakterzüge. "Weiblicher Narzissmus zeigt sich häufig auch in übertriebener Anpassung“, erläutert Brigitte Moshammer-Peter. "Diese Frauen erfahren ihre Aufwertung durch eine überhöhte Person: ‚Wenn dieser wunderbare Mann mich anerkennt, muss ich in Ordnung sein und so werden, wie er mich haben will.‘“ Problematisch dabei: Die Anerkennung durch den Partner bleibt meist aus.

Warum zuviel Nähe schmerzt

Narzissmus muss nicht krankhaft sein: Eine gesunde Portion Selbstliebe ist gut. Viele beeindruckende Menschen sind damit gesegnet. Geht die Sucht nach Bewunderung aber schon in Richtung Persönlichkeitsstörung, wird das Ganze unheilvoll. Wer je einen Narzissten liebte, kennt das Register: ständige Krittelei, Eifersuchtsszenen, Anschuldigungen - und alles nur, damit die Partnerin ihm nicht zu nahe kommen kann. Er verträgt nicht die leiseste Kritik, leistet sich Unduldsamkeit, schlechte Laune und einen Engpass an Gefühlen. Manche dieser "Sonderanfertigungen“ brauchen ständig neue Frauen, die ihr Selbstbild stützen.

Was in aller Welt aber finden die Frauen am Ego-Mann, was hält sie davon ab, wegzurennen, so schnell sie nur können? "Im Buhlen um Anerkennung sind Narzissten oft sehr charmant und großzügig“, weiß Moshammer-Peter, und ihre italienische Kollegin ergänzt: "Wenn ein Narzisst um eine Frau wirbt, geschieht dies gewöhnlich auf kurzweilige und leidenschaftliche Art. Er ist aufmerksam und erfinderisch. Wenn er sich verliebt, ist für ihn der große Moment gekommen. Das ist das Absolute, die bedingungslose Bestätigung.“

Frauen berichten von so intensiven Momenten mit dem Lover, auch den Sex betreffend, wie sie diese sonst nie erlebt haben. "Er bietet den Himmel und den Abgrund“, fasst Telfener zusammen. Auf Letzteren geht es fast unweigerlich zu, wenn der Alltag die Leidenschaft erstickt. Die Flughöhe konnte nicht gehalten werden, er schraubt ein paar Gänge zurück. Die Partnerin weiß meist nicht, wie ihr geschieht. Zuwendung wird rationiert, von Sicherheit kann sie nur träumen. Das reinste Gift fürs Selbstbewusstsein.

Aber die Trennung vom bösen Buben ist schwer. Warum? Alte Muster, die aufgelöst werden wollen, einerseits. Die Frau hatte vielleicht einen ähnlich gearteten Vater, der ihr zu wenig Aufmerksamkeit schenkte. Manche Frauen gefallen sich auch in der Rolle der Heilsbringerin, wollen ihn "retten“. Das größte Hindernis, loslassen zu können, sieht Telfener aber in dem unerreichbaren Ideal, das in der Beziehung geschaffen wurde. "Die Trauer um das, was hätte sein können …“

So trickst man Ego-Männer aus

Trotzdem: Sobald man weiß, wie er tickt, ist er nicht mehr so ganz schwer zu handeln. Telfener stellt den Unerschrockenen ein immerhin nie langweiliges Zusammensein an der Seite eines faszinierenden Mannes in Aussicht. Allerdings: Einige Überlebensstrategien sind zu beachten.

Selbstachtung.
Keinesfalls darfst du dein Selbstwertgefühl in die Hände eines Narzissten legen. Er würde es ohnehin nur mit Füßen treten. Jeder von uns kann schließlich mit der Zeit auf das bauen, was er vollbracht und begriffen hat. Auf diese Weise kann er seine Selbstachtung und das Gefühl der eigenen Identität steigern. Du hast im Leben einiges geschaffen und erreicht: Sei stolz darauf. Erlaube niemandem, das infrage zu stellen.

Gelassenheit.
Versuche, den Narzissten nicht allzu ernst zu nehmen, er widerspricht sich ständig selbst. Im einen Moment macht er Pläne für eine Weltreise und schlägt die unglaublichsten Projekte vor, im nächsten fehlt es ihm an Kraft, all das in die Tat umzusetzen. Wenn er wieder davon schwärmt, was man gemeinsam alles machen könnte, bleib' cool, nach dem Motto: erst mal sehen!

Nähe und Distanz.
Sein Ideal sieht so aus: Die Partnerin steht ihm zur Verfügung, wenn er sie braucht, zeigt sich aber unabhängig, wenn er nichts von ihr wissen will. Das Spiel mach' aber nicht mit, es steigert nur deine Abhängigkeit und die Wut über nicht eingelöste Erwartungen. Vernachlässige ihm zuliebe niemals die Familie, den Freundeskreis, Ihre Hobbys. Lass' ihn deine Pläne nicht umstoßen, sondern versuche, ihn in Unternehmungen mit einzubeziehen. Auch wenn er erst Nein sagt, kommt er nicht selten nach und amüsiert sich sogar.

Wichtigkeit!
Du musst dafür sorgen, dass er sich nicht unnütz vorkommt, ihm alles überlassen, was bei ihm das Gefühl der Unentbehrlichkeit hervorruft. Wenn er Dinge erledigen kann, egal ob wichtig oder nicht, fühlt er sich gut.

Nie ganz sicher.
Kritik ist für ihn ein Mittel, dem anderen nicht zu nahe zu kommen. Lass' dich einfach nicht provozieren, nimm' ihm mit einer gelassenen, am besten humorvollen Bemerkung gleich den Wind aus den Segeln. Wenn er streiten will, bitte. Du musst ja nicht mitmachen.

Cool bleiben.
Wenn du dem Narzissten einen kleinen Schuss Unsicherheit einschenkst, was die Beziehung angeht, hältst du ihn an der Leine. Wenn er die Stärke seiner Partnerin wahrnimmt, ohne dass er meint, diese richte sich gegen ihn, ist er stolz auf sie. Er mag es, wenn man seine Frau bewundert, dass sie intelligent ist und sich für vieles interessiert. Er will ja um seine Frau beneidet werden. Lass' ihn trotzdem spüren: "Du wirst mich nie ganz besitzen. Auch wenn du der faszinierendste Mann auf Gottes Erdboden bist. Ich könnte mich jede Minute auf und davon machen ...“

Redaktion: Miriam Berger

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