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"Dicke Menschen sind glücklicher und Komplexe sind unsexy!"

Die Hamburger Kabarettistin Nicole Jäger wog vor neun Jahren 340 Kilo und hat seitdem ihr Gewicht mehr als halbiert. Sie und die Autorin Nunu Kaller meinen, dass dicke Menschen glücklicher sind. Und ermutigen Frauen, zu ihren Rundungen zu stehen - in neuen Büchern und im WOMAN-Gespräch.

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Nicole Jäger und Nunu Kaller
© Matt Observe

Gewichtsrekord! 340 Kilo brachte Nicole Jäger, 35, auf zwei Waagen! Eine reichte nicht aus. Seit frühester Jugend machte die Kabarettistin Diäten und aß sich dann dank Jo-Jo-Effekt die Kilos wieder hinauf. Erst als sie kaum noch das Bett verlassen konnte, begann sie, ihr Leben zu ändern. Heute wiegt die Frau, die sich selbst als blond, kurzsichtig und ehemals übergewichtig beschreibt, 156 Kilo. Ihr Plan ist es, auf eine zweistellige Zahl zu kommen.

Über die Vorurteile gegenüber Dicken hat die Hamburgerin ein Buch geschrieben: "Nicht direkt perfekt". Die Bestsellerautorin liest nicht nur aus dem Buch, sie performt ihre Geschichte und Anekdoten bei uns am 17. März im Wiener Globe.

Mit der Beziehung der Frauen zu ihrem Körper beschäftigt sich auch Nunu Kaller, 33. In ihrem neuen Buch "Fuck Beauty" betont sie, dass wahre Schönheit nur von innen kommt und Diäten um jeden Preis Unsinn sind. Ein emotionales Gespräch über Genuss, Schönheit, Fettleibigkeit, Sex und die idealisierte Traumfigur.

WOMAN: Sie raten beide von Diäten ab. Wie kamen Sie von 340 auf 156 Kilo?
JÄGER: Am Anfang habe ich statt fünf Brötchen nur vier gegessen. Heute ist die Ernährung ausgewogen. Ich bin viel unterwegs und muss fit sein. Stehe morgens um sieben Uhr auf und muss um 20 Uhr die Hauptleistung des Tages auf der Bühne bringen. Das funktioniert nicht, wenn ich mich nicht vernünftig bewege und ernähre. Ich habe heute ein anderes Essverhalten. Um einen Anfang zu finden, weg von den Diäten, habe ich erst mal alles reduziert, um auch wieder das Gefühl für Essen und Hunger zu bekommen.

WOMAN: Wie sieht Ihr Essenstag aus?
JÄGER: Ich frühstücke Vollkornbrot mit irgendetwas oder ein Müsli. Ich habe keine Verbote, das Einzige was ich nicht esse, ist Karfiol, den finde ich ekelhaft. Ansonsten schaue ich darauf, regelmäßig zu essen. Ich kenne mich, ich komme den ganzen Tag mit Milchkaffee aus, und abends eskaliere ich auf dem Sofa. Aber an Tagen, an denen ich auf der Bühne stehe, gibt es ab 16 Uhr gar nichts mehr. Wenn ich zwischendurch esse, dann keinen Mist, sondern Obst.

Nicole Jäger und Nunu Kaller
Nicole Jäger

WOMAN: Apropos Mist, Sie schreiben in Ihrem Buch Frau Kaller, Sie haben sich für Ihre Speckfalten am Bauch geniert. Isst man sich die durch Mist an?
KALLLER: Es gibt Dinge, die isst man, weil man Hunger hat. Und es gibt Dinge, die man aus emotionalen Gründen isst. Manche Menschen nehmen bei Stress ab, sind ein Gerippe, ich nehme zu. Ich habe recherchiert: Wo ist der körperliche Hunger, und wann esse ich, um mich besser zu fühlen oder um etwas zu verdrängen? Allein die bewusste Auseinandersetzung damit ist sehr hilfreich. Im Büro gönne ich mir auch dann und wann ein Stück Schokolade.

»Essen ist ein sozialer Klebstoff und ein Trost, es macht satt!«

WOMAN: Also ist Essen eine Erleichterung?
KALLER: Ja, man geht auch Kleider kaufen, um sich zu belohnen und zu trösten. Und das Gleiche passiert beim Essen. Schokolade wirft ja auch Adrenalin ins Blut.
JÄGER: Essen ist ein positiver Verstärker oder ein Kompensator von negativen Emotionen, es entstresst nachweislich. Ich bin kein Stressesser, dafür tu ich es in anderen Situationen, wie man sieht. Es ist ein Mittel, um die Löcher, die in der Schotterpiste sind, die wir Seele nennen, einfach zu füllen. Man könnte sich damit beschäftigen, den Krater, der entstanden ist, aufzuarbeiten. Und zu fragen: Warum esse ich, warum eskaliere ich? Warum bin ich nicht gut genug zu mir? Oder ich überdecke das mit Essen. Letzteres ist einfach und schnell und auch anerzogen. Man sagt: "Sei leise, Kind. Hier hast du Bonbons." Essen ist eine Belohnung, es geht einem gut dabei. In vielen Fällen sind wir zu viel allein, einsam, kaputtgegangen, und versuchen, die guten Gefühle wieder anzufuttern.
KALLER: Essen ist ein sozialer Klebstoff und ein Trost, es macht satt!
JÄGER: Ja, es füllt auch. Emotional und körperlich. Man ist beschäftigt und langweilt sich nicht. Essen ist, nach Sex, die beste Sache der Welt. Das Gehirn liebt Essen, der Körper mag es.

Nicole Jäger und Nunu Kaller
Nunu Kaller

WOMAN: Ihr Buch, Frau Kaller, heißt "Fuck Beauty". Kann man überhaupt definieren, was Schönheit ist?
KALLER: Man kann es nicht definieren. Das Einzige, was gültig ist: Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Es gibt Schönheit, und es gibt Beauty. Und darunter verstehe ich den Kosmetik-und Instagram-Wahnsinn. Schönheit ist so viel mehr als ein schlanker Körper. Echte Schönheit kommt von innen. Fühlst du dich gut, strahlst du es aus.
JÄGER: Zufriedenheit und einigermaßen in sich zu ruhen, das macht Frauen schön. Komplexe sind unsexy.

WOMAN: Aber warum sind so viele Frauen mit ihren Körpern unzufrieden?
JÄGER: Das ist ein komplexes Thema, eigentlich ist es das Thema von Frauen. Wir Dicken sollen uns schlecht fühlen, wenn wir uns im Spiegel sehen.

WOMAN: Aber Frauen haben doch auch andere Themen!
JÄGER: Klar, wenn sie gerade ein Kind aus einem brennenden Haus retten. Aber wenn sie allein sind, ist es ihr Thema. Wenn man sich präsentieren muss, ist es meist ein Problem. Es ist belegt, dass neun von zehn Frauen mit ihrem Körper unzufrieden sind. Es beginnt in der Kindheit, dass man Männer zu Königen erzieht und Frauen zu Prinzessinnen. Es geht bei Männern um Durchsetzung und Leistung, bei Frauen darum, gut auszusehen.

WOMAN: Wie? Wir leben im Jahr 2018!
JÄGER: Ich bin 1982 geboren und so erzogen worden. Gehen Sie zu den großen Modeketten, schauen Sie, was die anbieten. Bei den Buben steht "Pirat" auf dem Label, bei den Mädchen "Papas Liebling". Wir Frauen versuchen, noch besser auszusehen, noch schlanker zu sein und noch gesünder auszusehen. Dabei werden wir immer kränker, unglücklicher, übergewichtiger. Vielleicht machen wir uns die Probleme selbst, weil wir zu wenig miteinander sprechen. Meine Brüste hängen übrigens und mein Hintern ist nicht der schmalste. Das ist normal, aber gerade das wird als nicht genug wahrgenommen. Dieses Gefühl tritt vermehrt bei Frauen auf.
KALLER: Als Kind habe ich Lego gespielt. Jetzt gibt es eigene Steine für Mädchen. Die Industrie hat gemerkt, wenn sie die Zielgruppen separiert, kann sie die Produkte doppelt verkaufen. Da läuft ein arges Klischeebild mit, das immer schlimmer wird.

WOMAN: Dieses Bild können Frauen doch verweigern!
JÄGER: Natürlich kann man sich zum Outlaw machen und nicht mitspielen. Dann ist man nicht perfekt, macht die Klappe auf und muss den Gegenwind aushalten! Doch Menschen wollen nicht anders sein, Menschen wollen gleich sein. Es ist aber völlig okay, nicht wie alle anderen zu sein. Da steckt natürlich Arbeit dahinter.
KALLER: Wir sind von Bildern und Werbung umgeben und sehen immer den gleichen Figurtyp. Aber den Typ, der präsentiert wird, haben vier Prozent aller Frauen. Irgendwann wandert das Bild ins Unterbewusstsein, und dann weiß man: Ich sehe nicht so aus wie die Frau am Plakat. Auch erfolgreiche Frauen haben eine Zusatzaufgabe, dass sie auch schön und sehr gepflegt sein müssen.


WOMAN: Beispiel: Angela Merkel?
KALLER: Frau Merkel hatte einen Shitstorm am Anfang ihrer Regierungzeit und wurde dann komplett umgestylt.
JÄGER: Man kann zu Frau Merkel politisch stehen, wie man will - als Frau ist sie großartig, weil sie sich nicht verschleiert, wenn sie in ein arabisches Land fährt.

»Viele Menschen haben im Kopf: Dick ist gleich krank. Ein Vorurteil! Laut Studien leben Menschen mit leichtem Übergewicht am längsten.«

WOMAN: Wie reagieren Sie, wenn man Sie mit "Dicksein ist ungesund" konfrontiert?
JÄGER: Natürlich kann Übergewicht ein gesundheitliches Problem sein. Aber wenn das so ist, dann ist es das Problem des Betroffenen. Um es provokant zu formulieren: Womit sich jemand zugrunde richten möchte, ist allein seine Sache und geht keinen etwas an. Ich habe das Glück, kerngesund zu sein. Aber ich kümmere mich um mich, ernähre mich gut, bewege mich viel.
KALLER: Viele Menschen haben im Kopf: Dick ist gleich krank. Man kann diesen Zusammenhang kausal jedoch nicht herstellen - es ist ein Vorurteil. Es gibt Studien, die besagen, dass Menschen mit leichtem Übergewicht am längsten leben - da sie im Notfall über Ressourcen verfügen, auf die der Körper zurückgreifen kann. Bei Adipositas (Fettleibigkeit) mag zwar in einigen Belangen das Risiko ein größeres sein, aber dennoch kann auch eine sehr dicke Frau viel gesünder sein als eine schlanke Frau. Doch worum es immer gehen muss: Ein gesunder Körper will gepflegt werden - mit gesunder Nahrung, ausreichend Schlaf und viel Bewegung.

»Es gibt nichts Schlimmeres, als von der Bettkante gestoßen zu werden. Eine Verletzung zum Quadrat. Mir ist es auch passiert.«

WOMAN: In Ihrem Buch, Frau Jäger, beschreiben Sie eine Sexszene, die für Sie nicht gut ausgeht. Steht Ihnen beim Sex Ihre Figur im Weg?
JÄGER: Nein, das ist nicht mehr der Fall. Ich glaubte immer, ich sei die Einzige, der Ablehnung passiert. Es gibt nichts Schlimmeres, als von der Bettkante gestoßen zu werden. Eine Verletzung zum Quadrat. So etwas passiert Frauen und mir auch. Darüber zu sprechen, über meine Lust und meine Körperlichkeit, hat mir gut getan und mich weitergebracht. Sex und übergewichtige Frau ist ein Tabuthema, und dem zu begegnen, war für mich wichtig.

Nicht direkt perfekt" von Nicole Jäger, Rowohlt und "Fuck Beauty" von Nunu Kaller, KiWi

BÜCHER. Warum fühlen sich Frauen nicht wohl, wenn sie keine "Idealfigur" haben? Damit befassen sich "Nicht direkt perfekt" von Nicole Jäger, Rowohlt, € 15,50, und "Fuck Beauty" von Nunu Kaller, KiWi, € 13,40.

Nicole Jäger und Nunu Kaller

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