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Die Botschaften unserer Haut

Sie ist unser Tor zur Außenwelt, verbindet uns und grenzt uns ab. Freude, Stress, Aufregung hinterlassen Spuren auf unserer Haut. Gerät sie aus dem Gleichgewicht, ist das ein Hinweis darauf, dass etwas mit uns nicht stimmt. Lesen Sie, wie sich die Botschaften entschlüsseln lassen.


Die Botschaften unserer Haut
© Corbis Images

Glück, Liebe, Verlangen, Sehnsucht, Schmerz. Jedes dieser Gefühle erspüren wir über unsere Haut. Jeder emotionale Moment, jedes Hochgefühl, aber auch jede Demütigung fühlen wir als Erröten, kribbelndes Gefühl oder auch heiß-kalte Schauer auf unserer äußeren Hülle. Das größte Organ des Menschen speichert selbst winzige Details. Das ist im Äußeren auch für andere sichtbar: Kleine Fältchen um die Augen deuten auf viel Lachen hin, Narben berichten von Schmerzen, zerfurchte Hände stehen für harte Arbeit. Und auch innere Faktoren hinterlassen Spuren.

Das Tor zur Seele.

Denn unsere Haut ist über unzählige Nervenbahnen und Blutgefäße eng mit unseren inneren Organen und dem Gehirn vernetzt. Kein Wunder also, dass wir viele emotionale Reaktionen über sie spüren. Geht es Darm, Leber oder Niere nicht gut, macht sich das "im Außen" durch ungesunde Färbung, Pigmentflecken oder Ausschlag bemerkbar. Und auch innere psychische Vorgänge wie Stress, Abgrenzungskonflikte oder das Gefühl von zu wenig Freiraum zeigen sich hier.

Schutzhülle.

Komplexes System. Rund zwei Quadratmeter Oberfläche hat unsere Haut, sie wiegt ca. drei Kilo. Zählt man die Unterhaut und das damit verbundene Fettgewebe dazu, sind es sogar zehn Kilo und mehr. "Sie besteht aus drei Schichten", erklärt Dr. Julia Lämmerhirt, Fachärztin für Haut- und Geschlechtskrankheiten in Wien ( www.skin-balance.at ). Die Oberhaut ist die Schutzschicht nach außen. Sie ist relativ undurchlässig, dient zur Isolierung und sorgt dafür, dass Schmutz und Keime nicht in uns eindringen können. Dann kommt die Lederhaut mit Blutgefäßen und Schweißdrüsen. Am Übergang der Ober- zur Lederhaut findet die Vermittlung von außen nach innen statt. Diese Verbindungszone spielt bei vielen Hautkrankheiten wie Kontaktekzemen oder Schuppenflechte eine wichtige Rolle. Schließlich folgt die Unterhaut, die über das Fettgewebe mit dem Inneren des Körpers verbunden ist.

Zweites Gehirn. Nervensystem und Haut stammen aus den gleichen Zellen, das erklärt ihre enge Verbundenheit mit dem Gehirn. Dort ist ein großes Areal für die Reize von außen und deren Verarbeitung reserviert. Deshalb lassen sich seelische Probleme oft an unserem Hautzustand ablesen - und umgekehrt beeinflussen chronische Hautkrankheiten unsere Psyche. Auch unsere Abwehrkräfte sind eng mit der Haut verbunden. Positive Reize, die wir auf diesem Weg aufnehmen, Streicheln oder sanfte Massagen etwa, stärken unser Immunsystem, so Lämmerhirt. Denn dabei wird das Kuschelhormon Oxytocin ausgeschüttet, das senkt den Blutdruck und sorgt für angenehme, manchmal sogar lustvolle Gefühle. Negative Empfindungen wie Angst oder Ärger dagegen fördern Entzündungen.

Streicheleinheiten.

Sanfte Berührung. Wie wichtig Berührung und Zuwendung für jeden Menschen sind, das zeigt das grausame Experiment des Staufenkaisers Friedrich II. im 13. Jahrhundert: Er ließ einige Neugeborene mit dem Auftrag an Ammen übergeben, dass sie die Babys zwar stillen und versorgen sollten, aber auf keinen Fall mit ihnen sprechen oder sie liebkosen dürften. Innerhalb kurzer Zeit starben alle Kinder. Ein umgekehrtes Experiment machte 1957 der amerikanische Psychiater Seymour Levine mit Ratten. Er nahm Jungtiere täglich fünfzehn Minuten aus dem Nest und streichelte sie. Als erwachsene Tiere zeigten sie ein deutlich gelasseneres Verhalten und erzeugten weniger Stresshormone als vergleichbare nicht gestreichelte Tiere.

Meldesystem. Diese Empfindungen spiegeln sich auch in unserer Alltagssprache wider. So sprechen wir etwa davon, dass eine robuste Natur ein "dickes Fell" hat. Besonders empfindliche Personen haben dagegen eine "dünne Haut" - ein unbewusster Parameter dafür, wie sehr wir uns etwas zu Herzen nehmen. Auch zeichnen sich unsere inneren Empfindungen auf der Haut ab. Bei starken Emotionen wie Zorn oder Scham steigt die Durchblutung in Gesicht und Dekolleté. Das Erblassen bei einem plötzlichen Schreck andererseits ist eine Schutzfunktion, weiß Lämmerhirt. Das Blut zieht sich aus den oberen Hautschichten zurück und nimmt uns die Farbe. Das hat gleich zwei Auswirkungen: Wenn wir uns verletzen, bluten wir nicht so stark. Und die inneren Organe werden stärker durchblutet, können in einem Notfall also besser arbeiten.

Stress stresst die Haut.

Cortisol-Überschuss. Diese Reaktion hat allerdings zwei Seiten. Aus Sicht der Evolution klingt es vernünftig, dem Steinzeitmenschen die Kraft entweder zum Kampf oder zur Flucht zu verleihen. Dass dabei auch das Immunsystem unterdrückt wird, kann für den modernen Menschen allerdings negative Auswirkungen haben. Denn unser Gehirn unterscheidet nicht zwischen dem Schrecken beim Anblick eines Säbelzahntigers und einem Angriff auf unserer mentalen Ego-Ebene, wie einer Beleidigung oder Kränkung. In beiden Fällen werden Cortisol und Adrenalin ausgeschüttet. Während sie bei Kampf oder Flucht wieder abgebaut werden, bleiben sie ohne diese Anstrengungen in unserem Körper und erzeugen Stress. Je öfter das passiert, umso mehr wird das Immunsystem dadurch geschwächt.

Krankheits-Trigger. Das kann zu Begleiterscheinungen auf der Haut führen, es kommt zu Ausschlägen oder Ekzemen. Ein klassisches Beispiel sind Fieberblasen, erklärt Lämmerhirt. Das Virus tragen viele in sich, zum Ausbruch kommt es allerdings nur, wenn das Immunsystem geschwächt ist. Nicht jedoch durch äußeren Kontakt, wie viele glauben. Wie stark Emotionen und Ausbruch des Virus in Zusammenhang stehen, zeigt folgendes Experiment: Menschen, die immer wieder an Herpes leiden, wurden Bilder von verschmutzten Gläsern gezeigt. Die Ekelgefühle, die dabei entstanden, erzeugten so viel Stress, dass das Immunsystem geschwächt wurde und Bläschen zu blühen begannen.

Meditation hilft heilen.

Abschalten. Werden Hautprobleme chronisch, sind sie sehr schwer zu behandeln, weiß die Expertin. Viel zu komplex ist die Verbindung zwischen Haut, inneren Organen und Psyche. Nur in den seltensten Fällen kann man eine Ursache für ein Problem festmachen. Meistens spielen mehrere Faktoren zusammen. Ein wirksames Mittel sind regelmäßige Entspannungsübungen. Egal ob Meditation, Yoga, autogenes Training, Qigong oder Ähnliches: Wenn sich das vegetative Nervensystem beruhigt und nicht mehr so stark auf Stressreize reagiert, werden die Symptome auf der Haut weniger. Wichtig ist es, die Übungen regelmäßig zu machen. Denn Entspannung ist ein aktiver Prozess. Wenn wir nur auf der Couch vor dem Fernseher liegen, nützt das nichts.

Atmen entspannt. Diese Übung zum Synchronisieren der Gehirnhälften beruhigt und kann schnell zwischendurch gemacht werden: Rechtes Nasenloch zuhalten, durch das linke tief einatmen. Links zuhalten, rechts aus- und wieder einatmen. Mehrmals abwechseln.

Spiegel des Inneren.

Blick in den Körper. Genauso wie sich der Zustand unserer Psyche auf der Oberfläche widerspiegelt, tun das auch unsere inneren Organe. In einigen Medizinsystemen, wie etwa der traditionellen chinesischen Medizin, ist die Antlitzdiagnostik sogar eine eigene Wissenschaft. So weist etwa eine Gelbfärbung der Haut auf ein Problem von Leber und Nieren hin, ebenso wie gerötete Handflächen, vergrößerte Gefäße im Gesicht und starker Juckreiz. Violett verfärbte Wangen können auf Lungenprobleme hinweisen, auffallende Blässe steht für Eisenmangel. Natürlich steckt nicht hinter jedem Pickel eine ernste Erkrankung. Doch wenn sich die Haut stark verändert, kann das ein wichtiger Hinweis sein, der oft lange vor anderen Symptomen auftritt.

Pflegestunde.

Samtweich. Deshalb ist es wichtig, die Haut zu beobachten und regelmäßig zu pflegen. Denn durch die tägliche Körperpflege wird ihr Säuremantel heute viel stärker beansprucht als noch vor wenigen Jahrzehnten. Spätestens bei Spannungsgefühlen und Juckreiz sollten Sie zur rückfettenden Bodylotion greifen. Ein zusätzliches Plus: Das sanfte Einmassieren der Creme wirkt der Stressantwort des Körpers entgegen. Denn unsere Haut will berühren und berührt werden. Sie will das frische Gras unter den Fußsohlen ebenso spüren wie die Berührung eines geliebten Menschen.

Redaktion: Pia Kruckenhauser