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Die Kraft der Hormone

Sie können verrückt spielen oder in Balance sein, mischen beim Sex und bei der Gesundheit mit. Wie Hormone unser ganzes Leben bestimmen, verrät Topexperte Dr. Johannes Huber.


Die Kraft der Hormone

Warum gibt es Tage, an denen wir mehr Lust auf Sex haben? Warum können wir uns manchmal selbst nicht leiden? Und warum finden wir Babys süß? Schuld daran sind immer Hormone . Was diese noch können und wie sie unser tägliches Leben bestimmen, verrät uns der bekannteste heimische Hormonexperte im Interview: Dr. Johannes Huber. Er leitet die klinische Abteilung für Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin der Uni Wien und hat bereits unzählige Bücher zum Thema verfasst – etwa "Liebe lässt sich vererben" (Zabert-Sandmann-Verlag, um 17,50 Euro).

"Es gibt auch ein Orgasmus- hormon"

WOMAN: Was wäre ein Leben ohne Hormone?

Huber: Ein Leben ohne Sex , ohne Kinder - man würde die gesamte Menschheit zum Aussterben bringen.

WOMAN: Dann hätte niemand mehr Lust auf Sex !

Huber: Genau. Die fehlenden Geschlechtshormone steuern die Fortpflanzung und speziell bei Frauen auch den Kinderwunsch . Es wird immer wieder nach dem Sinn des Lebens gesucht - und eine der möglichen Antworten liegt in der Fortpflanzung begraben: Geschlechtshormone gibt es seit 800 oder 900 Millionen Jahren, sie gehören zu den ältesten Systemen und sind hochwirksame Substanzen.

WOMAN: Es gibt ja auch noch viele andere Hormone. Wenn man einen ganzen Tag betrachtet, in welchen Situationen spielen Hormone eine Rolle?

Huber: Beim Stoffwechsel : Sie regulieren den Blutzucker und informieren den Körper, ob man gerade essen soll oder nicht. Ob man trinken soll oder nicht. Sie geben dem weiblichen Körper das Startsignal zu einer Schwangerschaft, indem beachtet wird, ob genug Fettzellen eingelagert sind oder ob das Risiko zu groß ist. Sie bestimmen, wie man in Stresssituationen reagiert: flight or fight, also fliehen oder kämpfen. Hormone sind aber auch für den Cholesterinspiegel verantwortlich, das Haarwachstum und die Milchproduktion, für die Regulierung des Tag-Nacht-Rhythmus usw. Aber auch Organe wie das Herz oder der Darm produzieren Hormone. Selbst Gewebe wie die Knochen unterliegt deren Kuratel.

WOMAN: Unser Leben wird also sehr von Hormonen bestimmt?

Huber: Wenn man ihre Funktionen betrachtet, sieht man, dass sie mehr oder weniger alles betreffen, was sich im Körper abspielt: die Verdauung, den Herzschlag, den Sex, den Wasserhaushalt. Deswegen ist die Endokrinologie, die Lehre von den Hormonen, auch eine interdisziplinäre Wissenschaft. Man sollte Erkrankungen aber ohnehin immer ganzheitlich interpretieren. Hautprobleme können zum Beispiel mit der Leber oder der Psyche genauso zusammenhängen wie mit den Eierstöcken.

WOMAN: Wenn man die Funktionsweise von Hormonen betrachtet - wie läuft das ab?

Huber: Man muss sich das so vorstellen: Hormone sind Informationsstoffe, und unser Körper hat quasi ein Telefonsystem, bestehend aus den Nerven. Und die Hormone sind das Funksystem dazu, kleine Moleküle, die durch den Äther schwirren und Botschaften weitervermitteln.

WOMAN: Welche Hormone sind eigentlich für welche Stimmungen zuständig?

Huber: Adrenalin hilft bei der Bewältigung von Stress , Prolaktin regelt die Milchbildung nach der Geburt, Oxytocin wiederum ist ein sehr interessantes Hormon. Einerseits sorgt es bei einer Geburt für die Kontraktionen der Gebärmutter, wird aber auch beim Stillen freigesetzt. Es ist quasi das Beziehungshormon, da es für die Mutter-Kind-Bindung zuständig ist. Es ist aber auch das Orgasmushormon und sorgt dafür, dass ein Orgasmus nicht nur Freude auslöst, sondern auch eine Beziehung zwischen diesen zwei Menschen entsteht - mit der Botschaft: Sex ist mehr als Akrobatik. Dann gibt es noch Insulin, welches den Blutzuckerspiegel regelt, und das Schilddrüsenhormon. Dieses ist dafür verantwortlich, dass aus Nahrung Energie wird. Und Vitamin D, welches nur fälschlicherweise als Vitamin bezeichnet wird, eigentlich ist es ein Hormon. Es schützt sehr wirksam vor Brust- und Prostatakrebs. Ein Drittel der Frauen haben einen Vitamin-D-Mangel.

WOMAN: Und die Geschlechtshormone?

Huber: Da gibt es drei Familien. Progesteron ist für die Einnistung des Embryos zuständig. Es ist aber auch ein natürliches Psychopharmakum. Bei einem Mangel kommt es zu seelischen Turbulenzen. Studien zeigen, dass bei Defiziten mehr Psychopharmaka verschrieben werden. Östrogen hat die Aufgabe, die Eizellreifung zu stimulieren und zu steuern, und wirkt regulierend auf den Schlaf. Daher wachen viele Frauen in der Menopause schweißgebadet auf, wenn es zu einem Östrogenmangel kommt. Es wirkt aber auch entzündungshemmend. Wenn es fehlt, kommt es zu Gelenksschmerzen. Östrogen ist ein starker Cholesterinsenker und reguliert auch den Blutdruck, deswegen fängt der Blutdruck in der Lebensmitte zu steigen an. Auch die Scheide wird in der Menopause wegen eines Östrogenmangels oft trocken, überhaupt die ganzen Schleimhäute, man verliert Haare, die Haut wird trocken.

WOMAN: Und die dritte große Familie?

Huber: Das ist Testosteron. Eigentlich ist Testosteron auch DAS weibliche Geschlechtshormon, denn die Östrogene sind nur im Picogrammbereich vorhanden, während Testosteron im Nanogrammbereich ist, das ist eine Tausendereinheit darüber. Das Hormon regelt den Stoffwechsel und verbrennt Fett. Wenn es fehlt, kommt es oft zu dem klassischen Schwimmreifen. Mit der Pilleneinnahme wird die Testosteronbildung unterdrückt, und deswegen verändert sich bei vielen Frauen die Körperzusammensetzung, und die Libido kann absinken. Viele Frauen sagen dann, sie sind zwar jetzt vor einer Schwangerschaft geschützt, aber sie haben eigentlich gar keine Lust mehr. Wenn die Brust größer wird, kann das auch ein Zeichen für einen Testosteronmangel sein. Einen Mangel kann man mit Pflaster oder Cremes ausgleichen.

WOMAN: Ist der Testosteronspiegel immer gleich?

Huber: Im normalen Zyklus gibt es Spitzen. Am Tag des Eisprungs steigt er hinauf, dann wird die Lust auch größer - aus gutem Grund.

WOMAN: Aber würde sich das mit einer Schwangerschaft noch ausgehen? Weil es heißt ja, dass man vor dem Eisprung Sex haben müsste, um ein Kind zu zeugen.

Huber: Ja, das geht sich aus, es ist auch ein bisschen vor dem Eisprung. Testosteron ist übrigens auch für das räumliche Denken zuständig. Männer, die zu wenig Testosteron haben, haben zum Beispiel die größten Schwierigkeiten, in eine Parklücke zu kommen.

WOMAN: Sie zählen sämtliche Folgen auf, was passiert, wenn es zu einem Hormonmangel während der Menopause kommt - warum ist die Verordnung von Hormonen dann so in Verruf gekommen?

Huber: Das ist mir auch ein Rätsel. Nein, im Ernst, man muss vor jeder Behandlung drei Fragen stellen: Braucht die Frau ein Hormon? Wenn ja, welches? Und in welcher Dosierung? Das Problem ist, dass in den Studien, die gemacht worden sind und wegen denen Hormone so in Verruf geraten sind, diese Fragen nicht gestellt worden sind.

WOMAN: Was ist in den Studien passiert?

Huber: Man hat Frauen in den Wechseljahren automatisch Hormone verschrieben. In England, wo die Studie herkommt, geht man zunächst immer zum praktischen Arzt, und der überweist zum Facharzt. Die Frauen mit Wechselbeschwerden haben die Hormone aber nicht einmal vom praktischen Arzt bekommen, sondern von Krankenschwestern in den Praxen der Allgemeinmediziner - immer in derselben Dosierung. Mich wundert es, dass nicht mehr passiert ist. In der zweiten großen Studie aus den USA hat man die Hormone Frauen verschrieben, die im Schnitt 64 Jahre alt waren - also Frauen ohne jegliche Beschwerden! Das ist so, als würde ich einer Frau Insulin verschreiben, um zu sehen, ob ich so Herzinfarkte verhindern kann.

WOMAN: Was raten Sie nun einer Frau in der Menopause?

Huber: Bei Beschwerden ist es sinnvoll, diese zu beseitigen - mit dem Stoff, der fehlt.

WOMAN: Zu wem sollte man bei Wechselbeschwerden gehen?

Huber: Zu einem Gynäkologen, der auch nach Beschwerden wie Schlafstörungen oder Migräne fragt und sich nicht nur um Organisches kümmert.

WOMAN: Und wann bekommt man Hormone?

Huber: Das ärztliche Gespräch ist das wichtigste Hormon. Bevor man etwas verschreibt, sollte man es erst mit pflanzlichen Mitteln und Änderungen im Lifestyle probieren.

WOMAN: Neuere Studien zeigen, dass das Krebsrisiko nur leicht erhöht ist bei einer Hormoneinnahme ...

Huber: Nicht einmal. Wenn man nur Östrogen nimmt, dann sinkt das Risiko sogar. Auf 10.000 Frauen gibt es sieben Fälle weniger pro Jahr. Und bei einer Gabe von Östrogen und Progesteron gibt es im Vergleich zur Placebogruppe acht weitere Fälle von Brustkrebs auf 10.000.

WOMAN: Auch während der Pilleneinnahme steigt das Risiko leicht an. Darüber redet kein Mensch ...

Huber: Absolut.

WOMAN: Warum wird die Hormoneinnahme dann weiterhin schlechtgeredet?

Huber: Da gibt es viele Gründe. Die Medizin ist im Wettstreit, und verschiedene Disziplinen sehen es nicht gerne, wenn man Erkrankungen mit nur einer Stoffklasse heilen kann. Außerdem stellt sich die berechtigte Frage, warum Brustkrebs im Steigen ist. Aber auch das Prostatakarzinom. Meiner Meinung nach hat man den falschen Schuldigen gefunden. Es könnte vielmehr mit steigenden Umweltbelastungen zusammenhängen.

WOMAN: Es gibt eine Studie, die zeigt, dass Kläranlagen das Wasser nicht von den Hormonen der Pille befreien können ?

Huber: Genau. Das geht über die Flüsse in die Nahrungskette über. Es leiden ja auch Männer an den Umweltbelastungen. Vor Jahrzehnten wurden noch ca. 50 Mio. Spermien pro Ejakulat gemessen. Heute sind es in einigen Ländern nur noch 10 Mio. Was aber genau für was verantwortlich ist, kann man noch nicht sagen.

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