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Die Krise nach der Geburt

Juhu, das Baby ist da! Superhappy? Fehlanzeige! Viele Mütter fallen gleich nach der Geburt in ein Stimmungstief und leiden an schweren Depressionen. Willkommen im Babyblues! Das Gute daran: Nach ein paar Tagen ist der Spuk meist wieder vorbei.

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Die Krise nach der Geburt
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Es kann jede Frau treffen. Aber nur wenige trauen sich, auch darüber zu reden. Darüber, wie das ist, wenn man kurz nach der Geburt sein Baby in den Armen hält und einfach nichts spürt, zum Beispiel. Oder, noch schlimmer: sich überhaupt keine positiven Gefühle einstellen,sondern Wut, Hass und Verzweiflung … dem eigenen Baby gegenüber. Und man vor lauter Verzweiflung und Scham nicht mehr weiß, wohin mit diesen Empfindungen. Aber trotzdem funktionieren muss, weil sich das ganze Leben von heute auf morgen um 180 Grad gedreht hat, der kleine Wurm ja gestillt werden muss und die ganze Familie gleichzeitig auf der Matte steht, um Hallo zu sagen. Eh schön von ihnen, nur: Was tun, wen man am liebsten gleich losheulen möchte? Am besten mal tief durchatmen.

»Was tun, wenn man nach der Geburt nur mehr heulen möchte? Und gar nicht weiß, warum?«

Emotionale Achterbahnfahrt

Wichtigste Message vorab: Mamis, ihr seid nicht alleine, diese schrecklichen Gefühle haben einen Namen: Babyblues. Das klingt zwar harmlos, kann aber ziemlich heftig sein. Jede dritte Frau fällt nach der Geburt in ein Stimmungstief, das meist bis zu fünf Tage anhält und dann wieder von selbst verschwindet. Innere Leere, Schuldgefühle, Desinteresse am Kind, aber auch Schlaf- und Ruhelosigkeit, Traurigkeit, Wein-Attacken bis hin zu extremer Reizbarkeit und sogar Tötungsgedanken können hierbei auftauchen. Die Gründe für diese emotionale Achterbahnfahrt? Sind meist schlicht biologisch und hormonell bedingt. Die Anstrengung während der Geburt, die körperliche Erschöpfung und Umstellung danach prallen auf eine starke und schnelle Veränderung des Hormonhaushalts. Klar, dass die ganze Welt dann einfach mal kurz auf dem Kopf steht. Normalerweise sollten diese Symptome nach ein paar Tagen wieder verschwinden. Hält das Stimmungstief länger an, wird das Ganze eher einer postpartalen Depression zugeordnet.

»Jede dritte Frau fällt nach der Geburt in ein Stimmungstief für ein paar Tage. Meist vergeht es von selber.«

Milchstau, Angst und Tränen

Katrin S. weiß heute, dass ihre Probleme nach der Geburt irgendwo zwischen Babyblues und Depressionen angesiedelt waren. Ein paar Tage, nachdem ihr Sohn Leo auf die Welt gekommen war, setzte ihr zuerst vor allem der körperliche Stress stark zu: "Das Stillen funktionierte überhaupt nicht, meine Brustwarzen waren total entzündet, ich hatte Milchstau und Angst, dass der Kleine nicht genug Gewicht zunehmen könnte. Als ich in die vor Freude strahlenden Gesichter meiner Besucher blickte, dachte ich: Ich finde es gerade einfach nur mehr zum Heulen", erinnert sich die 38-Jährige an diese Phase. So richtig einordnen konnte sie ihre Gefühle damals nicht. "Mir war einfach alles zu viel. Das wurde mir aber erst später bewusst, als es mir besser ging, ich aus meiner Isolation rauskam und mit anderen Müttern Kontakt aufnahm." Am schlimmsten empfand die Grafikerin aber die permanenten Selbstzweifel an der Entscheidung, überhaupt ein Kind bekommen zu haben. "Ich hatte nicht damit gerechnet, dass das Stillen so vereinnahmend sein kann. Gerade anfangs hängen einem die Babys teilweise über Stunden an der Brust, das geht echt an die Substanz. Und eigentlich freut man sich nach der Schwangerschaft, dass einem sein Körper wieder gehört – Fehlanzeige! Gleich nach der Geburt wird er wieder in Beschlag genommen. Man fühlt sich als Frau dabei sehr fremdbestimmt", erzählt Katrin. Mit ihrem Partner, der gleich nach Babys Ankunft für einen Monat Papakarenz nahm, konnte sie sich zwar gut austauschen, nur: "Wirklich helfen konnte er mir leider auch nicht. Schließlich war nur ich diejenige, die unseren gemeinsamen Sohn stillen konnte."

»Niemand gibt gern zu, dass er sich nicht freut, ein Baby zu bekommen. Aus Scham redet keine Mama drüber.«

Fehlende Glücksgefühle

Auch Silvia S. kennt diese Momente als Mutter, wenn einfach alles zu viel wird. Nicht nur, dass ihre Geburt komplett anders verlief, als sie sich das vorgestellt hatte: "Ich habe mich sehr gut darauf vorbereitet, Hypno-Birthing für mich entdeckt. Und stellte mir dieses Erlebnis sehr kraftvoll und natürlich vor." Aber es kam ganz anders: "Ich hatte einen Kaiserschnitt, weil die Ärzte aufgrund von Komplikationen kein Risiko eingehen wollten. Bis ich das emotional verdaut hatte, brauchte ich echt lange. Man wird damit aber auch allein gelassen, weil ein Kaiserschnitt als so normal angesehen wird", findet die Mutter aus Linz, die sich noch im Krankenbett über "fehlende Glücksgefühle" wunderte. Etwas, das bei Frauen mit Kaiserschnitt sehr oft vorkommt, weiß die 40-Jährige heute. "Nicht nur, dass es mir körperlich sehr schlecht ging. Ich hatte Tage, an denen ich nur weinen konnte. Dann aber auch Phasen, in denen ich happy war", sagt sie. Dass es sich dabei um einen Babyblues handeln könnte, war der Physiotherapeutin aber von Anfang an klar. "Ich konnte mich mit meiner Familie und meinem Partner Gott sei Dank gut austauschen. In dieser Zeit sprach ich viel über meine Gefühle, ganz offen und ehrlich. Dass ich zu meinen Empfindungen stand, hat mir damals sehr gut getan." Und natürlich auch der Körperkontakt und die Nähe zur Tochter und die vielen Freunde, die die Oberösterreicherin mit praktischer Hilfe in dieser schwierigen Zeit unterstützten.

Der Austausch mit anderen Müttern kam aber erst ein paar Monate später, als Silvia S. in diversen Babygruppen und Rückbildungsgymastikkursen aktiv wurde. "Ich bin sehr offensiv mit dem Thema umgegangen und habe gemerkt, dass auch andere Mütter diese Probleme haben. Und einfach nicht drüber reden," erzählt sie. Erst, als sie die Probleme mit Babyblues und Depressionen ansprach, öffneten sich auch andere Frauen und waren erleichtert. "Klar, jede Mama will einen perfekten Job machen. Sich öffentlich Schwäche einzugestehen, dazu braucht man schon ein großes Selbstbewusstsein."

Dieses Dilemma kennt auch Katrin F. nur zu gut. "Niemand gibt gern zu, dass er sich nicht freut, ein Baby bekommen zu haben. Man hat Schuldgefühle, weil man ja eigentlich glücklich sein sollte", sagt sie. Und aus Scham trauen sich viele Frauen einfach nicht, darüber zu reden. "Jede glaubt von der anderen, sie mache es besser. Dadurch entsteht Druck. Klar, viele junge Eltern verbinden mit der Gründung einer Familie viele Hoffnungen, Wünsche, Ideale und Vorstellungen. Als junge Mutter hat man schön, relaxt und glücklich zu sein. Sein Baby hat man als das größte Glück zu empfinden. Diesen Bildern will man entsprechen. In der Realität schafft das aber kaum eine Frau", weiß Therapeutin i. A. Christina Huber, 36, aus Perg, Oberösterreich. Zu ihr kommen viele Frauen, die mit ihrer neuen Mamarolle einfach überfodert sind und nicht mehr weiter wissen. "Sie leiden an Schlafmangel, Kontrollverlust über das eigene Leben, vorübergehendem Libidoverlust, Konflikten mit dem Partner, Zeitmangel, Veränderungen des sozialen Umfelds etc. Das ist die Realität jeder Mama", weiß sie. "Ich bin selber zweifache Mutter, und meine Erfahrung mit Babygruppen zeigt: Traut sich eine Frau mal ihre Probleme anzusprechen, ziehen andere nach. Dann erst ist ein ehrlicher und authentischer Austausch möglich." Überhaupt ist es für junge Mamis sehr wichtig, sich Auszeiten zu gönnen und Freiräume zu schaffen. "Ich habe mit meinem Partner vereinbart, dass er zwei Mal in der Woche früher von der Arbeit kommt und ich dann ein paar Stunden für mich allein habe. Was mir auch half, war, jeden Tag etwas zu unternehmen. Spaziergänge, andere Mamis treffen, einfach raus an die frische Luft", erzählt Katrin F., wie sie sich aus ihrem Stimmungstief befreit hat. "Mittlerweile habe ich eine tolle Gruppe gefunden, die stark auf einen ehrlichen Austausch unter Eltern setzt. Auch Papis machen da mit!" Ihre Message an Mütter, denen es ähnlich geht? "Gebt euch nicht selber auf für das Baby. Geht raus, trefft andere Mamis, und redet über eure Probleme. Ihr seid nicht allein damit!"

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