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Die Lust ist weiblich

Frauen sind von Natur aus monogam – ein Märchen, das ausgedient hat. Neueste Forschungen stellen klar: Sie sind es, die in Wahrheit die Abwechslung brauchen ...

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Die Lust ist weiblich
© Oxana Oleynichenko/iStock/Thinkstock

Frauen: Das monogame Geschlecht, dem die feste Bindung über alles geht – zumindest, wenn man herkömmlichen Klischees glaubt. Doch die Zahlen sprechen eine andere Sprache. Umfragen belegen, dass zumindest jede zweite Frau schon einmal fremdgegangen ist. In Sachen Seitensprünge haben sie im Vergleich zu Männern die Nase deutlich vorne. Warum das so ist, das will das neue Buch "Die versteckte Lust der Frauen" (Knaus-Verlag, € 17,50) klären. Der New Yorker Journalist und Autor Daniel Bergner hat dafür aktuellste Forschungsergebnisse über die weibliche Lust und Fallbeispiele zusammengetragen, Sexualwissenschaftler und Paartherapeuten auf der ganzen Welt befragt. Und die Schlüsse, zu denen er kommt, sind wahrhaft erstaunlich.

Orgasmus.

Gespaltene Moral. Es gibt eine uralte Skepsis gegenüber weiblicher Lust, schreibt er etwa, die Geschichte ihrer Unterdrückung beginnt schon mit der Rolle Evas als erste Sünderin. Gleichzeitig wurde der Orgasmus der Frau als extrem wichtig betrachtet. Denn bis ins 16. Jahrhundert waren führende Ärzte überzeugt, dass eine Frau nur durch das "gewisse Zittern" schwanger werden könne. Erst als um 1600 die medizinische Erkenntnis so weit gedieh, dass man die Vorgänge rund um eine Schwangerschaft verstand, entkoppelte sich die weibliche Fähigkeit, zu entflammen, von ihrer Fähigkeit, schwanger zu werden. Die Libido wurde für die Fortpflanzung immer unwichtiger. Und mit dem viktorianischen Zeitalter im 19. Jahrhundert und evangelikalen Religionsgemeinschaften wurde schließlich die Reinheit der Frau als das Bollwerk gegen die immer sinnliche Natur des Mannes hochstilisiert. Dieses Bild der reinen Frau, für die Lust nicht wichtig ist bzw. sein darf, wirkt trotz der sexuellen Revolution der 1970er-Jahre bis heute im kollektiven Bewusstsein nach. Dabei zeigen neue Studien, dass die weibliche Libido "ein Allesfresser" ist, die auf völlig unterschiedliche Reize reagiert. Und auch auf viel mehr als die der Männer.

Widersprüchlich.

Wissenschaft. Bewiesen hat das die kanadische Sexualforscherin Meredith Chivers. Sie zeigte ihren männlichen und weiblichen Probanden eine breite Auswahl an Porno-Clips: alle möglichen Variationen des Liebesspiels, schwule und lesbische Paare, Gruppensex, Masturbation, sogar kopulierende Zwergschimpansen. Dazwischen wurden zur Kontrolle immer wieder Landschaftsbilder eingeschleust. Über spezielle Geräte, die die Durchblutung der Vagina bzw. des Penis messen, wurde die Erregung der Testpersonen erfasst. Das überraschende Ergebnis: Sowohl heterosexuelle als auch lesbische Frauen reagierten auf alle Sexszenen und wurden sogar von den Zwergschimpansen beträchtlich erregt. Männer wurden dagegen nur von ihrer eigenen sexuellen Ausrichtung angetörnt, die Zwergschimpansen etwa ließen sie völlig kalt.

Selbstwahrnehmung. Interessant wird diese Erkenntnis vor allem im Lichte der weiblichen Selbstwahrnehmung. Denn Chivers bat alle Teilnehmer, ihre Erregung selbst zu beurteilen. Die männliche Einschätzung stimme mit der Realität überein. Die Frauen meinten jedoch, nur von den Clips angesprochen worden zu sein, die ihrer tatsächlichen Sexualität entsprachen. Alle anderen stuften sie als neutral ein. Der Verstand verleugnete also ganz klar die Reaktionen der Vagina.

Gesellschaftscode.

Verleugnung. Frauen lernen offensichtlich, ihre sexuellen Signale auszublenden. Verschiedene genetische und soziale Codes sind dafür verantwortlich. Denn obwohl wir in einer scheinbar sexuell freizügigen Welt leben, gibt es große Tabus. Eskapaden wie die von Madonna und Miley Cyrus oder Serien wie "Sex and the City", in denen eine "männliche Sexualität" auch für Frauen propagiert wird, bedeuten nicht, dass diesen in unserer Gesellschaft moralisch das Gleiche erlaubt ist wie Männern. Hier gibt es immer noch eine gewaltige Kluft, wie Sexualforscher betonen. Das ist auch der Grund, warum Frauen oft ihre eigenen Lust verkennen. In unserer Gesellschaft gilt eine Frau, die ihre Sexualpartner öfter wechselt, immer noch als "leicht zu haben" während Männer die "tollen Hengste" sind. Dabei bräuchten Frauen viel mehr Abwechslung. Denn während die männliche Lust in einer festen Partnerschaft meist fast unverändert hoch bleibt, sinkt sie bei Frauen nach einigen Jahren auf annähernd null herab. Ging man bisher davon aus, dass das weibliche Interesse an Sex sinkt, sobald der Mann sicher erobert ist, glaubt man nun, dass der Frau schlicht und einfach langweilig wird.

Zündfunke.

Narzissmus. Der Schlüssel zu mehr Lust in einer Langzeitbeziehung ist jedoch nicht mehr Zuwendung und Aufmerksamkeit. Zwar sind wir emotionale Wesen und wünschen uns Treue und Sicherheit. Doch genau die führen auf Dauer auch zur Flaute im Bett. Denn nach einer Weile bekommt die Frau den Eindruck, dass sich der Mann nicht mehr aus einem impulsiven Begehren heraus für sie entscheidet, sondern weil er keine andere Wahl hat. Begehrt zu werden ist aber einer der wichtigsten Aspekte der weiblichen Lust. Die Frau ist, was das betrifft, narzisstisch veranlagt und möchte immer wieder neu erobert werden, zitiert Bergner die Psychologin Marta Meana von der Universität Nevada. Nicht der Körper des Partners ist die Quelle ihrer Lust, sondern dessen Verlangen nach ihrem eigenen Körper und ihre Macht, dieses Verlangen anzufachen. Frauen wollen also ständig neu erobert werden, je stürmischer das passiert, desto besser.