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Diese steirischen Fußballerinnen hatten mehr Fans als die Herren

Anfangs belächelt, später bewundert: Die Eichberger Fußballerinnen schafften es in den 90er Jahren den Damen-Fußball in der Oststeiermark zu etablieren.

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Diese steirischen Fußballerinnen hatten mehr Fans als die Herren
© privat

Foto: Alfred Thurner – zweiter von links, Silke Knöbl – 1. Reihe, zweite von links

Wir schreiben das Jahr 1989. Im 1000-Einwohner Dorf Eichberg im Nordosten der Steiermark tut sich was. Eine Gruppe motivierter Damen tritt nach einem Herrenturnier im Ort an einen Schiedsrichter heran und fragt ihn, ob er sie trainieren möchte – sie wollen eine Damenmannschaft gründen. Der Mann war für seine Sportbegeisterung bekannt und natürlich – sofort dabei. Mit dem Satz: "Wenn wir das machen, dann ziehen wir das komplett durch und dann melden wir uns bei der Meisterschaft an!", entschließt sich Alfred Thurner, im Dorf auch gerne "Fredl" genannt, die Damen-Fußball-Mannschaft zu trainieren. Die Damen seien um einiges disziplinierter gewesen als so manche Herrenmannschaft. "Sie mussten sich durchsetzen und nahmen das Training deshalb sehr ernst", erinnert sich Alfred. Vier Jahre und einige schweißtreibende Trainingseinheiten später, gewannen die Fußball-Damen aus Eichberg schließlich die steirische Landesmeisterschaft. Die Urkunde hängt immer noch in der Heimkabine des USV Eichberg – als Vorbild und Motivation für die Herren versteht sich. 1999 passierte es wieder - zum zweiten Mal wurden die Damen steirische Landesmeisterinnen, aber auch bei anderen Spielen konnten sie viele Siege erringen. 2004 wurde der Verein aufgelöst. In 15 Jahren spielten über 100 Frauen für den DSV – Damensportverein Eichberg und teilten ihre Begeisterung für den Fußball.

Silke Knöbl (erste v.r.) mit ihren Teamkolleginnen

Silke Knöbl war lange Kapitänin der Mannschaft. Sie war (und ist) außerordentlich talentiert, meint Alfred: "Das war die Star-Stürmerin – ein Schuss wie ein Buah", meint er. Sie war Spielerin der ersten Stunde und 6 Jahre lang aktiv dabei. Vereinsmitglied war sie aber bis zum Schluss, den Silke spürte tiefe Verbundenheit zum Sport, den Vereinsmitgliedern und den Fans. "Der Damenfußball – insbesondere auf dem Land – steckte damals noch in den Anfängen", erinnert sie sich. " Wir haben jede Woche trainiert oder gespielt und jede Spielerin hat immer ihr Bestes gegeben." Und das Training war hart: Lauftraining im Ort, mit Medizinbällen durch den Eichberger Schlossgraben. Von den Spielerinnen wurde so einiges abverlangt. Der besondere Ehrgeiz der Frauen blieb auch Alfred stark in Erinnerung: "Die Damen gingen immer ans Limit und waren mit vollem Herzen dabei." Wenn sie dann doch einmal ein Spiel verloren haben, seien sie bitter enttäuscht gewesen, meint Alfred. "Nach so einem Match gabs auch manchmal Tränen. Aber was soll man machen – verlieren gehört nunmal dazu." Erst am nächsten Tag konnte das Spiel dann nüchtern analysiert werden – wie es halt so ist beim Sport.

Fans und Funktionäre

"Wir waren wie eine große Familie mit all den vielen Fans, Sponsoren, Gönnern und Funktionären, die sehr viel Zeit für uns aufgeopfert und uns ehrenamtlich unterstützt haben", schwärmt Silke. Die ganze Region schien den Frauenfußball voller Tatendrang zu fördern. "Es kamen mehr Zuschauer zu unseren Matches als bei einem Herren-Turnier", erinnert sich Alfred. Sogar der Pfarrer der Gemeinde zählte sich zu den Anhängern. Als die Fußballerinnen in seine Heimatgemeinde Koglhof fuhren, um dort ein Match zu bestreiten, begleitete er die Damen im Bus. Der Juwelier der Nachbargemeinde zählte sich zu den ersten Sponsoren und spendierte Trainingsanzüge für den Verein. "Wir sind mit dem Bus weiter gefahren als die Herren", meint Alfred. "Und mit unseren Matches in der Heimatgemeinde haben wir viele Zuschauer von auswärts hergeholt", fügt er hinzu.

Der Club trug wesentlich dazu bei, den Damenfußball in der Region zu etablieren. Auch Co-Trainer Franz Rudolf, der spätere Trainer Sepp Kainz, alle weiteren Trainer und insbesondere der Sektionsleiter Siefried Pieber engagierten sich sehr für den Verein. Zu den Hardcore-Fans zählte sich auch der ein oder andere Partner der Fußballerinnen, sowie Willi und Sepp Pausackl, die sich zum Fanclub zählten, der eigens gegründet wurde. Sogar der Arbeitgeber des Trainers zählte sich ebenfalls zu den ersten Sponsoren: Adam Fertighaus spendierte die Fußballtrikots, die auf dem Gruppenfoto zu sehen sind. Um die Kosten für die weiten Busfahrten zu finanzieren, wurden damals Aufkleber, sogenannte Förderungsplaketten, verkauft. Jeder und jede konnte sie mit einer freiwilligen Spende – ab 10 oder 20 Schilling – erwerben. Aber auch die Eintrittsgelder trugen etwas bei. Zudem wurde einmal im Jahr ein Fest mit Live-Musik des Damensportvereins veranstaltet – die größte Einnahmequelle des Vereins.

Anfangs belächelt, später bewundert

Obwohl die Fußballmannschaft zunächst aus Jux gegründet wurde, nahmen die Damen ihre Aufgabe in kurzer Zeit ernst. Alfred Thurner war von Anfang an überzeugt, dass es die Spielerinnen mit hartem Training und ihrem Ehrgeiz weit bringen werden. Trotzdem wurden die Damen anfangs belächelt. "Viele Zuschauer kamen wohl in erster Linie zu den Matches, weil sie neugierig waren und sich nicht so recht vorstellen konnten, dass Mädels Fußball spielen können", meint Silke. Mit der Zeit wurden die Fußballerinnen aber selbstbewusster. "Vor allem, nachdem wir Landessieger wurden, ging es mit dem Selbstbewusstsein hinauf", erzählt Alfred. Nachdem die Zuschauer feststellten, dass die Eichbergerinnen Talent haben, baute sich langsam eine Fangemeinde auf. "Die Fans waren nicht nur bei den Heimmatches, sondern auch bei den Auswärtsspielen dabei", erinnert sich Silke. Trotz der Popularität sei es manchmal schwer gewesen, Nachwuchs zu finden, so die Kapitänin. "Fußball ist kein Balletttanz. Manchmal gab's blaue Flecken oder Verletzungen. Damit muss man rechnen." Von 1989 bis 1993 hörte keiner der Spielerinnen, die damals im Alter zwischen 17 und 21 waren, auf.

Eva (rechts) spielte bei den Eichbergerinnen

Erinnerungswürdige Momente

Der schönste Moment? Für Silke Knöbl der Moment, in dem die Eichbergerinnen Landesmeisterinnen wurden. "Wir, die Mädels aus Eichberg. Das war schon eine kleine Sensation." Für Alfred Thurner ebenso ein erinnerungswürdiger Moment. "Aber auch das Match gegen die Damenmannschaft Kapellen an der Mürz hab ich noch in Erinnerung", schwärmt er. "Da lagen wir in der Halbzeit 2:0 hinten. Die Damen waren unglaublich traurig. Da hab ich ihnen klipp und klar gesagt: 'Mädels, jetzt sag ichs euch, jetzt spielen wir so gut wir können und geben vollgas'. Dann haben wir tatsächlich 5:2 gewonnen." Beide erinnern sich an eine tolle Zeit, in der zusammen gespielt, geweint und gefeiert wurde. Und auch wenn es die Mannschaft... äh Frauschaft nicht mehr gibt, eines ist sicher: Sie haben wesentlich zum Ansehen des Frauenfußballs beigetragen.

Thema: Fußball

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