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Digitale Falle: Expertin Anitra Eggler im Talk

Total vernetzt und ständig erreichbar: Internet-Expertin Anitra Eggler erklärt, wie Smartphones und Facebook unser Leben beeinflussen.


Digitale Falle: Expertin Anitra Eggler im Talk
© Roland Ferrigato

Täglich werden mehr Smartphones verkauft als Babys geboren. 4,8 Milliarden Menschen besitzen ein Handy, nur 4,2 eine Zahnbürste. 40 Prozent nehmen ihr Smartphone mit aufs Klo. 68 Prozent leiden unter eingebildetem Vibrationsalarm. Sie erleben dieses Phänomen einmal pro Woche. Es sind Zahlen, die belegen, wie abhängig wir mittlerweile von Handy, Internet und Co sind. Digital-Therapeutin Anitra Eggler hat darüber nun ein Buch veröffentlicht. In "Facebook macht blöd, blind und erfolglos" beschreibt sie, wie sich unser Online-Verhalten auf unser Miteinander auswirkt, und gibt Tipps, wie man die neuen Medien wieder sinnvoll und gewinnbringend nutzen kann. Wir trafen die Expertin zum Gespräch über Handys, die Freiheit bedeuten, Bußgeld fürs Simsen und darüber, warum einen "50 Shades of Grey" die Karriere kosten kann.

WOMAN: In Ihrem Buch schreiben Sie über "Sklaven Phonitis". Ist das die neue Volkskrankheit?

Eggler: Wir sind ständig online, rund um die Uhr verfügbar. Wir verschicken Nachrichten, wenn wir im Auto sitzen, und glotzen aufs Display, wenn wir den Zebrastreifen überqueren. In New York kostet Simsen auf der Straße 80 Dollar Strafe, weil es dadurch viel mehr Unfälle gibt.

WOMAN: Plädieren Sie dafür, dass unsere Handys auf dem Müll landen?

Eggler: Nein, Smartphones sind doch super! Aber nur, wenn wir sie so nutzen, dass wir durch sie Zeit sparen! Sie bedeuten Freiheit, doch kriechen auf Flughäfen Businessmänner auf der Suche nach einer Steckdose für die Handyladung am Boden herum. Viele schenken ihrem Handy mehr Aufmerksamkeit als ihren Mitmenschen.

WOMAN: Wie schafft man den Absprung von der Handy-Sklaverei?

Eggler: Einmal pro Woche einen Tag ohne Mobiltelefon einlegen und sich ehrlich fragen, was man verpasst. Bei Gesprächen mit Freunden oder in Meetings gilt: Handy ausschalten und einander wieder zuhören! Wir müssen von der Idee wegkommen, ständig erreichbar sein zu müssen!

WOMAN: Für viele gilt es allerdings als Karrieretugend, 24 Stunden am Tag verfügbar zu sein …

Eggler: Viele Konzerne wissen inzwischen, dass die ständige Erreichbarkeit die Leute auf Dauer ausbrennt. VW stellt daher nach Dienstschluss die E-Mail-Server ab, damit die Mitarbeiter wirklich abschalten können. Wer nonstop habt Acht steht, weil er ja gebraucht werden könnte, kann sich nie richtig auf etwas konzentrieren. Vergleichbar mit einem Marathonläufer, dem alle zwei Meter die Schnürsenkel aufgehen. Er kommt ins Ziel – nur mit welchem Ergebnis?

WOMAN: Besonders Facebook sorgt für Ablenkung! Laut Studien verbringt ein Durchschnitts-User im Monat mehr als sieben Stunden mit Posten & Liken. Wie erklären Sie sich den anhaltenden Hype?

Eggler: Die Menschen sind süchtig nach Likes. Viele "Gefällt mir"-Angaben stärken das Selbstwertgefühl. Genauso verbreitet ist die trügerische Idee: Je mehr Facebook-Freunde, umso beliebter ist man. Die Leute befreunden sich deshalb auch mit Kunden oder dem Chef. Dann vergessen sie wieder darauf und posten privates Zeug.

WOMAN: Da ist Ärger vorprogrammiert!

Eggler: Man muss sich überlegen, welche Konsequenzen gewisse Postings haben können, und sollte nichts veröffentlichen, was am nächsten Tag nicht auch in der Zeitung stehen darf. Sobald man ein Facebook-Profil hat, wird man zu einer Ich-Marke, die auch in Google auffindbar wird. Wenn Personaler oder Kunden peinliche Bussi-Fotos von mir mit meinem Partner finden, kann das meiner Reputation schaden. Ähnlich, wenn man zu "50 Shades of Grey" postet: "So ein geiler Scheiß! Ich wusste gar nicht, was sexuell alles möglich ist!" Das kann einen schließlich die Karriere kosten.

WOMAN: Wie gut vertragen sich Facebook und Job?

Eggler: Häufig fragen mich Firmen, ob sie Facebook verbieten sollen. Mein Tipp: Setzt die Mitarbeiter als Markenbotschafter fürs Unternehmen ein. Wenn ich meinem Team bewusst mache, welche Verantwortung und Wirkung es nach außen hat, muss ich mich als Chef nicht sorgen, dass sich meine Leute im Netz falsch präsentieren. Und natürlich muss jeder Selbstdisziplin und Eigenverantwortung an den Tag legen. Nur so kann man im Job durchstarten!

Katharina Domiter