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Shudu & Co: Der Aufmarsch digitaler Models

"For real?!" Unsere erste Reaktion zum Thema digitale Models. Ist das der Beginn einer neuen Ära der Digitalisierung? Alle Infos und Fakten im Überblick.

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Digitales Model
© iStock/Misha Beliy

Es tut sich etwas in der Welt der Models. Vor kurzem berichtete der ARD in seiner Sendung "ttt" über das Phänomen digitaler Models. Dabei handelt es sich um Kunstfiguren, die auf dem PC erschaffen und der Welt via Social Media präsentiert werden. Die hohen Entwicklungskosten eines solchen 3D-Models sollen durch große Kooperationen mit namhaften Marken gedeckt und darüber hinaus neue Superstars am Modehimmel erschaffen werden.

Der ehemalige Modefotograf Cameron-James Wilson hat das erste digitale Model erschaffen. Ihr Name ist Shudu. Laut ihm soll Shudu "wie eine Frau aus der Zeit der Supermodels wirken: mit Klasse und Eleganz, dabei aber gleichzeitig auch stark und weiblich aussehen ". Zum Vorbild nahm er sich eine Prinzessinnenbarbie aus Südafrika, aber auch Modelgrößen wie Naomi Campbell. Kein Wunder also, dass Letztere ein riesen Shudu-Fan ist. Bis jetzt: Denn es ist durchaus möglich, dass digitale Models den Supermodels ihren Rang ablaufen. Die Zeit wird's zeigen.

Für Wilson steht aber eines fest: In seiner kürzlich gegründeten Modelagentur "The Diigitals" wird er weitere Avatare erschaffen, um mit diesen die Modeindustrie zu revolutionieren. Zum jetzigen Zeitpunkt hat er sieben völlig unterschiedliche Kunstfiguren in seiner Kartei.
Demgegenüber äußert sich der Model-Booker Mirko Wachholz aus Hamburg skeptisch und gibt zu bedenken "dass die soziokulturelle Entwicklung bei uns inzwischen dahin geht, dass man mit dem Perfekten nicht mehr verkauft, sondern mit dem Nahbaren".

© GIPHY

Digitale Models: Die neuen Instagram-Stars

Shudu, Noonoouri und Lil Miquela : Das sind die neuen Stars der digitalen Model-Welt. Die technische Umsetzung ist oscarverdächtig - man muss schon genau hinsehen, um zu realisieren, dass man es hier mit digitalen Kunstwerken zu tun hat. Und natürlich, wie könnte es anders sein: Auch digitale Models haben ihr „eigenes“ Instagram-Profil. Eine Bühne, um sich der Welt zu präsentieren und Aufträge an Land zu ziehen. Ein Blick in die Kurzbeschreibung verspricht Skurrilität, denn dort steht unter anderem„19/LA/Robot“ . Bumm – ein Roboter als Instagram-Star mit satten 1,5 Millionen Abonnenten!

Ansonsten scheint alles wie bei anderen Influencerinnen auch zu sein: Selfies, Reisebilder, Fashion-Shootings und Schminksessions. Sogar die Story-Funktion wird fleißig genützt, um die Community in die eigene Welt mitzunehmen. Erst bei genauerer Betrachtung könnte man möööglicherweise erkennen, dass es hier nicht mit (r)echten Dingen zugeht.

Bekannte männliche Digitalmodels gibt es derzeit noch nicht. Allerdings hat sich Balenciaga bereits Ende letzten Jahres mit dem Digitalkünstler Yilmaz Sen zusammengetan, um die Frühjahr/Sommer 2019 Kollektion zu inszenieren: Im wahrsten Sinne des Wortes bewegte Bilder, in denen weibliche als auch männliche Models zu sehen sind.

Warum dieser Hype um 3D-Models?

Die großen Vorteile virtueller Models: Sie altern nicht, zicken nicht rum und können alles tragen. Sie können zu jeder beliebigen Zeit an jedem beliebigen Ort der Welt sein und mehrere Jobs gleichzeitig ausführen – ohne großen Aufwand. Sie sind vielseitig einsetzbar und in Zeiten der Digitalisierung unkompliziert im Handling, da aufwändige und zeitintensive Fittings auf dem Computer oder Tablett stattfinden können.

Das alles hört sich aber einfacher an, als es ist: Jörg Zuber, Erfinder von Noonoouri, erklärt im Standard, dass die technische Entwicklung seiner Kunstfigur mit einem enormen finanziellen Aufwand verbunden war. Zwischen 100.000 und 150.000 Euro habe ihn diese gekostet. Das künftige Supermodel musste zudem vorab komplett nachgebaut werden - anhand einer Zeichnung. Danach folgte die Animation, die ebenfalls mit einem hohen zeitlichen Aufwand verbunden war.

Um den zeitlichen und technischen Aufwand zu bewältigen, arbeitet Zuber heute mit einem sechsköpfigen Team zusammen. Denn für nur ein einziges Insta-Posting benötigt das Team bis zu drei Tage. Animationen können sogar bis zu sechs Wochen in Anspruch nehmen. Hier könnte man also den Vorteilen digitaler Models vor allem eines entgegensetzen: mangelnde Flexibilität. Denn wenn es darum geht, eine Botschaft möglichst rasch in die Welt hinauszutragen, so scheinen 3D-Models zum jetzigen Zeitpunkt (noch) nicht unbedingt die richtige Anlaufstelle zu sein, wodurch echte Models wie Winnie Harlow & Co wohl vorerst noch nicht um ihre Jobs bangen müssen.

Abbildung digitaler Kopf

What's next?

Noch ist der Informationsstand zum Thema digitale Models ein bisschen mau: Man weiß beispielsweise nicht, wie hoch ihre Gagen sind beziehungsweise jene der ErschafferInnen. Auch die Frage danach, wie viele solcher Agenturen es derzeit tatsächlich gibt, kann zum jetzigen Zeitpunkt nicht beantwortet werden. Internetrecherchen ergaben, bis auf die bereits erwähnte Agentur, keine weiteren Treffer.

Ganz allgemein betrachtet, gibt diese ganze Geschichte aber auch zu Denken: Genügt es nicht, dass wir ohnehin über soziale Medien von vermeintlich perfekten Leben nahezu erdrückt werden? Bilder und Videosequenzen, die uns in ein Gefühl der Unzufriedenheit katapultieren, weil man das Gefühl bekommt, im Leben einfach alles falsch gemacht zu haben, weil man eben auch dieses "perfekte" Leben der Insta-Stars möchte? Brauchen wir da auch noch künstlich erschaffene Models, die makellos und unsterblich erscheinen? Die künstliche Erschaffung reiner Perfektion als das Maß aller Dinge? Die Thematik bietet auf jeden Fall einiges an Diskussionspotenzial und es bleibt abzuwarten, was sich hier noch alles tun wird!