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Dieser Direktor spricht endlich Klartext!

Was geht ab in unseren Schulen? Ist "Fack ju Göhte"-Stimmung angesagt? Was ist mit Gewaltbereitschaft und Respekt, mit Lernerfolgen und hoffnungslosen Fällen? Michel Fleck ist ein etwas anderer Schuldirektor. Ein Gespräch über Integration, digitale Medien, Cybermobbing und LehrerInnen mit Entertainmentqualitäten.

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Dieser Direktor spricht endlich Klartext!
© ERNST KAINERSTORFER

Michel Fleck, 43, begrüßt uns in seiner Schule in der Anton-Krieger-Gasse im 23. Bezirk in Wien. Noch sind Ferien, aber der Direktor nimmt die Lieferung der neuen Couch-Garnitur entgegen: "Sie soll den Eingangsbereich wohnlicher machen." Cooler Typ, denken sich bestimmt viele seiner Schüler. Natürliche Autorität, denken wir uns. Seit vier Jahren leitet Fleck die AHS mit integrierter Mittelschule. 160 Lehrer unterrichten 1.100 Schüler in 48 Klassen. Der Ausländeranteil beträgt 25 Prozent: "Integration ist bei uns seit Jahrzehnten Tradition -nicht erst seit der Flüchtlingskrise 2015."

»Bei uns sitzt kein kluger Kopf fadisiert in der Klasse!«

WOMAN: Haben Sie das Rezept für die perfekte Integration gefunden?
Fleck: Zumindest funktioniert es bei uns. Es darf einfach keinen Überschuss an Jugendlichen in einzelnen Klassen mit derselben Muttersprache geben. Aber es geht nicht nur darum. Wir sortieren die Kinder nach Geschlecht, Muttersprache, Religion und Noten in den Volksschulen. Alles soll gleich gut verteilt sein.

Heuer kommen die neuen Deutschförderklassen. Auch bei Ihnen? Nein. Wir haben immer integrativ unterrichtet. Das werden wir auch weiter so halten. Wir machen die Erfahrung, dass ausländische Kinder mit heimischen Kindern gemeinsam viel schneller Deutsch lernen. Zum Glück kann das jeder Direktor entscheiden. Ich halte von dieser Isolierung nichts.

Bleiben heimische Schüler nicht auf der Strecke, wenn sie stets auf "Schwächere" Rücksicht nehmen müssen? Natürlich tun sich manche schwer. Aber dafür gibt es Förderunterricht und Sprachkurse. Bei uns sitzt kein kluger Kopf fadisiert in der Klasse. Und weniger Gescheite gibt es auch unter österreichischen Kindern.

Da sind wir bei der Kritik, dass immer mehr Schüler die Schulpflicht beenden, ohne die Grundfertigkeiten in Lesen, Schreiben und Rechnen zu beherrschen ... Da ist schon etwas dran. Es werden weniger Bücher gelesen. Die Kinder beherrschen heute andere Dinge. Viele meinen, soziale Kompetenzen sind durch die neuen Medien zurückgegangen. Das stimmt nicht. Die Schüler sprechen mehr miteinander, sie trauen sich mehr, sind kritischer als früher. Natürlich ist es harte Arbeit, Lesen und Rechnen auf ein gutes Niveau zu bringen. Es gibt Bildungsstandards, und die erfüllen wir. Und ganz ehrlich, diese Angst, die Schüler würden immer schlechter und dümmer, wird schon seit Aristoteles kommuniziert.

»"Ein Lehrer ist heutzutage in erster Linie Entertainer, Comedian, Ersatzpapa, -mama und Psychologe."«

Ist die neu eingeführte Bildungspflicht bis 18 Jahre statt der Schulpflicht ein Vorteil? Ja. Gerade bildungsferne Eltern sind so gefordert, ihre Kinder zumindest in eine Lehre zu schicken. Viele haben von zu Hause keine Unterstützung. Wir versuchen, dagegenzusteuern. Zum Beispiel, indem wir sie erst gar nicht auf Maturaniveau hintrimmen, sondern Berufsorientierung machen. In manchen Fällen klappt das. Wir haben ein 15-jähriges Mädchen aus einem ganz schlimmen Elternhaus. Sie ist unglaublich lernwillig, wir unterstützen und bestärken sie. Dann gibt es andere, da kann man fördern oder versuchen, zu motivieren, was man möchte, die haben keine Interessen, außer zu Hause Computer zu spielen. Wenn sie aus der Schule entlassen werden, haben die Eltern das Problem mit ihnen. Denn die meisten sind so desinteressiert, dass sie nicht einmal eine Lehrstelle finden

Also liegt die Ursache im Elternhaus? Ich würde sagen, unter anderem. Viele von ihnen sind schon mit den digitalen Medien groß geworden. Sie leben "Rund um die Uhr Computerspielen" vor. Aber es wäre zu billig, den Eltern allein die Schuld zu geben. Es ist auch die Gesellschaft. Wenn man als Lebensziel sieht, sich bestmöglich auf Instagram, Facebook und Co. zu präsentieren, wird das zum Problem ausarten.

Also haben die digitalen Medien vieles verschlechtert ... Sie haben sicher auch viel gebracht. Wir nutzen Handys, Tablets, Smartphones in der Schule sehr viel und fordern die Schüler auf, etwas nachzugoogeln oder kurze Dokus für den Unterricht zu drehen.

Stichwort bulimieartiges Lernen. Dabei lernen Kinder schnell, aber kontextfrei auswendig. In der Prüfung "kotzen" sie ihr Wissen aus und vergessen das Gelernte sofort wieder. Was sagen Sie dazu? Diese Art des Prüfens wurde jahrzehntelang praktiziert. Jetzt steuern wir mit anderen Methoden dagegen. Die Schüler müssen Dinge verstehen und nicht einfach reproduktiv wiedergeben. In meinem Physikunterricht planen die Kinder bei Tests eigene Experimente. Die merken sie sich meist ihr ganzes Leben lang. Oder Flächenmaß berechnen in Mathematik: Da lässt man dann in einem Projekt das Traumzimmer planen. Das gibt einen emotional positiven Zugang.

Gewalt an den Schulen ist ein riesiges Problem, hört man immer wieder. Ist in den letzten Jahren die Hemmschwelle tatsächlich gesunken? Insgesamt stimmt es vermutlich. In den alten Hauptschulen, in die jene gehen, die sonst nirgendwo genommen werden, gibt es leider ein massives Problem. Aber natürlich kommt es auch bei uns zu Streitereien. Wir arbeiten mit Peers. Das sind als Konfliktlöser ausgebildete Oberstufenschüler. Sie sprechen bei Problemen mit den Schülern der Unterstufe. Das kommt sehr gut an. Und wir haben Betreuungs-und Beratungslehrer. Was wir kaum unterbinden können, ist Cyber-Mobbing. Da hatten wir schon Polizeieinsätze. Aber was soll man machen, wenn sie nach der Schule im Park sitzen und sich gegenseitig Drohnachrichten schreiben?

»"Schüler sprechen mehr miteinander, sie trauen sich mehr und sind weitaus kritischer als früher."«

Künftig sollen Eltern bestraft werden können, wenn die Kinder keine Hausübungen bringen oder regelmäßig zu spät zum Unterricht kommen. Ist das der richtige Ansatz? Das bezweifle ich. Diese Probleme haben wir natürlich, aber eher mit den Kindern aus der Oberstufe. Deren Eltern sind machtlos. Väter und Mütter sagen:"Was soll ich machen? Ich wecke ihn in der Früh auf, dann muss ich in die Arbeit. Keine Ahnung, was der macht." Wir reden dann auch mit den Schülern. Viele kann man zurückholen, aber manche sind verloren. Sie melden sich schließlich irgendwann ab.

Es gibt aber auch genug Eltern, die sich intensiv für die Schullaufbahn ihrer Kinder interessieren, die auch das heimische Schulsystem kritisieren. Sie überlegen alternative Schulformen oder sogar Heimunterricht. Was halten Sie davon? Es ist ein bisschen naiv-romantisch. Wir übernehmen sehr viele Schüler aus alternativen Schulformen. Meist weil es an Angeboten wie Sprachen oder Sport fehlt. Viele Eltern glauben ja, ihre Kinder dadurch vor allem Bösen bewahren zu können. Aber wenn die erwachsen sind, finden sie sich in der Welt und im Berufsalltag nicht zurecht.

Ist der Lehrberuf heute noch ein Traumjob?
Ja, absolut! Aber er hat sich verändert. Wenn man mit der Einstellung "Ich geh in die Klasse, doziere irgend etwas, und dann geh ich wieder heim" unterrichtet, dann sollte man es lassen. Jetzt ist man mehr der Entertainer, Comedian, Ersatzpapa oder -mama, Psychologe. Wenn man das möchte, ist das großartig. Vieles begleitet einen auch nach Schulschluss. Das größte Erfolgserlebnis ist, wenn wir einen Schüler zum Abschluss gebracht haben, bei dem man lange Zeit dachte, er würde einmal in der Gosse landen.

Sie wirken extrem locker. Wird das nicht manchmal von den Schülern ausgenutzt? Ich arbeite daran, dass ich jeden der 1.100 Schüler mit seinem Namen anspreche. Wenn man den jungen Menschen Respekt gibt, kommt er zurück. Natürlich probieren manche aus, ob da etwas geht. Aber ich setz mich durch, keine Sorge!

Thema: Kinder

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