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"Schön, wenn wir uns nicht sehen!“

Der Österreicher Christoph Grissemann und der Deutsche Dirk Stermann mischen seit 20 Jahren gemeinsam die Medienlandschaft auf. Aber hätten sie es auch ohne einander soweit gebracht? Wer ist beliebter? Wir haben nachgefragt...

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Dirk Stermann und Christoph Grissemann

Christoph Grissemann & Dirk Stermann

© Ernst Kainerstorfer/WOMAN

Na, da staunen wir nicht schlecht, als wir die ORF-Comedians Christoph Grissemann, 47, und Dirk Stermann, 47, zum Interview in ihrer Garderobe im Wiener Stadtsaal treffen: Während der eine kurz vor dem Auftritt geknickt auf der Couch lümmelt, klammert sich der andere mit verzweifelter Miene an eine Zigarette und eine Flasche Bier. Grund für die Depri-Stimmung: das Champions League Finale, das die beiden ob ihrer Aufführung versäumen. "So eine Tournee wird über ein Jahr im Vorhinein geplant. Da weißt du ja noch nicht, dass du ein paar Monate später keinen Bock haben wirst aufzutreten.“

Für uns reißen sich die zwei Kabarettisten dann aber doch noch am Riemen: Der Glimmstängel wird ausgedämpft & die leere Bierflasche entsorgt. Bloß, die beiden würdigen einander kaum eines Blickes. Weil sie sich nach mehr als 20 Jahren im Doppelpack nun doch schon langsam auf den Keks gehen? Möchte man meinen, nachdem sich in ihrem aktuellen Programm "Stermann“ (19. bis 22. 6. im Stadtsaal ) auch alles darum dreht, dass eben Genannter auf seinen Kompagnon Grissemann vergessen hat …

».. 700 würden sich für Stermann entscheiden. 300 Verwirrte für mich.«

WOMAN: Wessen Abwesenheit würde dem Publikum tatsächlich weniger auffallen?
Stermann: Wenn man zu unserem Programm kommt und es ist nur einer da, würde das wahrscheinlich sogar der dümmste Zuschauer bemerken.
Grissmann: Beliebter bist aber du! Das wurde vom ORF abgetestet
Stermann: Das höre ich zum ersten Mal … Das glaube ich dir nicht!
Grissmann: Doch, ist so! Du siehst besser aus, hast die schönere, sonore Stimme ... Du hast alles was man braucht, um eine guter TV-Moderator zu sein. Diese Defizite muss ich wettmachen. Ich muss auffälliger, lauter, provokanter sein um das halbwegs auszugleichen. Es ist schwer ...

WOMAN: Deprimiert deswegen?
Grissemann: Klar! Für meine schlechten Voraussetzungen habe ich es dennoch weit gebracht. Aber würde man 1.000 Frauen fragen, wen sie lieber sehen, würden sich 700 für Stermann entscheiden und 300 Verwirrte für mich.

WOMAN: Ein anderes Thema: Fahren Sie eigentlich zusammen auf Urlaub?
Stermann: Nee! Wir sehen uns 160 Tage im Jahr, da wäre es kurios, wenn man auch noch die Freizeit miteinander verbringt. Jeder braucht Raum für sich. Wir arbeiten in der Auslage, das ist psychisch anspruchsvoll. Ständig gibt´s Quotengespräche, immer muss man was erfinden - da ist man angespannt.

WOMAN: Schon einmal während eines Auftritts gestritten?
Stermann: Einmal hat Grissemann nach fünf Minuten die Bühne verlassen, weil ich zu betrunken war. Ich hab´s anfangs gar nicht mitbekommen. Er hatte keine Lust, mit einem Betrunkenen aufzutreten. Christoph ist sehr streng, was Alkohol betrifft.

WOMAN: Schämen Sie sich manchmal füreinander?
Grissemann: Wir überwinden und verletzen doch ständig Schamgrenzen!
Stermann: Neulich habe ich Harald Glööckler parodiert und die Pailletten im Gesicht gingen nicht mehr ab. So saß ich dann auch in der U-Bahn und habe mir gedacht:, Jetzt bin ich fast 50, eigentlich will ich das nicht mehr!‘

WOMAN: Früher haben Sie in einem Hotelbett übernachtet. Heute auch noch?
Grissemann: Nein, mittlerweile können wir uns Einzelzimmer leisten. Trotzdem sind unsere Zimmer aber immer nebeneinander.
Stermann: Ich höre also immer, was Christoph im Fernsehen schaut. Zum Glück schnarchen wir beide nicht.

WOMAN: Träumen Sie dann voneinander?
Grissemann: Ich habe ausschließlich sexuelle Träume. Darin kommt Dirk nicht vor. Ich träume auch oft davon, dass ich am Flughafen mit Handschellen abgeführt werde. Dabei habe ich nie etwas Illegales getan, bin ein vernünftiges Mitglied der Gesellschaft.

WOMAN: Herr Stermann, haben Sie ähnliche Ängste?
Stermann: Ich träume immer davon, dass ich im Wald eine Hütte bauen muss, aber nicht weiß wie. Seit Jahren verfolgt mich das. Ich habe mir bereits von Architekten erklären lassen, wie das geht. Neben dem Bett habe ich außerdem ein Buch zum Thema liegen.

WOMAN: Hätten Sie es auch ohne einander so weit gebracht?
Grissemann: Ich ganz sicher nicht. Ich bin ein miserabler Solokünstler und würde das alles allein gar nicht ertragen. Allein vor 50 Leuten Witze machen - Scham, Scham, Scham und Ekel! Ich will vor dem Auftritt auch nicht allein in der Garderobe sitzen. Für mich geht das nur zu zweit. Da hat man zumindest irgendwie einen Ausweg aus der Einsamkeit.

Dirk Stermann und Christoph Grissemann
Grissemann: "Ich habe ausschließlich sexuelle Träume. Da kommt Dirk zum Glück nicht vor."

WOMAN: Was, wenn einer von Ihnen in Pension geht?
Stermann: Ich fände es gut, langsam weniger zu machen und dafür auch noch mit 80 ein paar Mal unterm Jahr aufzutreten. Dann wird man im Rollstuhl auf die Bühne gerollt, drei alte Frauen klatschen, schmeißen ihre Windeln zu uns rauf. Aber Christoph meint, dass er mit 50 aufhören will.
Grissemann: Ich hab da so eine Phantasie, dass ich in einem Haus am Meer lebe, Bücher lese, Filme anschaue …
Stermann: Wasser magst du doch gar nicht. Du willst ja nur wegen der Luft dorthin. Vor deinen Fenstern werden schwere Samtvorhänge sein damit du das Meer nicht siehst. Unser Ziel wäre, stets drei Monate Pause zu machen.

Grissemann: Im Sommer machen wir das schon. Wir haben dann nur Kontakt, wenn es zwingend notwendig ist. Keine Telefonate, keine Postkarte. Es ist schön, wenn wir uns nicht sehen.

WOMAN: Was können Sie aneinander gar nicht leiden?
Stermann: Ich bin inzwischen Nichtraucher und mag es nicht, wenn Christoph überall rauchen muss. Selbst in winzig kleinen, engen Räumen.
Grissemann: Mir fällt dazu nichts ein, ich mag alles an Stermann. Wirklich!

WOMAN: Ein schönes Schlusswort...
Grissemann: Schlusswort schon?

WOMAN: Okay, noch eine Frage: Was ist das Größte an Ihnen?
Stermann: Dass wir uns mit unseren begrenzten Mitteln trauen, Fernsehsendungen zu machen und auf der Bühne zu stehen.
Grissemann: Für den ORF reicht es gerade noch …