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Diskussion: "Brustkrebs kann jede treffen"

Brustkrebs: Drei Experten und eine Betroffene diskutieren über die Ursachen der Krankheit, Chancen der Früherkennung und was die Diagnose bei den Frauen auslöst.

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Diskussion: "Brustkrebs kann jede treffen"

Bewegungsmangel, Übergewicht und zu viel Alkohol sind Risikofaktoren.

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Keine Frau ist vor der Diagnose Brustkrebs geschützt. WOMAN hat mit Dr. Christian Singer, Leiter der Arbeitsgruppe Brustgesundheit am Allgemeinen Krankenhaus Wien, Renate Lichtenschopf, Klinische Psychologin in dieser Arbeitsgruppe, Dr. Alexandra Resch, Radiologin und Strahlentherapeutin am AKH, sowie der Betroffenen Margot Prinz über Chancen und Probleme der Krankheit diskutiert.

WOMAN: Bei den Frauen ohne familiäres Risiko ist es in den Industrieländern so. Ist ein familiäres Risiko im Spiel, liegt die Wahrscheinlichkeit bei 85 Prozent. Fünf Prozent aller Mammakarzinome gehen auf solche Fälle zurück.

Singer: Bei den Frauen ohne familiäres Risiko ist es in den Industrieländern so. Ist ein familiäres Risiko im Spiel, liegt die Wahrscheinlichkeit bei 85 Prozent. Fünf Prozent aller Mammakarzinome gehen auf solche Fälle zurück.

WOMAN: Warum ist die Zahl der Betroffenen so angestiegen?

Singer: Da kommen verschiedene Faktoren zusammen: Die Frauen werden immer älter, der Lebensstil hat sich geändert, man bekommt immer später und insgesamt weniger Kinder, es wird seltener gestillt ...

Resch: Und viele werden gar nicht schwanger. Grob vereinfacht gesagt, ist die weibliche Brust nicht dafür gemacht, dauernd einen Monatszyklus mitzuerleben. In der Steinzeit wurde entweder gestillt, oder die Frauen waren schwanger. Hinzu kommt, dass in den westlichen Ländern die Regel immer früher beginnt, mittlerweile schon ab 11 oder 12 Jahren; früher war das mit 15 oder 16, und der Wechsel kommt später. All das erhöht das Risiko.

WOMAN: Was kann man dagegen tun?

Singer: Es gibt drei Lifestylefaktoren, die Einfluss auf das Brustkrebsrisiko haben: Man sollte Übergewicht und starke Gewichtsschwankungen vermeiden. Bewegung ist wichtig: mindestens dreimal in der Woche 30 Minuten Sport. Und Alkohol vermeiden. Ein Glas Wein pro Tag ist okay, wenn es immer um eines mehr ist, erhöht sich das Risiko um sieben Prozent. Diese und die von Frau Dr. Resch genannten Faktoren spielen eine große Rolle. Je mehr Zyklen eine Frau hat, desto höher das Risiko.

WOMAN: Es gibt aber auch Frauen, die leben gesund, haben mehrere Kinder und bekommen trotzdem Brustkrebs.

Singer: Ja, natürlich wissen wir auch von solchen Fällen.

WOMAN: Woran liegt das? An der Einstellung?

Lichtenschopf: Brustkrebs ist eine organische Krankheit und nicht psychosomatisch. Es gibt eine Studie aus den USA, in der man 10.000 Patientinnen mit 10.000 Frauen ohne Brustkrebs verglichen hat und keinen Unterschied entdeckt hat. Unterm Strich: Die Kindheitserinnerungen, die gemachten Erfahrungen waren dieselben.

Resch: Die Betroffenen suchen gerne nach Ursachen und denken, sie wären selbst schuld.

Lichtenschopf: Das ist normal und verständlich, aber es gibt keinen psychischen Grund.

WOMAN: Wie war das bei Ihnen, Frau Prinz?

Prinz: Ich habe, als bei mir 2007 ein Knoten gefunden wurde, ebenfalls nach einem Grund gesucht und den auch entdeckt. Ich hatte eine neue Ausbildung gemacht, hatte einen neuen Job. Kurz: Es waren anstrengende Jahre, die der Diagnose vorausgegangen sind. Wenn ich aber jetzt höre, dass das nichts mit dem Brustkrebs zu tun haben soll, dann akzeptiere ich das auch. Eine von acht bekommt Brustkrebs, also warum nicht auch ich.

Resch: Es ist eine häufige Erkrankung. Ich höre oft von Patienten, das kann nicht sein, in meiner Familie gibt es das nicht. Aber es sind nun einmal 4.500 Fälle pro Jahr in Österreich. Die Wahrscheinlichkeit, in jungen Jahren zu erkranken, ist gering, hauptsächlich betrifft es Ältere. Ab 50 steigt die Zahl massiv an, und mit 70 ist sie noch viel höher.

WOMAN: Wie hoch ist das Risiko mit 30 und wie hoch mit 80?

Resch: Mit 30 Jahren ist es etwa 1:65.000, mit achtzig 1:50. Sie können sich vorstellen, wie viele Fälle es unentdeckt im Altersheim gibt.

Prinz: 1:50 ist aber immer noch nicht eine von acht.

Resch: Das ist das Risiko pro Jahr, und das addiert sich. Bei einer durchschnittlichen Lebenserwartung von 83 ist es dann eine von acht, die im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs erkrankt.

WOMAN: Wie gut ist die Früherkennung in Österreich?

Resch: Wir haben mehrere Methoden zur Wahl: die Mammografie, den Ultraschall und die Magnetresonanz. Mammografie ist die häufigste Untersuchung, weil sie flächendeckend verfügbar und relativ billig ist. Außerdem ist sie die einzige Methode, die nachweislich die Sterblichkeit in der Population um 30 Prozent senkt, wenn man regelmäßig zum Screening geht. Noch ein Vorteil der Mammografie: Der Befund ist reproduzierbar. Auch ein zweiter Arzt kann sich ein Bild davon machen. Der Nachteil ist, dass man bei dichtem Brustgewebe wenig sieht. Das ist vor allem bei jüngeren Frauen der Fall, weil sie hormonell noch sehr aktiv sind.

WOMAN: Was tut man dann?

Resch: Dann kommt der Ultraschall ins Spiel. Ultraschall ist gut bei Drüsen- und schlecht bei Fettgewebe. Und dann gibt es noch Fälle, in denen beide Methoden unklare Befunde ergeben. Und dann wird eine Magnetresonanz gemacht.

WOMAN: Was passiert da?

Resch: Es wird ein Kontrastmittel gespritzt, mit dessen Hilfe man viel über das Verhalten der Brust erfährt – einfach indem man schaut, wie es sich verteilt. Ein Tumor ist stark durchblutet, das Mittel lagert sich stärker ab. Bei der MR findet man allerdings auch sehr viel, das sich nach einer Biopsie als ungefährlich herausstellt. Deswegen setzt man das nicht als Erstmethode ein. Neu ist die Tomosynthese, eine Art der Mammografie, welche die Brust in Schichten darstellt.

Prinz: Meinen Knoten hat man mit einer MR entdeckt.

WOMAN: Wie war das?

Prinz: Ich wurde in ein sehr schön hergerichtetes Hinterzimmer gebeten. Da habe ich mir schon gedacht zum Gratulieren wird das nicht sein. Ich habe den Arzt nach der Diagnose gefragt, wo er seine Frau an meiner Stelle hinschicken würde. Diesen Rat habe ich auch befolgt. Danach habe ich mir beim Würstelstand etwas zu essen geholt und habe nachgedacht. Und dann habe ich festgestellt, so kann sich Sterben nicht anfühlen, und habe mir Strategien überlegt.

Singer: Brustkrebs ist schon lange kein Todesurteil mehr. Wenn man ihn früh genug findet, ist die Chance sehr groß, dass man gesund aus der Situation herauskommt. Das sind etwa 80 Prozent der Fälle. Brustkrebs kann jede treffen.

Prinz: Sogar mitten im Leben. Ich bin aber auch im Leben geblieben. Ich habe weiterhin gearbeitet und die Chemos immer auf Freitag gelegt.

Resch: Ich kenne eine Reihe von Frauen, die Brustkrebs genutzt haben, um ihrem Leben eine andere Richtung zu geben. Aber das muss auch nicht sein, man kann auch weiterleben wie bisher.

Prinz: So gesehen ist die Erkrankung auch eine Chance. Ich z. B. war früher Marathonläuferin und Fallschirmspringerin. Heute gehe ich zum Yoga und Segeln, entschleunige ein bisschen. Außerdem fahre ich viel mit dem Rad. Ich habe mir in dieser schwierigen Zeit auch viel Hilfe geholt.

WOMAN: Haben Sie es auch Ihren Kindern gesagt?

Prinz: Ich habe gesagt, ich bin krank, es geht mir momentan nicht so gut, aber sie müssen sich keine Sorgen machen.

Lichtenschopf: Das ist auch ganz wichtig. Wenn man nichts sagt, malen sich die Kinder Situationen aus, die noch viel bedrohlicher sind als die Realität. Wir am AKH haben ein Projekt, wo wir den Kindern erklären, was Brustkrebs ist, und wo am Ende einem Stofflöwen eine Infusion gesetzt wird, damit die Kinder sehen, was passiert.

Singer: Das kommt sehr gut an. Wir hatten auch schon Eltern, die danach gemeint haben, jetzt, wo sie es in so einfachen Worten gehört haben, ist ihnen endlich auch alles klar.

Lichtenschopf: Betrofffene bekommen im Moment der Diagnose nur fünf Prozent von dem mit, was sie gesagt bekommen. Das muss man sehr vorsichtig erklären und die wichtigsten Dinge immer wieder wiederholen.

WOMAN: Was ist das Schlimmste für Betroffene?

Singer: Die Angst davor, die Brust zu verlieren, ist groß, dabei kann man heute in 85 Prozent der Fälle brusterhaltend operieren. Und wenn eine Chemo gemacht wird, das sieht man halt auch.

Prinz: Der Verlust der Haare ist wie eine Kastration. Ich musste zum Elternsprechtag mit Tuch. Die Leute wissen auch nicht, wie sie auf einen zugehen sollen. Da muss man dann sehr offen sprechen, was man gerade braucht – zumindest mit jenen, die mit einem leben.

Lichtenschopf: Es gilt, Angehörige ins Boot zu holen und so viel Unterstützung wie möglich in Anspruch zu nehmen.

Prinz: Man braucht viel Verständnis. Ich z. B. habe während der Chemo beim Kochen alles versalzen, weil ich nichts geschmeckt habe. Die Kinder haben das wortlos gegessen.

WOMAN: Wo bekommt man Unterstützung?

Lichtenschopf: Nach Abschluss der Behandlung gibt z. B. die Krebshilfe Infos über Rechtliches, Pflegeurlaub sowie finanzielle Unterstützung.

Thema: Brustkrebs