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Eine Drag Queen führt durchs Kunsthistorische Museum: Interview mit Die Tiefe Kümmernis

Museumsführungen sind nicht gerade die schillerndsten Freizeitvergnügungen. Doch wenn man von einer glamourösen Drag Queen angeleitet wird, dann ist das etwas ganz anderes.

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Eine Drag Queen führt durchs Kunsthistorische Museum: Interview mit Die Tiefe Kümmernis

Die Tiefe Kümmernis in Action: Manchmal passt sie ihre Outfits den Führungen an.

© KHM Tourismusverband

Rund um die große Regenbogenparade am 15. Juni finden in Wien allerhand feine Veranstaltungen im Rahmen der Euro Pride 2019 statt. Auch das Kunsthistorische und weitere Museen bieten bis zum 15. themenspezifische Workshops, Partys und Führungen an. Eins der absoluten Highlights sind die Führungen mit Die Tiefe Kümmernis. Die Drag Queen, die im wahren Leben Benjamin heißt und als Kulturvermittler arbeitet, führt schon seit Jahren immer wieder in voller Drag-Montur durch Wiener Museen. Wir haben mit Benjamin gesprochen und ihn zu Mode, Selfie-Wahn und der queeren Szene in Österreich befragt

Du bist Kunsthistoriker - wie kamst du in dem eher nicht für Progressivität bekannten Studium auf die Idee, als Drag Queen zu performen? Und seit wann machst du das schon?
Die Tiefe Kümmernis: Die Kunstgeschichte ist mein akademisches und professionelles Interesse. Meine Begeisterung für Drag entstand total unabhängig davon. Nachdem ich anfangs nur Fan von berühmten Drag Queens war, hab ich vor zirka fünf Jahren meine ersten Schritte als Drag Queen gewagt - zunächst auf Parties und bei kleinen queeren Shows. Die Idee, als Drag Queen thematische Museumsführungen zu machen, kam mir vor drei Jahren.

Erlaubt dir deine Drag-Persona einen anderen Zugang zur Kunst?
Die Tiefe Kümmernis: Nein, mein Zugang zur Kunst ist derselbe - egal wie ich angezogen bin. Ich lege immer Wert auf historische Korrektheit, und ich setze immer wieder Wortwitz und Humor bei meinen Führungen ein. Jedoch hoffe ich, dass Die Tiefe Kümmernis in den altmeisterlichen Galerien als Kontrastbild funktioniert und eine positive Irritation bei den Gästen erzeugt.

Passt du dich mit deinen Outfits auch mal an das Thema der Führung an?
Die Tiefe Kümmernis: Ja, das kommt vor. Neulich habe ich Führungen zum Thema Mode in Renaissance und Barock gemacht. Es ging dabei auch um Geschlechter- sowie Klassenunterschiede, deswegen wollte ich einen modernen, androgynen, proletarischen Look. Meine Wahl fiel auf Punk.

»Der übersteigerte Konsumzwang ist etwas, das ich an Drag verabscheue.«

Du hast in einem Interview gesagt, dass "Drag deine Waffe" ist. Gegen wen oder für wen setzt du sie ein?
Die Tiefe Kümmernis: Drag ist meine Waffe gegen Engstirnigkeit, insbesondere gegen das Vorurteil, dass man alle Menschen feinsäuberlich in zwei Geschlechter trennen kann und nur heterosexuelle Beziehungen normal und wertvoll sind. Drag zeigt, dass Geschlechtsidentitäten Konstruktionen sind und dass der spielerische Umgang mit ihnen Spaß macht. Es geht mir in Verlängerung dessen auch um Sichtbarkeit und Akzeptanz von lesbischen, schwulen, bisexuellen, trans*, intergeschlechtlichen und queeren Menschen.

Wie reagieren die BesucherInnen auf deine Führungen?
Die Tiefe Kümmernis: Die Gäste, die gezielt zu meiner Führung kommen, sind meist hellauf begeistert. Die unbedarften MuseumsbesucherInnen, die mich zufällig in Drag sehen, wollen entweder sofort ein Foto machen oder starren überrascht bis fassungslos. Beide Reaktionen finde ich super.

Im Louvre kann man sich mittlerweile die Mona Lisa nicht mehr in Ruhe ansehen, weil so viele Menschen Selfies mit dem Gemälde machen wollen. Was sagst du zu dieser Entwicklung?
Die Tiefe Kümmernis: Ikonische Kunstwerke sind für die aufbewahrenden Museen gleichzeitig Fluch und Segen. Ich finde, dass Museen ihre Angebote und Werbemaßnahmen eher diversifizieren, als engführen sollten, um möglichst unterschiedliche Menschen zu begeistern. Leider sind hohe BesucherInnenzahlen und Einnahmen heute das einzige was zählt. In Wahrheit sind jedoch die Qualität des Besuchs, sowie die Intensität der Auseinandersetzung, viel wichtiger. Diese Kriterien kann man jedoch nicht leicht messen, deswegen spielen sie tragischerweise in unserer ökonomisierten Gegenwart keine Rolle.

"RuPaul's Drag Race" ist durch den Netflix-Release nun auch bei uns einer breiten Masse zugänglich. Man spricht ja davon, dass die Repräsentation in den Medien die Wirklichkeit formen kann. Formen die Streaming-Drag Queens die Wahrnehmung der Menschen?
Die Tiefe Kümmernis: RuPaul’s Drag Race war mein Eintrittsticket für die Drag-Welt, weil man im Format der Reality-Show nicht nur die Kunstform, sondern auch die Menschen dahinter kennen und lieben lernt. Seitdem es die Show gibt, ist der Beliebtheitsgrad von Drag unglaublich angestiegen. Leider geht es bei Drag Race inzwischen oft darum, wer die aufwendigsten, teuersten Outfits hat. Der übersteigerte Konsumzwang ist etwas, das ich an Drag verabscheue. Außerdem haben unkonventionelle und herausfordernde Arten von Drag in der Serie keinen Platz, da die Vergleichbarkeit fehlt, wenn sich die Queens zu sehr unterscheiden. Aber gerade die Avantgarde- und Randbereiche von Drag sind besonders spannend und bereichernd.

Was sagst du dazu, dass heuer der letzte Life Ball stattfinden wird? Wird dadurch ein unflickbares Loch in die LGBTIQ-Szene in Wien gerissen oder gibt es Events, die den Life Ball (zumindest ansatzweise) ersetzen können?
Die Tiefe Kümmernis: Wenn heuer wirklich der letzte Life Ball stattfindet, dann ist das ein Verlust für HIV/AIDS-Forschung, da die Spendenakquisition das Hauptziel des Balls war. Außerdem verliert die Stadt Wien ein Aushängeschild, das betrifft also die Bereiche Stadtimage und Tourismus. Die Wiener LGBTIQ-Szene(n) sind jedoch nicht allzu stark in den Ball eingebunden. Wir leben von dem breitgefächerten und niedrigschwelligen Angebot an Veranstaltungen, das wir selbst über das ganze Jahr gestalten, nicht von einem Großevent, das einmal im Jahr stattfindet.

Was sind deine Highlights während der Euro Pride in Wien? Events, Führungen anderer, Talks, Partys…?
Die Tiefe Kümmernis: Meine absolute Empfehlung: Das Euro Pride-Programm im Kunsthistorischen Museum. Ich habe es mit meinen Kolleginnen und Kollegen geschafft, dass wir von 1.6. bis 16.6. jeden Tag mindestens ein Angebot in petto haben.

Weitere Tipps:

  • 7. Juni: Queerfeministisches Konzert im Weltmuseum & Ausstellung Queer Art Space Vienna im WUK
  • 6.6., 13.6. und 14.6.: Führungen mit Die Tiefe Kümmernis
Thema: Feminismus