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Drehbuchautor und Regisseur Karl
Markovics im großen WOMAN-Interview

In seinem Debütfilm hinter der Kamera ist Karl Markovics Drehbuchautor und Regisseur. Und das mit Riesenerfolg: „Atmen“ wurde in Cannes gezeigt, wird mit Preisen überhäuft, auf unzähligen Festivals gezeigt und ist der österreichische Beitrag im Rennen um den Auslandsoscar. „Atmen“ (ab 30. 9.), ein bildgewaltiger, metaphernreicher Film, erzählt von einem 18-Jährigen, der erst am Anfang seines sozialen Lebens steht. Von der Mutter als Baby in ein Heim abgeschoben, verbüßt er nun eine Haftstrafe. Als Freigänger arbeitet der junge Mann in einer Bestattungsfirma.


Drehbuchautor und Regisseur Karl
Markovics im großen WOMAN-Interview
© Lukas Beck

WOMAN: Sie sind wahrscheinlich einer der letzten europäischen Schauspieler ohne Management oder Handy?

Markovics: Ich habe auch keine Putzfrau, auch wenn das ein schlechter Vergleich ist. Denn ich käme mir blöd vor, wenn mir jemand die Fenster putzt. Obwohl das nicht blöd ist, man zahlt ja. Aber bevor ich das jemanden erkläre, wie ich das will, mache ich es lieber selber. Nichts gegen Putzfrauen oder Leute, die sie beschäftigen. Und über das Internet bin ich gut erreichbar.

WOMAN: Wie kam die Idee ein Drehbuch zu schreiben?

Markovics: Ich habe immer schon Geschichten geschrieben und es war sicher, dass ich einmal eigene Geschichten erzählen werde. Irgendwann hat es sich gefestigt, dass das eher Drehbücher werden als Theaterstücke. Es war in erster Linie eine Mutfrage die erste Geschichte aus der Hand zu geben. Bis jetzt hat nur meine Frau meine Geschichten gelesen. Stephanie hat immer schon gesagt, schreib eine Geschichte fertig, bleib dran.

WOMAN: Wie ist das wenn man Schauspieler ist, dem am Set alles serviert wird und plötzlich macht man einen Film mit allem, was dazugehört. Alle Details, die einem unter die Nase gehalten werden, vom Casting angefangen und bis zum Schnitt? Traut man sich das zu?

Markovics: Diese vielen Entscheidungen treffen, das wollte ich im Grunde schon immer. Denn das ist mir als Schauspieler abgegangen. Ich habe am Serapionstheater (heute Odeon) angefangen, dort haben wir Schauspieler vom Kostüm über die Szenen gemeinsam alles erfunden. Und als ich später ans „normale“ Theater kam, war es fast ein Schock, ich bin nur dafür da, den Text, den ein anderer geschrieben hat, mit Kollegen von mir geben. Alles andere machen die Anderen. Es gibt einen Regisseur, Kostümbildner, Ausstatter, Beleuchter, Inspizienten, Souffleur, ich mache für mein Gefühl fast nichts. Diese umfassende Arbeit habe ich mir durch das Filmen wieder geholt. Das ist natürlich eine Manie. Dass man nicht nur einen Teil der Welt wiedergibt, sondern eine Welt erfindet, wenn man eine Geschichte erzählt.

WOMAN: Aber viele Menschen wollen Regie führen, weil sie eben die Schauspieler und den Stab dirigieren wollen. Strahlen Sie Autorität aus?

Markovics: Bei mir ging es nie vordergründig um das Regie führen, es ist Teil der gesamten Arbeit, vom Schreiben bis zur Realisierung. Ich hätte mir nicht vorstellen können, irgendeine Geschichte zu verfilmen, nicht einmal eine Romanvorlage und schon gar nicht das Drehbuch eines anderen Autors. Autorität schöpft sich aus einer Sicherheit dem anderen vermitteln zu können, ich weiß was ich will. Dass ich ein klares Bild habe und dass ich alle wissen lasse, die Besten geholt zu haben.

WOMAN: Ihr Hauptdarsteller ist ein Laie, wie war das Casting?

Markovics: Ich wollte jemanden, der Null Erfahrung als Schauspieler hatte und 18 Jahre alt ist. Thomas Schubert geht noch in die Schule, wir haben in Gratiszeitungen geworben, Flyers an Schulen verteilt. Ich könnte heute diese Rolle mit ihm nicht mehr drehen, er ist mir schon zu professionell. Als er in Sarajewo den Darstellerpreis bekommen hat, dachte ich mir, es ist sich gerade noch ausgegangen.

WOMAN: Wie geht mit jemanden um, der keine Ahnung vom Schauspiel hat?

Markovics: Mein Glück war: Ich war genau so. Mich hat keine Schauspielschule genommen und so habe ich am Serapionstheater begonnen. Aber ich wusste, dass es meine Welt ist. Der Umgang mit ihm war so wie mit den anderen Schauspielern. Das Drehbuch hat klar und reduziert ausgedrückt, wie es sein sollte. Man kann Glück zu einem kleinen Stück planen, mit welchen Leuten man sich umgibt. Eine gute Atmosphäre überträgt sich, das Gefühl ist da, es geht nicht um das Übliche, sondern sehr konkret um alles.

WOMAN: Haben Sie Drehbuchkurse besucht?

Markovics: Nein, aber ich habe mit Drehbuchschreiben sehr beschäftigt. Aus meiner Erlebniserfahrung und mit Erfahrung aus der Bildenden Kunst, wie stellt man eine Geschichte als Standbild dar.

WOMAN: Geht es in dem Film um Schuld und Sühne?

Markovics: Auch, aber es geht – wie in allem meinen Geschichten und in den meisten überhaupt, egal ob Film oder Gedicht – um Erlösung. Wie wir Erlösung suchen, worin wir Erlösung finden, ob das in der Arbeit ist, im Glauben, in der Liebe, in der Sexualität, in der Sucht, in der Verzweiflung oder in Suche nach Wahrhaftigkeit. Bei jedem scheint der Knoten woanders zu liegen, in der Kindheit, in einer Tat, in einem Versäumnis.

WOMAN: Sie haben, wie jeder weiß, zwei Kinder adoptiert haben. Hat Sie beim Schreiben auch eine suche nach dem Ursprung interessiert?

Markovics: Natürlich ist das ein wichtiger Punkt. Allerdings hatte ich auch Bedenken, wie das meine Kinder aufnehmen. Aber im Grunde ist es nicht notwendig, diese Geschichte so konkret zu sehen, denn da ist etwas Tiefes, Ursprüngliches, das mit mir selbst zu tun hat.

WOMAN: Inwiefern?

Markovics: Der Zustand, in einem gewissen Alter, in sich selbst gefangen zu sein und keinen Weg zu sehen wie man in die Welt hinaus kommt, kann ich sehr gut nachvollziehen.

WOMAN: Der Film ist auf 50 Festivals zu sehen, wird man wegen des Wiener Lokalkolorits den Film in Deutschland synchronisieren?

Markovics: Auf keinen Fall, vielleicht wird es dann und wann Untertitel geben. Der Film ist ja auch nicht besonders Dialog lastig.

WOMAN: Die Reaktionen sind euphorisch, ganz ehrlich rechnet man vorher damit?

Markovics: Man wünscht es sich. Ich würde mit falschen Karten spielen, wenn ich nicht zugebe, ich hätte mir für „Atmen“ gewünscht, dass er nach Cannes kommt. Es ist kein leicht verdaulicher Film. Und ich habe es mir bei der Arbeit nie leicht gemacht. Ich hatte immer das Gefühl, das, was schnell da ist, nicht falsch ist, aber noch lange nicht das Richtige.

WOMAN: Waren Sie oft verzweifelt beim Schreiben?

Markovics: Ich hatte das Gefühl dass die Bildhaftigkeit enervierend wirken könnte. Angst hatte ich vor der Macht der Bilder, und wie ich sie beherrsche. Dass die Bilder eine Eigendynamik bekommen, die überflutend ist und der Geschichte einfach schaden.

WOMAN: Gibt es jemals ein Verziehen, wenn eine Mutter ihr Kind weggegeben hat?

Markovics: Ich denke schon, Erlösung funktioniert nur, wenn man sich loslöst und verzeiht. Wenn man sagt, schreckliche Dinge sind passiert, aber ich lebe noch, ich bin noch da. Der Mensch hat die Gabe, verzeihen zu können.

WOMAN: Aber das können so viele?

Markovics: Nein, das stimmt, aber man schöpft unendliche Kraft, wenn man mit dem abschließt, was mir mein Peiniger angetan hat. Rache und Hass nimmt man mit ins Grab, aber Verzeihen schließt etwas ab. Das ist ein Geschenk an sich selbst.

MEHR zu Karl Markovics finden Sie in WOMAN 19/2011!

Interview: Andrea Braunsteiner