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"Das Leben meines Vaters gegen ein Eheversprechen"

Die ehemalige Frau eines IS-Kämpfers erzählt von ihrem Leben als Gefangene und Sklavin in einem berührenden Bericht von CNN-Korrespondentin Arwa Darmon. Sie traf eine Syrerin, die einen IS-Kämpfer heiraten musste, um ihren Vater aus der Terrorgruppe zu befreien.

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Aus den Fängen des IS
© CNN International/ Arwa Damon

Immer wieder erschüttern uns Meldungen rund um den IS (Islamischer Staat) beziehungsweise ISIS (Islamischer Staat im Irak und in (Groß-)Syrien). Vor allem die erniedrigende Behandlung von Frauen durch die dschihadistisch-salafistische Terrororganisation, die nach militärischer Eroberung eines Gebiets im Irak und in Syrien ein Kalifat, also einen grenzüberschreitenden, islamischen Gottesstaat, ausgerufen hat, ist für uns hier in der westlichen Welt kaum vorstellbar. Folgendes Video jedoch gibt uns einen kleinen, bewegenden Einblick:

„Jedes kleine Mädchen träumt von dem einen weißen Kleid, von seiner Hochzeitsnacht”, sagt Hanan. Ihre Stimme beginnt zu zittern. „Mir blieb dieser Traum verwehrt.”

Hanan ist nicht der wirkliche Name der Frau. Obwohl sie nun in der Türkei ist – nicht in ihrem Herkunftsland Syrien – ist die 26-Jährige immer noch so verängstigt und traumatisiert, dass sie das Haus ihrer Verwandten nicht einmal verlassen hat, seitdem sie vor drei Wochen dort angekommen ist.

Hanan erzählt, dass sie dazu gezwungen wurde, einen IS-Kämpfer zu heiraten – im Tausch gegen die Freiheit ihres Vaters. Als IS-Milizen ihre Heimatstadt im Osten von Syrien einnahmen, so Hanan, nahmen sie sofort alle gefangen, die möglicherweise gegen sie hätten kämpfen können. Ihr Bruder war schon bei vorherigen Kämpfen ums Leben gekommen. Ihr Vater hatte die AK-47 seines Sohnes aufgehoben, um ihm zu gedenken.

„Als der IS einfiel, verriet ihnen jemand, dass mein Vater eine Waffe hatte, also haben sie ihn eingesperrt“, berichtet Hanan. „Wir hatten niemanden. Nur ich, meine beiden Schwestern und meine Mutter waren noch übrig.“

Ihr Vater wurde von der Scharia-Polizei des IS eingesperrt. Deren Schergen patrouillieren gnadenlos die Straßen, verteilen Strafen und nehmen Personen fest, die sie beschuldigen, ihre Interpretation islamischer Gesetze gebrochen zu haben. Sie stellten Hanan vor die Wahl: Sie sollte den Chef der Scharia-Polizei heiraten, ansonsten würde sie ihren Vater nie wieder sehen.

»„Das Leben meines Vaters gegen ein Eheversprechen an ihn. Wir haben niemanden außer meinem Vater; ich musste akzeptieren.“«

Das Pseudonym des IS-Kämpfers war Abu Mohammed al-Iraqi. Hanan kennt nicht einmal seinen wahren Namen. Sie erzählt von ihrer ersten gemeinsamen Nacht, in der – wie sie sagt – al Iraqi sich ihr aufzwang. Anfangs versuchte sie, sich zu wehren, dann ergab sie sich ihrem Schicksal.

„Es waren keine Emotionen im Spiel. Ich fühlte nicht, dass er irgendwelche Emotionen gehabt hätte. Ich hatte das Gefühl, dass er sich einfach nur nehmen wollte, was ihm zustand, als ob er das müsse.“

Al-Iraqi hatte den Auftrag, die Scharia zu hüten, die unter anderem das Rauchen verbietet. Dennoch, so berichtet Hanan, bewahrte er einen Stapel Zigaretten in seinem Haus auf. Manchmal verschwand er für Tage, während sie zu Hause eingesperrt war. Ein Monat nach ihrer Hochzeit wurde al-Iraqi getötet und Hanan wurde zurück nach Hause geschickt, zu ihren Eltern.

„Ich fühlte mich wie ein Kind, das in die Arme seiner Mutter zurückkehrt. Aber irgendetwas in mir war verloren gegangen, etwas, das ich nicht zurückbekommen kann. Meine Mutter weinte nur noch. Dasselbe gilt für meinen Vater. Weil ich mich für ihn geopfert habe.“

Aber Hanan war keineswegs sicher. Die Scharia-Polizei wollte, dass sie einen anderen Kämpfer heiratete. Also flohen Hanans Eltern in ein Gebiet, das vom syrischen Regime kontrolliert wird, und schafften es, sie zu Verwandten in die Türkei zu bringen. Wie ihnen das gelang, möchte Hanan aus Sicherheitsgründen nicht verraten.

„Ich weiß nicht, wie viele Frauen wie mich er hatte, ich weiß nicht, wie viele Frauen wie mich es gibt“, sagt sie über den Mann, der ihr aufgezwungen wurde. „Sie nehmen, was auch immer sie wollen. Sie heiraten und lassen scheiden, wie sie wollen.“

Hanan meint, dass, sobald ein Mädchen 13 wird, sie kaum mehr das Haus verlassen kann. Sie muss zu Hause eingesperrt bleiben – aus Angst davor, unter dem Deckmantel einer „Ehe“ zur nächsten Braut, zur nächsten Sklavin, ja zur nächsten Trophäe des IS zu werden. „Bis jetzt kann ich nicht fassen, was ich durchmachen musste”, sagt Hanan. „Ich bin am Ende.“

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