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Liebe. Ehe. Kinder. Und dann wird er des Landes verwiesen?

„Woins die Hymne singan? I sogs eana owa glei, ich sing sicher net mit.“ Der charmante Abschlusssatz einer 12-jährigen Tortur, die Katharina Rohrauer mit ihrem Ehemann, der nicht aus Österreich stammt, durchmachen musste.

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12 Jahre musste Katharina Rohrauer um ihre Liebe kämpfen. Um ihren Ehemann. Den Vater ihrer Kinder. Weil er nicht die gleiche Hautfarbe und den gleichen Pass hatte. Diesen Kampf schildert sie uns hier in ihren eigenen Worten:

"Da sitz ich nun, in diesem Gelöbniszimmer. Rund um mich Fahnen, die der Stadt Wien, der Republik, der EU. Am Tisch vor mir steht ein Gesteck aus rot-weiß-roten Plastikblumen, daneben ein Radio und ein paar laminierte Folien, auf denen der Text der Bundeshymne abgedruckt ist. Hinter dem Tisch „unser Sachbearbeiter“, vor mir mein Mann, der jetzt – nach fast 12 Jahren Leben in Österreich - eingebürgert werden wird, neben ihm unsere älteste Tochter, sie wirkt verwirrt, unsere zweite Tochter ist gerade dabei, die Erde der Zimmerpflanze neben ihr umzugraben.

Ich sitze in der zweiten Reihe. Ich kann nicht vorne sitzen, ich kann diesem Menschen am anderen Ende des Schreibtisches nicht ohne Puffer gegenüber sitzen. Ich weiß, dass er nur seinen Job macht, nur seinen Job gemacht hat, so wie all die andren Beamten, Sachbearbeiter, Polizisten, die unser Leben in den letzten 12 Jahren so maßgeblich mitbestimmt haben. Für mich steht er für jeden dieser Menschen. Er verkörpert ein System, dessen einziges Ziel war, meinem Mann die Daseinsberechtigung in diesem Land abzuerkennen.

Ich denke an den Anfang. Die Standesbeamtin in Wien, die mich „schützen wollte“ und daher die Dokumente meines Mannes nicht akzeptiert hat, im Glauben, mir was Gutes zu tun, immerhin wollte ich einen afrikanischen Asylwerber, einen Moslem heiraten. Damals war ich naiv, habe es so hingenommen und einen anderen Weg gesucht, ein anderes Standesamt.

Der nächste Beamte in unserem Leben war der Standesbeamte, der uns Ende 2005 traut, der meinen Mann und seine Freunde konsequent duzt. Wir haben es erst am Hochzeitsvideo bemerkt, vorher waren wir einfach zu glücklich, dass wir „es geschafft haben“. Geheiratet haben. Dabei wollte ich das nie. Ich wollte nie heiraten und schon gar nicht so. Aber ich musste, weil ich mit dem Mann, den ich liebe, zusammen sein wollte. Ich sage seither immer wieder, dass ich zwangsverheiratet wurde, ernte nicht selten verstörte und vorwurfsvolle Blicke.

Polizisten, die unsere Wohnung stürmen

Danach folgen viele Beamte, viele Gesichter, die immer gleiche Auskunft, die immer gleiche Ablehnung. „Illegale Einreise“, „Gefahr für die öffentliche Sicherheit und Ordnung“, „negativ“. Wir haben viele dieser Bescheide zu Hause. Wir haben einen neuen Leitspruch, ein Mantra, das wir in den nächsten Jahren tausende Male – mal trotzig, mal verzweifelt, mal hoffnungsfroh – wiederholen werden. „Wir schaffen das. Weil wir wir sind.“. Mein Mann wird zur Untätigkeit verurteilt, darf nicht arbeiten, eigentlich nicht mal so richtig hier sein, aus Trotz und Langweile lernt er Deutsch, ergattert eine Saisonniersbewilligung und darf die nächsten 6 Monate für 5 Euro die Stunde die Straßen der Stadt putzen. Wir freuen uns sehr darüber.

2007 - ein neues Interview in Traiskirchen. Die Beamtin meint, dass es ihr leid tue, aber wir müssten das verstehen, es kann ja net jeder einfach heiraten und dann dableiben. Mittlerweile bin ich organisiert. Wir klappern die Medien ab, Help TV, Willkommen Österreich, Ö1, FM4, WOMAN, Profil. Es gibt kaum eine Zeitung, eine Radiosendung, ein Fernsehformat, in dem wir nicht irgendwann auftauchen und unsere Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die so langweilig und so banal wäre, hätten wir die gleiche Hautfarbe, gleichfarbige Pässe.

Mitte 2008 - wir geben auf. Mein Mann reist aus, stellt seinen Antrag in Westafrika. Wir wissen nicht, ob und wann er wieder kommen darf. Ich muss genug Geld verdienen, unsere Absichten müssen überprüft werden, dann vielleicht. Es treten neue Beamte in unser Leben. Die Polizisten, die unsere Wohnung stürmen, meinen Mann in unserer Badewanne suchen, im Wäschekorb wühlen, die Kästen öffnen. Sie müssen ihn jetzt abschieben, er sei illegal hier. Es dauert, bis ich ihnen glaubhaft versichern kann, dass mein Mann nicht mehr hier ist, dass er bereits ausgereist ist. Ich frag mich bis heute, wie die Beamtin, die uns diesen Besuch beschert hat, wohl ausgesehen hat. Ihre Stimme war nicht so bedrohlich, wie ihr Handeln.

Ende 2008 - mein Mann darf wiederkommen. Ich kann es nicht fassen, kann es nicht glauben, als er am Flughafen steht und einreist. Wir hatten Glück, wir waren laut genug, präsent genug und reich genug. Ich kenne viele Paare, die warten jahrelang. Der Beamte, der meinem Mann die Karte überreicht, hat einen Bart. Ich finde ihn so nett und übersehe, dass auch er meinen Mann duzt. Wir fühlen uns fast normal. 364 Tage lang. Dann müssen wir wieder hin, mein Mann muss seine Aufenthaltsgenehmigung verlängern. Diesmal müssen wir öfters hin, weil der Beamte die Karte nicht finden kann, unseren Akt nicht finden kann. Wir werden müde.

Wir gewinnen den Jackpot. Drei Jahre. 1095 Tage ohne Papiere, Lohnzettel, Versicherungsdatenauszüge, Mietverträge, Integrationsvereinbarungen

Die nächste Verlängerung. Wir freuen uns, dass es diesmal für zwei Jahre sein wird, wir also 730 Tage ohne Sachbearbeiter leben können. Wir irren uns. Es wird wieder nur ein Jahr. Mittlerweile sind wir ans Kämpfen gewöhnt, wir erheben Einspruch, erklären der Behörde ihr eigenes Gesetz. Gewinnen den Jackpot. Drei Jahre. 1095 Tage ohne Papiere, Lohnzettel, Versicherungsdatenauszüge, Mietverträge, Integrationsvereinbarungen, Scheineheüberprüfungen. Wir belohnen uns mit unserer Tochter, die 2010 geboren wird.

2013 - ein Meilenstein. Er ist jetzt seit 5 Jahren unbescholten, arbeitsam, der Sprache mächtig, er hat keine Verwaltungsstrafe, hat nicht falsch geparkt, wurde nicht ohne Ausweis kontrolliert, hat sich immer ordnungsgemäß gemeldet, Deutsch auf B1-Niveau gelernt. Von Rechts wegen ist er nun also integriert, er hat „seinen Aufenthalt verfestigt“ und bekommt den Daueraufenthaltstitel. Fünf Jahre ohne Amt liegen vor uns.

Aber wir wollen mehr. Wir wollen das ganze Paket. Wir wollen dieses Amt, und diese Gesetze los werden. Ein für alle Mal. Wir wollen nicht mehr abhängig von Demokratie, Rechtsstaat sein. Wir haben gelernt, dass „Ausländer“ sich nicht darauf verlassen können. Für sie gelten diese Dinge nur bedingt. Wir wissen das, wir haben das oft genug zu spüren bekommen.

Herbst 2014 - wir wagen es und beantragen die Staatsbürgerschaft. Und erkennen, dass das Amt eine fulminante Abschiedsvorstellung hinlegt. 18 Monate lang werden wir vertröstet, hin und her geschickt, abgeschasselt. Zwischen den Behörden zerrieben. Solang Amt A nicht antwortet, rührt Amt B keinen Finger. Allerdings interessiert das Amt B nicht im Entferntesten. Wir sind der Ping Pong-Ball in einem Spiel, das sich aber nicht als solches anfühlt. Wir telefonieren, wir fahren hin, warten, schreien, streiten, schreiben E-Mails und verzweifeln. Wir dürfen uns nicht verlassen, dass der Beamte seinen Job macht, wir müssen ihn ständig daran erinnern. Nachfragen, hinfahren, anrufen. Am Ende bewegt sich Amt B dann doch und beantwortet die Anfrage, das Ping Pong-Spiel ist beendet. Unser Sachbearbeiter spielt seine Rolle in der Abschiedsvorstellung brillant. Erklärt mir, dass jetzt zwar alles da sei, er aber nochmal ermitteln müsse, meine Anrufe und mein Nachfragen zwingen ihn ja zu übermäßiger Korrektheit, wir sollen uns auf weitere 6 Monate Bearbeitungszeit einstellen.

Wir resignieren. Schaffen es nicht. Geben die Verantwortung ab und weiter. Wenden uns an die Volksanwaltschaft.

Und plötzlich geht's. Innerhalb von zwei Tagen ist alles erledigt. Wir werden zur Verleihung bestellt. Lassen uns ein letztes Mal nicht grüßen, dafür aber wie Bittsteller behandeln, stehen uns ein letztes Mal in einem überfüllten, stickig heißen, völlig reizarmen Gang die Füße in den Bauch.
Und nun sitze ich ihm gegenüber, dem Beamten, der für mich die Demütigungen, Tränen, die Machtlosigkeit der letzten 12 Jahre verkörpert. Ich erkenne, wie stark wir sind.

„Jetzt kenans die Hymne singen. Oba i sing sicha net mit“. Wir verzichten. Stehen auf. Mein Mann liest:

„Ich gelobe, dass ich der Republik Österreich als getreuer Staatsbürger angehören, ihre Gesetze stets gewissenhaft beachten und alles unterlassen werde, was den Interessen und dem Ansehen der Republik abträglich sein könnte und bekenne mich zu den Grundwerten eines europäischen demokratischen Staates und seiner Gesellschaft.“

Wir sind fertig. Machen noch ein paar Fotos, gehen vors Amt. Schauen uns an: „Wir haben's geschafft. Weil wir wir sind.“ Packen die Kinder ein und gehen. Ich drehe mich nochmal um. Fuck you, Fremdenrecht!"

Mehr Informationen zum Thema Fremdenrecht in Österreich erhältst du hier: ehe-ohne-grenzen.at

Dieser Text erschien ebenso auf semiosisblog - politik – recherche – semiosen. Ein Blog von Sebastian Reinfeldt.

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