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Diese Frau ist auf der Jagd nach Blut!

Elizabeth Holmes ist 30 Jahre alt – und eine der 400 reichsten und einflussreichsten Frauen der Welt. Mit ihrer Firma Theranos will sie das Gesundheitswesen revolutionieren.

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Diese Frau ist auf der Jagd nach Blut!

Elizabeth Holmes: 30, Multi-Millionärin

© Theranos

Über Elizabeth Holmes ist eine Anekdote überliefert, die verdammt viel aussagt. Mit 19 Jahren, in einem Alter also, wo unsereins über die nächste Party und den letzten Sex grübelte, hockte sich die Studentin im September 2003 in das Büro ihres Chemie-Professors Channing Robertson an der renommierten Stanford University und sagte: "Lass' uns ein Unternehmen gründen."

Robertson zum amerikanischen Wirtschaftsmagazin Fortune : "Ich habe in meinen 33 Jahren als Lehrer tausende Studenten erlebt. Aber bei Elizabeth war von Anfang an klar, dass sie anders ist. Sie hat einen Blick auf und eine Herangehensweise an komplexe technische Probleme, das ist wirklich einzigartig."

Elizabeth Holmes: Revolutioniert das Gesundheitswesen

Einzigartig. Besser kann man Elizabeth Holmes vermutlich wirklich nicht beschreiben. Mit 30 Jahren ist sie nicht nur die jüngste Frau (und drittjüngste Milliardärin) auf der jährlich vom Magazin Forbes veröffentlichten Rangliste der 400 reichsten Amerikaner. Sie führt 500 Mitarbeiter, der Wert des von ihr gegründeten und geführten Start-Ups Theranos wird auf neun Milliarden Dollar geschätzt.

Nur wenige Monate nach dem Gespräch mit ihrem Chemie-Prof kehrte sie von einem Studienaufenthalt in Singapur (wo sie Mandarin lernte) zurück nach Palo Alto – in der Hand eine Patentanmeldung, die sie nebenbei geschrieben hatte. Und mit der sie nicht weniger als das Gesundheitswesen ein für alle Mal revolutionieren will.

Denn Theranos soll Bluttests so einfach und simpel wie noch nie machen.

Wer heute einen Bluttest braucht, muss erst vom Arzt in ein Labor geschickt werden, dort eine Provette mit Blut abfüllen und dann zumindest einen oder mehrere Tage warten, ehe das Ergebnis da ist. Mit dem er erneut zum Arzt pilgert. Alleine in Amerika werden jedes Jahr rund 10 Milliarden Labor-Tests durchgeführt – die in 70 Prozent der Fälle die Basis für medizinische Entscheidungen sind. Die Gesundheitsfürsorgeprogramme Medicare und Medicaaid zahlen jeweils rund 10 Milliarden Dollar Kostenerstattung für diese Tests – eine unglaubliche Summe.

Geht es nach Holmes und Theranos , dann lässt sich dieser Prozess rapide abkürzen und vereinfachen.

Elizabeth Holmes, CEO von Theranos, revolutioniert mit ihrem Bluttest das Gesundheitswesen. Hier spricht sie dem TechCrunch Day 2014.
Elizabeth Holmes auf dem Podium einer TechCrunch-Veranstaltung

Künftig soll man in Apotheken in ganz Amerika einfach nur kurz seinen Zeigefinger auf ein kleines Testgerät legen. Eine kleine Nadel punktiert vergleichsweise schmerzlos die Kuppe – schon ein einziger Blutstropfen reicht für die weiteren Tests, die dann in die Theranos Labors übermittelt und dort binnen weniger Stunden ausgewertet werden. Im Gegensatz zu anderen Mitbewerbern bietet das Unternehmen mehr als 70 verschiedene Testverfahren an – in herkömmlichen US-Labors sind es im Schnitt maximal 40. Für komplexere Verfahren werden die Blutproben bisher an andere Stellen weitergeleitet. Damit erhöhen sich die Wartezeit und Kosten.

Theranos arbeitet effizienter und kostengünstiger. Patienten müssen nur mehr ein Viertel oder sogar die Hälfte der herkömmlichen Preise für ein Laborergebnis zahlen.

Wie das Unternehmen diesen Hattrick schafft, will Elizabeth Holmes nicht im Detail verraten. "Wir nutzen die gleichen chemischen Verfahren wie bestehende Institute. Unser Vorteil liegt in der Optimierung der Chemie und der Nutzung speziell entwickelter Software, die es uns erlaubt, bereits mit winzigen Blutmengen zu arbeiten." Dies verkürze den Auswertungsprozess enorm – dazu benötige man für die Entnahme nur eine kleine Station und damit 100-mal weniger Platz als andere Laboratorien.

Walgreen , eine der größten Apothekenketten Amerikas, will das Theranos Verfahren in einem ersten Schritt in 8.200 Apotheken in allen 50 US-Bundesstaaten etablieren. In Zukunft, so Holmes Vision, soll jeder Amerikaner eine Theranos -Station im Umkreis einer Meile vorfinden.

Auch in Europa möchte das Unternehmen Fuß fassen. Der Schweizer Chemie- und Gesundheitskonzern Alliance Boots , einer der bedeutendsten Pharmagroßhändler, verfügt über 3.180 Apotheken in 11 europäischen Ländern – und hat bereits Interesse angemeldet.

Elizabeth Holmes: Leadership der Zukunft

Doch neben brillanten Ideen und der Kraft, diese auch umzusetzen, dürfte Elizabeth Holmes noch über andere Qualitäten verfügen. Denn um sich scharrt die 30-Jährige einflussreiche Berater und Board Member wie Henry Kissinger, den heute 91-jährigen Außenpolitiker und Friedensnobelpreisträger, oder den Anwalt David Boies, der für die Einführung der gleichgeschlechtlichen Ehe kämpft.

Neider unterstellen der Blondine, dass sie sich dank ihres guten Aussehens und ihres Charmes die Loyalität mächtiger Männer sichere.

Doch Henry Kissinger erzählte dem Fortune Magazine : "Ich habe noch nie eine Persönlichkeit wie sie erlebt. Sie hat Führungsqualitäten, die nur ganz wenige Menschen mitbringen. Da wäre ihr eiserner Wille – den sie aber nicht arrogant oder mit unangenehmen Druck durchpeitscht. Elizabeth Holmes ist nicht der Typ Mensch der einen Raum betritt, und alle sofort in ihren Bann zieht. Aber wenn sie vor einem Problem steht oder ein Ziel vor Augen hat, dann ist sie so unbeirrbar fokussiert, dass es einfach zu einer Lösung kommen muss. Dabei hat sie keine finanziellen Interessen, Geld scheint ihr nur für die Weiterentwicklung ihrer Firma wichtig. Sie hat eine Vision: Sie will das Gesundheitswesen von Grund auf verändern. Dafür arbeitet sie."

In einem ihrer seltenen Interviews erklärte Holmes: "Die meisten Menschen gehen nicht zu den wichtigen Vorsorge-Tests, weil sie Angst vor Nadeln haben – oder weil die Standorte zu weit entfernt und die Kosten zu hoch sind. Wenn wir es schaffen, die Blutabnahme und Diagnose zu einem schnellen, einfachen und vor allem preiswerten Verfahren zu machen, dann ändert sich die Präventiv-Medizin von Grund auf. Und genau das will ich erreichen: Dass Menschen, egal welches Einkommen sie haben, ein gesünderes Leben führen."