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Elizabeth T. Spira & Carmen Kreuzer im WOMAN-Interview

Was kommt raus, wenn zwei miteinander reden, die sonst gar nichts miteinander zu tun haben? In unserer Sommerserie bringen wir gegensätzliche Promis an einen Tisch. Diesmal: die ORF-Starkupplerin & das Ex-Model im WOMAN-Interview.


Elizabeth T. Spira & Carmen Kreuzer im WOMAN-Interview
© Ernst Kainerstorfer

Die Zusage zum geselligen Beisammensein im Schweizerhaus im Wiener Prater kam prompt. Von Topmodel Carmen Kreuzer, 38, ebenso wie von ORF-Filmemacherin Elizabeth T. Spira, 69. Diese hatte aber im Eifer des Gefechts den lauten „Stelzen-und Biergarten“ mit dem ruhigeren „Alten Jägerhaus“ verwechselt. „Ich war mal beruflich im Schweizerhaus. Weil ich drehen musste, bestimmte Absicht hatten. Aber privat nie. Dieser Lärm, schrecklich! Man versteht sein eigenes Wort nicht! Hierher kommen doch nur Männer zum Schreien, Biersaufen und unkultivierten Stelzenfressen, aber doch keine Damen! Bei dem fetten Fleisch wird mir schlecht. Und Bier hasse ich sowieso", raunt Spira. Ein Kindheitstrauma, das sie mit dem Nationalsozialismus verbindet. „Ich bin ja Jüdin, meine Eltern emigrierten, um überleben zu können, von nach Wien nach Glasgow. Dort wurde ich 1942 geboren. Aber die Bilder von den Nazis, die immer so viel Bier getrunken haben, brannten sich trotzdem in mein Gedächtnis ein. Seither kann ich es nicht riechen, halte den Geschmack nicht aus.“
Während Spira an ihrer Wiener Melange nippt und beim Essen die Lightvariante "Putenstreifen auf Blattsalat" wählt, ist auch Carmen Kreuzer erschienen. Im Mini-Jerseykleid und mit 25 Minuten Verspätung – dafür aber mit großem Appetit. „I gfrei mi scho auf die Stelzn. Schweinsbraten und so Deftiges mag ich. Bin ja in der Steiermark auf einem Bauernhof mit Kühen und Schweinderl aufgewachsen. Ich bin a Fleischfresser!" Auch an der zünftigen-lauten Location hat die Ex-Lagerfeldmuse, die einst Champagner und Austern schlürfte und mit 17 für Modezaren wie Versace und Prada defilierte, nichts zu beanstanden: „Ich pass mich überall an.“ Als wir dem Model erzählen, warum Spira Bier meidet , nickt Kreuzer verständnisvoll: „Ein guter Grund“. Doch Spira versteht „Ein wunder Punkt"! - Schallendes Gelächter am Tisch! „Sehen Sie, schon passieren die Mistakes. Gemma doch lieber rein in die ruhige Stube! Weil durchs Reden kommen die Leut' hier draußen nicht z’samm...“

WOMAN: Frau Spira, gerade hat sie eine Männerrunde erkannt. Die meinten: „Wir ham a Glück! Auch die Spira ist da!“

Spira: Manchmal ist das eh nett! Aber es gibt auch immer wieder Leute, die mit diesem gierigen Blick auf mich zusteuern und mich angreifen wollen. Da kann ich aggressiv werden.

Kreuzer: Beißen’S dann auch?

Spira: (lacht) Das kann vorkommen...

WOMAN: Trotz Stelzen, Lärm, Bier und Fans: Wir freuen uns, dass wir hier zusammensitzen und Sie keine „Hikkikomoris“ sind.

Spira: Bitte was?

WOMAN: Das ist ein aus Japan stammendes Gesellschaftsphänomen: Immer mehr Menschen igeln sich zuhause ein, weil sie durch die Reizüberflutung von Internet, Facebook, Twitter ihre eigene Identität verlieren.

Spira: Ich find’ das nicht so schlecht! Langeweile ist etwas Feines! Jeder braucht seine Rückzugsphasen...

Kreuzer: Das Leben ist zu kurz, um sich abzukapseln. Aber phasenweise macht das sicher Sinn. In unserer schnelllebigen Zeit, die durch den Kapitalismus beherrscht wird, sind die Japaner mit diesem Trend eigentlich sehr futuristic. Künstler ziehen sich regelmäßig für vier, fünf Monate zurück, um kreativ zu sein. Da tankt die Seele, der Charakter innere Kraft.

Spira: „Zurückziehen auf japanisch“ ist aber kein Sommertrend! Ich mach das schon mein Leben lang.

Kreuzer: Die Ruhe ist viel schwieriger zu genießen als der Alltagstrubel. Ich überlege mir seit einiger Zeit für einen Monat in ein Kloster gehen, um zu schweigen. Eine Freundin von mir hat das gemacht. Sie durfte keine Nachrichten konsumieren, nicht telefonieren und am Tag nur zwei Stunden sprechen. Da kommt dann alles hoch, was man verdrängt hat. Das stell ich mir schwierig vor. Was sagen Sie, Frau Spira?

Spira: Ich bin gern stumm. Aber nicht ganz, sonst samma ja im Sarg! Da geh ich zum Schweigen lieber in die Wüste. In der Hoffnung, dass irgendwo ein Lokal ist. Im Ernst: Ich hab mal einen Film gedreht über ein Frauenkloster in Vöcklabruck. Ich glaubte immer, da sind g’scheite Frauen vom Land, die sagen „Ich möchte nicht mit dem b’soffenen Bauern verheiratet sein und geh lieber ins Kloster und studiere was.“ Aber ich muss sagen: Das Kloster ist dumm. Und dumpf! Die Bibliothek war kleiner als meine zuhause und die meisten Klosterfrauen waren sehr einfach gestrickt.

Kreuzer: Es kommt doch nicht auf den Intellekt und die Bücherei an!

Spira: Trotzdem war das dort kein kreativer Ort. Die meisten wurden hingeschickt von den Familien, wenn es zuhause zu viele Esser gab. Kinder, das ist dort kein Ferienclub, wo mal geschwiegen wird. Das ist ein ernstes, karges Leben, wo die ewig lächelnden Menschen an dir vorüberschweben! Es war wie in einer Sekte!

Kreuzer: (lacht) Jetzt haben wir total aneinander vorbei geredet! Ich meinte ja vorhin das Schweigekloster, wo auch Manager hinfahren. Ich möchte doch nicht Nonne werden und keusch leben! (Als der Kellner das Essen kredenzt, teilt Kreuzer das Besteck aus und schneidet ins Fleisch) Da muasst schau’n, dass’d kan erstichst. Na dann fang ma halt an. Moizeit!

WOMAN: Apropos Keuschheit: Wie sieht’s bei Ihnen mit dem Kinderwunsch aus. Sie sind 38. Im besten Alter!

Kreuzer: Ich hab da keinen Stress. Bin jetzt zwei Jahre mit meinem Freund (Max Leitner ist Jurist) zusammen. Heutzutage muss man sich keinen Druck machen. Wir wollen noch unsere Zweisamkeit genießen.

Spira: Als ich 38 war, bekam ich meine Tochter Hannah. Sie ist adoptiert. Mein Mann und ich haben extra deshalb geheiratet. Weil das Gesetz die Ehe vorschreibt, wenn man als Paar adoptieren möchte. Gäb’s Hannah nicht, hätte ich nie geheiratet! Das war mir immer zu bürgerlich.

WOMAN: Sie sind über 30 Jahre liiert! So schlecht kann Ihre Ehe mit Herrn Schmid also nicht sein.

Spira: So schlecht ist auch mein Mann nicht! (lacht) Und ohne ihn, hätte ich nie adoptiert. Alleinerzieherinnen haben es immer schwerer, einen Partner zu finden.

Kreuzer: Als wären Kinder eine Geißel! Eine Bekannte hat mir letztens erzählt, dass sie und ihr Mann nicht mehr zu Freunden eingeladen werden, weil sie vier Kinder haben! Die ärgste Diskriminierung!

Spira: Entschuldigen Sie, das stimmt aber nicht. Ich habe auch einen Bekannten, der verheiratet und Vater von drei Kindern ist. Wenn ich mit ihm etwas zu besprechen haben, treffe ich ihn lieber allein im Kaffeehaus. Wenn ich die Familie treffen will, dann gehe ich alle fünf gerne besuchen. Und dann stört mich auch der Wirbel nicht!

Kreuzer: Je mehr Wirbel, umso besser! Ich bin dann so ein Bösewicht und stachle die Kinder an: „Lauter, lauter!“ Davon werden sie urschnell müde. Und dann hast eine Ruhe!

Spira: So schnö sans net miad!

WOMAN: Spricht da die erfahrene Großmutter aus Ihnen? Ihre Tochter hat ja auch schon ein Kind.

Spira: Ja, einen Buben. Den Samuel, den Sammy. Er ist fünf. Und eine süße, europäisch-afrikanische Mischung. Ich bin sehr gern Oma. Wenn ich g’wusst hätte, wie schön es ist, hätte ich gleich die Mutterrolle übersprungen.

(Kreuzer hat fertiggespeist, zieht eine Zigarette aus ihrer Handtasche und verlässt den Tisch)

Spira: (schaut ihr nach) Ich hab dieses Laster schon aufgegeben. Von einem Tag auf den anderen. Aus, Schluss, Basta! Davor habe ich zwei Packerl am Tag gebraucht! Ein sehr vergnüglicher Lebensabschnitt.

WOMAN: Und ein teurer. Wissen Sie, wie viel Geld Sie sich erspart haben?

Spira: Nein, das ist mir wurscht. Ich gebe gern Geld aus. Für gutes Essen, Wein usw... Wenn die Leute im Restaurant jammern: ‚Jössas, ist das Essen teuer!’, regt mich das wahnsinnig auf. Wenn ich was haben will, kaufe ich’s mir. Ab und zu ergattere ich für mich ein Buch. Oder ein schönes Bild.

Kreuzer: Kunst ist mir auch wichtig. Wenn man privilegiert ist und sich das leisten kann, sollte man Kunst sammeln. Ich liebe Arnulf Rainer! Die Bilder hänge sie mir dann in meinen Wohnungen auf.

WOMAN: Wohnungen, Plural? Ich dachte Sie wohnen fix am Wilhelminenberg?

Kreuzer: Im 16. Bezirk ist sozusagen meine Sommerresidenz. Da ist es grün und ruhig, wie am Land. Aber wenn’s mir nach Stadtleben ist, quartiere ich mich im 9. ein. Ich brauche diese Abwechslung! Beides sind Mietwohnungen. Mit Eigentum hat man eh nur Stress. Pure Idiotie! Und wenn’s mir wo nimmer gefällt, ziehe ich um.

Spira: Ich lebe schon seit 35 Jahren in einer Mietwohnung. Mitten in der Stadt.

Kreuzer: Ich stehe auf Minimalismus, will in meinen vier Wänden atmen und frei sein. Nur mein Bücherregal darf vollgeräumt sein. Da nehme ich dann ein Buch heraus, lies zwei Seiten oder nur ein paar Sätze...Ich finde das relaxend. Schön wäre noch so ein steinaltes Knusperhäuschen am Land. Aber das wird halt auch immer teurer. Ich habe schon mit 27 für mein Miethaus in London 2.500 Pfund bezahlt – kalt!

WOMAN: Sie kassierten mit 27 aber auch eine Tagesgage von 16.000 Euro!

Kreuzer: Ich habe aber hart dafür gearbeitet. Aber auch wenn ich beruflich immer den Kontakt zur Upper-Class hatte, habe ich stets versucht, am Boden zu bleiben. Meine Freunde von früher habe ich immer noch.

Spira: Auch bei mir haben die Themen, die ich beackere, nichts mit meiner Person zu tun. Ich komme aus einer intellektuellen Familie: Meine Tante arbeitete mit Anna Freud, der Tochter des bekannten Psychoanalytikers, zusammen. Eine völlig andere Welt also. Doch nachdem meine Familie nur knapp dem Konzentrationslager entkam und es mit Ach und Krach noch ins Exil nach England schaffte, wollte ich immer wissen: Was ist da los gewesen? Wie tickt die österreichische Seele? Ich habe noch keine Antworten gefunden, denn sonst würde ich ja nicht mehr arbeiten wollen (schmunzelt) .

WOMAN: Und wissen Sie nach so vielen Jahren als Kupplerin, was wahre Liebe ist?

Spira: Ich weiß nur: Liebe hat nichts mit Armut oder Reichtum zu tun. Je größer die finanziellen Probleme sind, desto eher passiert es, dass sich die Leute zerstreiten. Wissen Sie’s denn? (dreht sich zu Kreuzer)

Kreuzer: Das kann ich Ihnen vielleicht eine Minute bevor ich sterbe sagen. Liebe hat so viele Zugänge.

WOMAN: Im Krieg und in der Krise entstehen die größten Liebesgeschichten, heißt es.

Spira: Weil die Männer weg sind, oder was? (lacht) In der Ferne hat jeder romantische Gefühle.

WOMAN: Sind Sie schon Ihrem Lebensmensch begegnet?

Spira: Mehreren. Es gibt Menschen, die du dein Leben lang mitnimmst. Die dir emotional wichtig sind. Das ist oft nicht die große Liebe, sondern abgelegte alte Beziehungen, aus denen sehr angenehme Freundschaften wurden. Wenn das eine mal weg war...

WOMAN: Sie meinen Sex?

Spira: (druckt herum) Ja, nennen wir halt das Ding beim Namen!

Kreuzer: Mein allererster Boyfriend, den ich mit 18 hatte, ist heute noch ein guter Freund. Aber als Lebensmensch würde ich ihn nicht bezeichnen... So einen habe ich überhaupt noch keinen kennen gelernt.

WOMAN: Und einen Seelenverwandten?

Kreuzer: Viele sagen: „Er ist meine große Liebe, weil er ist wie ich! Das ist Schwachsinn. Wenn Feuer auf Wasser trifft, wird’s erst interessant.

Spira: Stimmt. Wo das Konträre, das Fremde, ist, ist Erotik.

WOMAN: Man soll nie Freundschaft unterschätzen! Ein Grieche hat seine auf ebay sogar zum Ersteigern angeboten. Jemand hat tatsächlich 794 Euro bezahlt.

Spira: (blickt entgeistert) Ich muss mit 70 nicht mehr alles verstehen. Früher haben sich die Leute im Kaffeehaus getroffen. Jetzt schreiben sie alles auf Facebook und empfinden das als unglaublich wichtig. Ich mach’ bei dem Theater nicht mit!

Kreuzer: Ich auch nicht. Es klinken sich eh immer mehr aus.

Spira: Ich brauch keine Freunde!

WOMAN: Sie meinen wohl Facebook-Freunde?

Spira: Auch nicht nur Ex-Freunde... (kurze Pause, dann lacht sie) Das hab ich jetzt wieder falsch verstanden! Aber was anderes: Wie lange reden wir noch?

WOMAN: Ist Ihnen fad?

Spira: Ehrlich gesagt, ja.

WOMAN: Was machen Sie, wenn Ihnen fad ist?

Spira: Ich stehe auf, geh mit einem Buch aufs Klo und brauche dort ganz laaaaange.

WOMAN: Frau Kreuzer geht, wie wir vorhin erlebt haben, eine rauchen...

Kreuzer: Das hat aber nichts mit Langeweile zu tun. Nur mit gesundem Egoismus.

WOMAN: Aber wenn jeder macht und sagt, was er will, kann oft auch ganz schön viel Böses dabei heraus kommen. Sieht man ja auch bei den „Alltagsg’schichten“, wenn über Ausländer geschimpft wird.

Spira: Wenn da einer auf Ausländer schimpft, hab ich wenig Erbarmen. Das tut er auch ohne Kamera. Wenn er sagt „Ein kleiner Adolf gehört wieder her“, wird er’s auch aushalten müssen, dass das gezeigt wird.

Kreuzer: Wahnsinn, dass in der heutigen Zeit noch wer als Ausländer bezeichnet wird! Ich war 13 Jahre nur im Ausland, bin aber nie als Ausländer beschimpft worden.

Spira: Aber Sie sind eine hübsche, junge Frau!

Kreuzer: Das wäre aber ganz schön oberflächlich!

Spira: Ist es auch. Europa ist zur Zeit generell sehr ausländerfeindlich. Da gibt es kein Miteinander! Viele Länder sitzen auf ihren Problemen und werden mit diesen allein gelassen.

WOMAN: Würde Sie ein Job in der Politik reizen?

Kreuzer: Sicher nicht! Aber natürlich mache ich mir Gedanken drüber. Bin ja keine Dumpfnuss! Ich unterstütze bedürftige Menschen in meinem Umfeld. Einer hat eine Scheidung hinter sich, die Firma ist Krachen gegangen und er wäre fast auf der Straße gelandet. Da helfe ich ihm beim Wohnung suchen und er kann derweil bei mir bleiben und essen. Man kann nicht sagen: „Mir geht’s gut und ois andre is ma wurscht!“ So ist aber die österreichische Mentalität.

(Der Kellner macht die Rechnung und fragt: „Ladies, soll ich eine Folie zum Einpacken bringen?“)

Kreuzer: Jo, sicher! Ich hab nix zum Verschenken! Warum soll man Essen wegschmeißen, wenn’s noch gut ist. Eine Stelze schmeckt auch kalt super! Und dann können Sie mir beim Einpacken ja helfen, Frau Spira!

Spira: (lacht) Nur keine falsche Solidarität. Ich esse auch zuhause keine Stelz’n!

Interview: Petra Klikovits & Katharina Domiter