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Psychische Probleme bei Kindern: So helfen Eltern richtig

Angststörungen, Depressionen und Suizidgedanken – eine neue Studie schlägt Alarm: Die seelische Gesundheit der jungen Menschen in Österreich ist besorgniserregend. Zwei Therapeutinnen erklären, was Eltern tun können.

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depression kinder jugendliche
© iStock

Unseren Kindern und Jugendlichen geht es schlecht. Schulschließungen, Kontaktbeschränkungen und strenge Regeln verbreiten Unsicherheit und schüren Angst vor der Zukunft. Wie sich das auf die Psyche der Jungen auswirkt, das hat eine aktuelle Studie der Donau-Universität Krems in Kooperation mit der Medizinischen Universität Wien untersucht.

Besorgniserregende Zustände

Rund 3000 SchülerInnen wurden im Februar 2021 zu ihrer seelischen Gesundheit befragt. Den massiven Anstieg der psychischen Symptome nennt Studienleiter Christoph Pieh "besorgniserregend". "55 Prozent leiden unter einer depressiven Symptomatik, die Hälfte unter Ängsten und ein Viertel unter Schlafstörung", heißt es in der Untersuchung. 16 Prozent der Jugendlichen gaben an, entweder täglich oder mehr als die Hälfte der Tage, suizidale Gedanken zu haben.

Pieh ruft dazu auf, bei zukünftigen Entscheidungen die psychosozialen Folgen der Pandemie stärker zu berücksichtigen. Eine rasche Betreuung bei seelischen Problemen sei dabei genauso wichtig, wie die Förderung der körperlichen Bewegung. Allen voran müssten aber die Schulen offen bleiben. Denn auch eine geregelte Tagesstruktur sowie sozialer Austausch würde den jungen Menschen helfen.

Die wichtige Rolle der Eltern

Kinder helfen Depressionen
Psycho- und Kinderanalytikerin Nassim Agdari-Moghadam

Regelmäßiger Sport, Sozialkontakte und eine tägliche Routine: Wie schön wäre es, wenn all diese Faktoren die seelischen Wunden einfach so heilen würden? Für die Eltern der betroffenen Kinder wirkt die Situation mitunter ausweglos, weiß die Psycho- und Kinderanalytikerin Nassim Agdari-Moghadam: "Sie stehen vielen Herausforderungen und schwierigen Situationen gegenüber. Manche von ihnen haben ihre Jobs verloren und kämpfen mit existentiellen Sorgen." Agdari-Moghadam rät den Erwachsenen, offen über die Enttäuschungen zu sprechen, die mit dieser schwierigen Zeit einhergehen. Sich den Veränderungen bewusst zu sein und gemeinsam Pläne für die Zukunft zu schmieden – das könne den Jugendlichen die Angst und Ungewissheit nehmen.

Mit welchen Symptomen die KlientInnen derzeit besonders zu kämpfen haben? "Konzentrationsschwierigkeiten, aggressives Verhalten, Essstörungen, Schlafstörungen und, Jugendliche, die von ihren Eltern kaum oder nicht mehr erreicht werden", so die Kinderanalytikerin. Es sei ganz normal, wenn Eltern die Symptome ihrer Kinder als störend und belastend empfinden. Trotzdem solle man bereit sein zu helfen, ohne die Krankheitszeichen sofort weghaben zu wollen: "Das Kind sendet so ein eindeutiges Signal: 'Ich brauche Unterstützung!"

Wie helfe ich meinem Kind, wenn es ...

Kinder helfen Depressionen
Systemische Psychotherapeutin Dominique Kotynek

"Unbedingt vermieden werden sollte das Bagatellisieren der Sorgen", warnt Dominique Kotynek. Die systemische Psychotherapeutin hat in den letzten Monaten auch deutlich gemerkt, dass der Ruf nach psychologischer Unterstützung präsenter wird.

Da die Eltern die unmittelbare Ansprechperson ihrer Kinder sind, haben wir beide Expertinnen um konkrete Tipps für das erste Gespräch gebeten:

... Angstsymptome zeigt?
"Auf keinen Fall versuchen, die Angst wegzureden! Auch wenn es unsinnig erscheint, für das Kind ist es real. Am besten bespricht man, in welchen Situationen die Angst aufkommt. Vielleicht hat es selbst eine Idee, was man dagegen tun könnte", so Kinderanalytikerin Agdari-Moghadam.

Laut Kotynek sei folgende Reaktion besonders kontraproduktiv: "Na, warum hast denn Angst, Das ist doch gar nicht notwendig. Es gibt andere Situationen, die sind viel schlimmer!" Damit könne man keine Angst nehmen, sondern das Leid sogar verschlimmern.

... depressive Symptome zeigt?
"Grundsätzlich kann man sagen, dass diese Symptome in ein normales Verhaltensspektrum gehören. Die Dauer, die Intensität und der Leidensdruck entscheiden über den Schweregrad. Wenn sich das Kind zurückzieht und traurig wirkt, auf jeden Fall das Gespräch suchen. Eltern sollten Interesse zeigen, fragen, was los ist. Ein guter Gesprächsstarter ist: 'Mir fällt auf, dass du dich zurückziehst. Womit könnte das denn zu tun haben?'", empfiehlt Agdari-Moghadam.

"Eine Depression oder depressive Verstimmung ist ein Gefühl, gegen das man sich oft ohnmächtig fühlt", so Kotynek. Auf keinen Fall solle man deshalb Sätze wie: "Du brauchst nicht traurig zu sein, du hast doch so viel schöne Dinge!" sagen.

... Schlafstörungen hat?
"Schlafstörungen sind für Betroffene besonders quälend. Müdigkeit zieht viele Begleiterscheinungen mit sich und wird somit nicht nur nachts zum Problem. Grundsätzlich braucht es Entspannungsrituale und -möglichkeiten, die bewusst geschaffen werden können – auch ein strukturierter Tagesablauf kann hilfreich sein", rät Kotynek.

Welche Rituale helfen? "Keine aufregenden Inhalte vor dem Schlafen konsumieren, zu einer fixen Zeit ins Bett gehen, warmen Tee oder Milch trinken und beruhigende Musik hören", empfiehlt Agdari-Moghadam.

... Suizidgedanken äußert?
"Sobald es zu solchen Äußerungen kommt, muss unbedingt eine geschulte und außenstehende Person kontaktiert werden, um Krisenintervention zu leisten", betont die systemische Psychotherapeutin. Und obwohl diese Situation beängstigt und besorgniserregend ist, gilt für Eltern wieder: Offen darüber sprechen!

Hilfe zur Selbsthilfe

Natürlich fällt es Eltern schwer, mit dem Kummer ihrer Kinder umzugehen. Hilflosigkeit, Angst und Sorge können lähmend wirken. Aber beide Expertinnen versichern: Reden entlastet die jungen Menschen! Un: Es ist nie verkehrt, sich Hilfe von außen zu holen. Das gilt übrigens auch für die Erwachsenen, betont Agdari-Moghadam: "Wenn Mütter und Väter gut auf sich schauen und in Elternberatung gehen, können sie gelassener mit den Problemen ihrer Lieben umgehen. Sind die Eltern entmutigt, dann sind auch die Kinder nicht happy! "

Wichtige Anlaufstellen:

  • Wiener Psychoanalytische Vereinigung: Kinderambulatorium / Wien
  • Psychotherapeutische Universitätsambulanz: Kinder und Jugendliche / Wien
  • Kinder und Jugendpsychiatrien: Wien / Graz / Linz
  • Telefonseelsorge: Tel.: 142 (Notruf) täglich 0 - 24 Uhr
  • Rat auf Draht: Tel.: 147 (Notruf) täglich 0 - 24 Uhr
Themen: Eltern, Kinder

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