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Englischer Richter hält Sex mit Ehefrau für "fundamentales Menschenrecht"

Welche Hoffnung haben Opfer sexueller Gewalt, solange das System das "Urbedürfnis" von Männer über das physische Wohlbefinden von Frauen stellt?


Englischer Richter hält Sex mit Ehefrau für "fundamentales Menschenrecht"
© Photo by Philipp Wüthrich on Unsplash

Haben Männer "mehr Recht" auf grundlegende Menschenrechte als Frauen? Zumindest scheint so vielfach der Konsens, wie auch dieser aktuelle Fall aus England zeigt. Ein Richter hat dort nämlich vor Gericht verkündet, dass es ein "grundlegendes Menschenrecht" sei, als Mann mit seiner Ehefrau Sex zu haben.

Aber von vorne: Der Mann einer Frau mit schwerer Entwicklungsstörung musste vor Gericht, nachdem Sozialarbeiter Bedenken äußerten, dass die Frau aufgrund ihrer mentalen Verfassung nicht aus freien Stücken zum Geschlechtsverkehr einwilligen könne. Anders gesagt: Das Paar würde nach 20 Jahren Ehe möglicherweise nicht länger legal Sex haben können.

Das Recht auf Sex mit seiner Ehefrau?

Die Anwälte eines Sozialdienstes wollten deshalb erwirken, Sex zwischen dem Ehemann und seiner Frau per Verordnung zu untersagen - zum Schutz der Frau. Zugegeben: Ein ungewöhnlicher Fall.

Der Richter der Verhandlung, Anthony Hayden, war von der Forderung aber völlig unbeeindruckt und stellte gleich zu Beginn der Anhörung klar: "Ich kann mir kein grundlegenderes Menschenrecht vorstellen als das Recht eines Mannes, Sex mit seiner Frau zu haben - und das Recht des Staats, das zu überwachen!"

Dabei ist die Gesetzeslage klar: Sex ohne Consent ist gesetzeswidrig und somit nichts anderes als Vergewaltigung. Ganz egal, in welcher Beziehung Opfer und Täter zueinander stehen. (In Österreich ist Nötigung und Vergewaltigung in der Ehe bzw. in einer Lebensgemeinschaft übrigens seit 1989 strafbar.) Und wenn jemand aufgrund seines mentalen Zustands Geschlechtsverkehr nicht ablehnen kann, kann eben auch nicht zum Sex zustimmen .

Institutionalisierter Sexismus

Institutionalisierter Sexismus? Ein Paradebeispiel sogar. Und es ist nicht das erste Mal, dass solche und ähnliche Worte vor Gericht geäußert wurden. Wir erinnern uns an den Fall im November 2018, bei der eine Strafverteidigerin argumentierte, eine Vergewaltigung hätte doch gar nicht stattgefunden, weil das Opfer einen Tanga mit Spitze trug und dies gelte ja als Einwilligung zum Sex.

Wenn Menschen in einer derartig hohen und entscheidungsträchtigen Position ganz offen solche Ansichten teilen ist es vermutlich auch kein Wunder, dass Studien ähnlich absurde Denken rund um Vergewaltigung offenlegen. Eine Umfrage mit über 4000 Menschen ergab, dass ein Drittel der über 65-Jährigen in England erzwungenen Sex in einer Ehe nicht als Vergewaltigung ansehen. Eigentlich unfassbar. Aber hat unsere Gesellschaft diesen Menschen je einen richtigen Grund gegeben, anders zu denken?

Die Verurteilungsrate bei Vergewaltigungen ist auf der ganzen Welt und auch in Österreich sehr niedrig. Überhaupt erstatten in unserem Land nur 8,8 Prozent der Frauen, die eine Vergewaltigung erlebten, überhaupt Anzeige. Einige der Gründe? Die Angst, vor Gericht auszusagen, den Angreifer wiederzusehen, die Angst, dass einem nicht geglaubt wird oder die Angst, dass die eigene sexuelle Vergangenheit gegen einen verwendet werden könnte. Es ist nicht auszudenken was solche Kommentare vor Gericht mit Opfern anstellen - und welche Message es an gewalttätige Ehemänner sendet.

Sex ist kein Menschenrecht. Aber NEIN zu sagen ist es. Und das Recht, vor einem unvoreingenommenen Richter zu stehen.