Ressort
Du befindest dich hier:

Er hat mich auf Händen getragen und mit Füßen getreten...

Vor acht Jahren wurde sie, damals 10, entführt. Jetzt gelang ihr die Flucht. Ein WOMAN-Report über eine junge Frau, die um ihre Kindheit gebracht wurde und nun ein neues Leben beginnt.


Er hat mich auf Händen getragen und mit Füßen getreten...

War es Tag oder Nacht? Natascha Kampusch wusste es nicht. Sie hatte nicht einmal eine Uhr. Eingesperrt in ein Kellerverlies, sah sie die ersten Jahre ihrer Gefangenschaft weder Himmel noch Sonne. 4,99 Quadratmeter Lebensraum, hinter 50 Zentimeter dickem Beton. Eingepfercht zwischen Nirosta-Küchenspüle und Schreibtisch, einer Kommode, einem Hängekasten und einem Hochbett. Ihre einzige Verbindung zur Außenwelt: ein silbernes Radio, ein Fernsehapparat und – ihr Entführer Wolfgang Priklopil. Jener Mann, der sie als Zehnjährige am 2. März 1998 in Wien-Donaustadt auf dem Schulweg in sein Auto zerrte und sie in sein Haus nach Strasshof an der Nordbahn bracht. Ganze achteinhalb Jahre lang war sie ihm hilflos ausgeliefert. Erst als kleines Mädchen, dann als Teenager, zum Schluss als heranreifende Frau. Einmal fühlte sie sich von ihm auf Händen getragen, dann wiederum – symbolisch – mit Füßen getreten. Irgendwann dazwischen hat sie sich mit ihrem Geiselnehmer so etwas wie arrangiert, sich in ihrer Isolation gefühlsmäßig abgekapselt, um zu überleben.

Donald Duck und Krimis.
Wenn Natascha nicht die Zeit – wie etwa das tägliche gemeinsame Frühstück – mit Priklopil verbringen musste, flüchtete sie sich in die Fantasiewelt der „Lustigen Geschichten von Donald Duck“, studierte Jugendlexika und Lehrbücher oder vertrieb sich mit Liebes- und Kriminalromanen ihren monotonen Alltag. Wie ein Frauenleben funktioniert, entnahm sie diversen Lifestyle- und Modezeitschriften. Davon konnte Natascha nur träumen – außer einem Paar Straßenschuhen und Stoffschlapfen sowie zwei einfachen Kleidern besaß sie nicht viel. Haarbänder und Toi­letteartikel, die sie in einem Köfferchen sammelte, waren schon etwas sehr Besonderes. Und viele Farbstifte! Damit zeichnete das Mädchen abstrakte Bilder – und ein Porträt von Priklopil. Dieses Bild stand eingerahmt auf ihrer Kommode, inmitten selbst gebastelter Stofftiere – darunter ein Pferd. Auch das Stricken brachte sich Natascha selbst bei. Und sie schrieb sich ihre Gefühle, Eindrücke und Erinnerungen von der Seele. Auf Zettelchen und Blockpapier. Einmal todtraurig und wütend, dann wieder fast versöhnlich, wenn sie ihren Entführer „Wolfi“ nannte. Erst die letzten Jahre „durfte“ Natascha für ihren Entführer arbeiten. Im Garten und im Haus. So auch am Mittwoch, dem 23. August. Jenem Tag, an dem ihr nach 3.097 Tagen Gefangenschaft die Flucht glückte. Abgemagert auf 42 Kilogramm, kreidebleich und achteinhalb Jahre älter...

Kein irdisches Urteil.
Wolfgang Priklopil, 44, der introvertierte Nachrichtentechniker, hat den Freitod gewählt. Um wenigstens dem irdischen Urteil der Justiz zu entkommen. Und dem Hass der Öffentlichkeit. Noch am selben Abend, als er Natascha verliert, nach einer wilden Verfolgungsjagd mit der Polizei, wirft er sich in Wien vor die Schnellbahn. Seither stützen sich Exekutive und Psychologen auf Nataschas Schilderungen, um den unglaublichen Präzedenzfall in der österreichischen Kriminalgeschichte zu rekonstruieren.

Die ganze Story lesen Sie im neuen WOMAN