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Erotik statt Sexismus

Das Fotografen-Duo Constance & Eric inszeniert Paare beim Sex. Stilvoll. Denn sie haben, sagen die Beiden, den Sexismus in der Erotik-Fotografie satt.

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Erotik statt Sexismus

Intime Momente eines Paares: "Man vertraut uns!"

© Constance&Eric

Silikonveränderte Brüste, chirurgisch optimierte Geschlechtsteile in Großaufnahme, Frauen, die von Männern erniedrigt werden. Sex und Fotografie: Oft Pornographie, teils sexistisch, teils geprägt von einem absurden Schönheitsideal.

"Als ich meine Karriere als Foto-Assistent begann, arbeitete ich für zahlreiche männliche Star-Fotografen. Wenn sie nackte Frauen oder körperliche Liebe inszenierten, dann auf eine sehr zynische, sexistische Weise. Ich wollte damit nichts zu tun haben," erzählt der Brooklyner Fotograf Eric.

Im Gespräch mit seiner Frau Constance, die ebenfalls als Fotografin arbeitet, kam ihm die Idee zu einem etwas anderen Projekt: "Wie wäre es, wenn wir Sex anders inszenieren? Als das, was er eigentlich ist: Ein liebevoller, zärtlicher und intimer Moment zwischen zwei Menschen."

Mehr als 180 Paare hat das Fotografen-Duo bislang fotografiert. Wir sprachen mit ihnen über die ungewöhnliche Bilder-Serie – und den Unterschied zwischen erotischer Fotografie und sexistischer Pornographie.

WOMAN: Inwiefern seht ihr eure Foto-Serie als Gegenentwurf zum Sexismus, der in der erotischen Fotografie existiert?
Constance: Erotische Fotos zeigen zu 90 Prozent Frauen Anfang 20, mit bestimmten Gesichtsmerkmalen und ziemlich genau festgelegten Körpermaßen. Sie werden für die männlichen Betrachter als Objekte inszeniert. Oder sollen mit nackten Tatsachen den Verkauf von Autos, Alkohol oder Zigarren ankurbeln. Eric und ich finden das grundlegend falsch. Sexualität ist etwas, was alle Menschen – unabhängig von "Etiketten" wie Rasse, Geschlecht, Orientierung, Größe und Alter – gemeinsam haben. Deshalb lichten wir ganz normale Paare dabei ab – und fangen nicht das Rein-Raus, sondern die Intimität des Augenblicks ein.

WOMAN: Ich stelle es mir sehr schwer vor, diese Intimität in einem Foto-Studio zustande zu bringen...
Eric: Constance und ich sind sehr herzliche Menschen – und unsere Paare belohnen uns mit einem unglaublichen Vertrauen. Das wir auch niemals verraten würden. Jedes Paar (manchmal sind es auch drei oder mehr Menschen, die einander lieben) ist anders. Manche schicken uns zu Beginn aus dem Raum, damit sie in Stimmung kommen. Manche benötigen klassische Musik, andere hören beim Liebesspiel lieber Dub-Step. Vor jedem Shooting sprechen wir lange mit den Paaren, damit wir ein Gefühl dafür bekommen, was sie mögen. Und damit sie wissen, dass Constance und ich ein glückliches, freundliches Paar sind, das diese Fotos nicht zum Privatvergnügen macht.

WOMAN: Wie findet ihr die Paare? Ich gehe nicht davon aus, dass ihr "Suchen Paar für erotische Fotos" inseriert....
Constance: Um Gottes Willen, nein. Wir haben immer mal wieder darüber nachgedacht. Aber die Wahrheit: Uns ist kein eleganter Weg eingefallen, wie wir Paare aufrufen könnten. Da wir aber in renommierten Magazinen oder auf Webseiten regelmäßig Beiträge zum Thema positive Sexualität, Geschlechtergleichheit, gegen zu exzessive Fotoshop-Retusche, für die Home-Ehe oder gegen die Verwendung von Giften in Sexspielzeug veröffentlichen, haben wir einen guten Ruf. Und so melden sich die Paare bei uns, da sie Teil unseres Kunstprojektes sein möchten. Wir zahlen auch kein Foto-Honorar oder verlangen Geld für die Aufnahmen.

WOMAN: Gibt's einen Unterschied, wie sich Männer und Frauen geben, wenn sie wissen, dass sie beim Sex fotografiert werden?
Eric: Lustigerweise: Nein! Es gibt gar keinen Unterschied zwischen Männern und Frauen, nur zwischen unterschiedlichen Menschen. Das hat nichts mit dem Geschlecht zu tun.

WOMAN: Wie lange dauert es, bis ihr das perfekte Foto habt?
Constance: Wir lassen es dich wissen, wenn es soweit ist! Die Wahrheit: Wir glauben nicht an Perfektion. Würden wir dem ultimativen Foto hinterherjagen, dann würde das für jeden von uns Stress bedeuten. Für uns ist ein Foto gelungen, wenn ein Paar sieht, wie schön seine Liebe ist und wie sexy sie zusammen aussehen.

WOMAN: Was gefällt euch an eurer Arbeit eigentlich am meisten?
Eric: Dass wir von Liebe umgeben sind! Die Paare, die wir fotografieren sind allesamt einzigartig und wundervoll. Constance und ich sind Ende 30, wir haben ein Kind – und wir werden auch nicht jünger. Zu sehen, dass es Paare gibt, die wesentlich älter als wir sind und die immer noch eine erfüllte Sexualität haben, sogar wenn ihre Kinder aus dem Haus sind, ist inspirierend und nimmt uns gewisser Weise auch den Druck.

WOMAN: Was habt ihr noch vor?
Constance: Wir wollen das Projekt nach Europa ausdehnen. Und wir haben auch noch zwei andere Projekte in der Pipeline: Ein Fotobuch, mit dem wir Sex-Toys entmystifizieren wollen. Die zweite Sache soll eher eine Art Dokumentation werden und zeigen, wie Frauen tagtäglich belästigt und sexistisch behandelt werden.