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Diese Stewardess war einmal ein Mann

Bernhard Hackl erlebte emotionale Höhenflüge und Bruchlandungen, bevor er sich zur ersten transsexuellen Stewardess des Landes wandelte. Der Talk mit einer mutigen Frau, die lange brauchte, um den Weg zu sich selbst zu finden.

von

Bernhard Hackl - Transgender Interview Stewardess

"Endlich kann ich Frau sein!"

© Marko Mestrovic

Wir verabreden uns im Kurpark Oberlaa. Eine hübsche, mädchenhafte Frau steigt lächelnd aus dem Bus. Einige Männer drehen sich nach der Lady in High Heels um. Johanna Hackl spricht leise, wirkt etwas unsicher und doch bestimmt. Ja, zugegeben, man sucht im Erscheinungsbild der 34-jährigen Wienerin den Mann, aber man findet ihn nicht. Nicht einmal in nächster Nähe. Die Figur ist äußerst weiblich, die Haut makellos glatt, die Stimme natürlich hell. 2010 legte die AUA-Flugbegleiterin & Yoga-Lehrerin (healingyogavienna.com) ihr altes "Ich", jenes von Bernhard Hackl, ab. Die damals 28-Jährige nannte sich fortan Johanna und outete sich als transsexuell: "Ich wollte endlich auch äußerlich zeigen, was ich innerlich spürte." Ein Gespräch über Anmachen, Anerkennung und Lustempfinden.

»"Als Frau darf man nicht allzu nett zu Männern sein."«

WOMAN: Wie werden Sie als Frau in der Gesellschaft anerkannt?
HACKL: Sehr aufgeschlossen. Vielleicht, da ich das Glück habe, dass mein Aussehen und die Stimme eindeutig weiblich sind und ich somit nicht auffalle.

WOMAN: Wie haben Sie Ihr "Anderssein" als Kind wahrgenommen?
HACKL: Ich habe mich immer als Mädchen gesehen, habe mich als Prinzessin verkleidet, mit Puppen gespielt. Meine Eltern ließen mich so sein, wie ich mich fühlte. Erst in der Pubertät fing die Hölle an. Ich wurde in der Schule gemobbt und war magersüchtig. Ich dachte, wenn ich mich unmenschlich diszipliniere, könnte mir niemand mehr wehtun. Das ging viele Jahre lang. Bis ich lernte, gerne ein Außenseiter zu sein. Ich gehe lieber den steinigen Weg im Leben, verleugne mich dabei aber nicht.

WOMAN: 2010 haben Sie mit einer Hormonbehandlung begonnen. Ist auch eine Geschlechtsanpassung geplant?
HACKL: Nein, so wie es jetzt ist, fühlt es sich für mich natürlich an. Meine weibliche Seite überwiegt dank der Hormone, die ich täglich einnehme. Und seit ich mein Frausein ausleben kann, schließe ich langsam Frieden mit dem Mann in mir und zeige es auch gerne. Früher dachte ich, als Mann sei ich hässlich und stünde in Konkurrenz mit der Frau in mir. Jetzt darf ich beides sein und schäme mich nicht mehr.

WOMAN: Bevor Sie im Mai 2010 die erste transsexuelle Flugbegleiterin Österreichs wurden, flogen Sie bereits fast zehn Jahre als Steward bei der AUA. Wie verlief Ihr erster Antritt im weiblichen Outfit?
HACKL: Meine Kollegen waren irrsinnig nett, sie wussten ja schon länger Bescheid. Aber ich war so nervös, ging durch die Kabine und wollte, dass mich alle Passagiere eindeutig als Frau erkennen. Alles andere hätte ich an mir nicht akzeptiert, da ich mich sonst als Versagerin gefühlt hätte. Schließlich hatte ich auf den Moment so lange hingearbeitet. Und dann war alles so selbstverständlich, dass ich wusste: Endlich kann ich Frau sein.

WOMAN: Hat Ihr Arbeitgeber auch so vorbehaltlos reagiert?
HACKL: Ja, es gab in erster Linie nur Rechtliches zu klären. Etwa, wie sicher es ist, wenn eine transidente Frau in Saudi-Arabien oder China einreist.

WOMAN: Werden Sie oft angeflirtet?
HACKL: Kurz nach meinem Outing sehr oft. Doch ich habe gelernt, dass man zu Männern nicht allzu nett sein darf und zum Selbstschutz eine Grenze ausstrahlen sollte. Sonst wird man ganz schnell falsch verstanden.

WOMAN: Interessieren sich eigentlich nur homosexuelle Männer für Sie?
HACKL: Absolut nicht. Aber meiner Meinung nach sind ohnehin lediglich zehn Prozent klar heterosexuell. Der Rest ist differenzierter. Zu mir hat noch nie ein Mann, gleich welcher Veranlagung, Nein gesagt.

WOMAN: Wie wirkt sich das auf Ihr eigenes Sexualleben aus?
HACKL: Sehr positiv. Durch die Hormonbehandlung fällt mein männlicher Trieb weg. Ein Partner muss mir nun mehr bieten als nur einen tollen Körper. Wenn mich jemand berührt, ist heute meine Lust viel größer als früher.

WOMAN: Hatten Sie nie Sehnsucht nach einem klassischen Beziehungsleben?
HACKL: Doch, ich wollte lange Zeit einen Mann, heiraten und Kinder adoptieren. Aber wer weiß ...

WOMAN: Und jetzt, fühlen Sie sich angekommen?
HACKL: Jein. Oft habe ich Zweifel und Ängste, ob ich auf dem richtigen Weg bin. Ich behaupte zwar immer, dass alles so passt, wie es ist. Aber ich traue mir selbst nicht.