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Warum du nicht "Tu dir nicht weh, Schatz!" rufen solltest

Wir geben uns mit der Erziehung unserer Kinder mehr Mühe, sind besorgter denn je. Dabei brauchen Kinder ein wenig mehr Risiko für ihre Entwicklung.

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Warum du nicht "Tu dir nicht weh, Schatz!" rufen solltest
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Nein, wir verfallen jetzt nicht in völlige Nostalgie. Aber früher haben uns unsere Eltern vor die Tür geschickt, wir durften toben, uns die Knie aufschlagen, auf Bäumen rumkraxeln, auf Mauern balancieren, schmutzig werden. Am Ende gab's Merphen, ein Pflaster und einen Kuss auf die Stirn.

Und heute? Kreisen viele Eltern wie Helikopter um ihre Kinder, behüten sie vor Schmutz, Verletzungen und Enttäuschungen. "Pass auf, dass du dir nicht weh tust, Schatz!". "Achtung, fass das lieber nicht an!". "Mach dich nicht schmutzig." Sätze, die man auf Kinderspielplätzen immer wieder hört.

Noch nie wussten Eltern so viel über Erziehung, über die körperliche und seelische Entwicklung ihrer Kinder. Und sie geben sich mit dem Nachwuchs ordentlich Mühe, tun alles für ihre Kinder. Doch gleichzeitig gab es noch nie so viele verhaltensauffällige Kinder in den Praxen der Familientherapeuten.

Immer mehr Eltern verzweifeln, fühlen sich mit der Erziehungsaufgabe überfordert. An gutem Willen fehlt es in den Familien nicht - doch woran dann? Kinder-Psychiater sind sich einig: Überbehütung kann ähnlichen Schaden in einer Kinderseele anrichten wie Vernachlässigung.

Warum Kinder das Risiko brauchen

Eine neue Untersuchung, die jetzt in der Fachzeitschrift International Journal of Environmental Research and Public Health veröffentlicht wurde, bestätigt diese These: Kinder müssen die Gelegenheit haben, ein gewisses Risiko einzugehen. Studienleiterin Mariana Brussoni, die mit ihrem Team 21 Forschungsergebnisse und damit das Spielverhalten von 50.000 Kindern analysierte: "Es ist eindeutig erwiesen, dass Kinder auch sogenannte riskante Spiele brauchen, um die soziale Interaktion zu fördern, ihre Kreativität zu stärken und ihre positive Persönlichkeitsbildung zu unterstützen."

Klettern auf Bäumen und Mauern, wilde Cowboy- und Indianerspiele, bei denen mit Stöcken durch die Luft gewedelt wird, das Balancieren auf schmalen Steigen: Für die Forscher ist das ungebremste Spiel in "wilder" Umgebung eine wichtige Entwicklungsförderung.

Die Eltern, so die Empfehlung der Forscher, sollten sich dabei zurückhalten. Brussoni: "Sie sollen vor allem jüngere Kinder im Blick behalten – aber eben auch nicht mehr tun." Kurzum: Die Kinder spielen alleine, Eltern sollten nur hinzukommen, wenn die Kinder wirklich Hilfe brauchen.

"Kinder müssen ihre Erfahrungen machen. Dazu gehört auch, dass man sich verletzten kann, dass man verliert oder dass man mit einem Freund in Streit gerät. Wenn ihnen die Eltern alles abnehmen, dann können Kinder ihre Fähigkeit, mit Ärger und Enttäuschung umzugehen, auch nicht ausbauen. Je älter sie werden, desto mehr Probleme kann ihnen das bereiten."

Wird den Kindern die Chance zum Toben genommen, so das Fazit der Forscher, drohen Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht und in der Folge Diabetes oder Herzprobleme, aber auch vor psychische Problemen wie zum Beispiel Depressionen.

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