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Eines Tages, Ladies, …

Zum Weltfrauentag am 8. März von Euke Frank inspiriert von Julia Engelmann und Asaf Avidan.

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Euke Frank Poetry Slam Weltfrauentag

Euke Frank, Chefredakteurin WOMAN, Zweifach-Mama, Haushaltsmanagerin, Botenfahrerin, Krankenschwester, Vorleserin, Köchin, Putzfrau, Mädchen für fast alles …

© Oliver Topf

Eines Tages, Ladies, werden wir alt sein, oh Ladies, werden wir alt sein und an all die Geschichten denken, die wir hätten erzählen können.

Wir sind die, denen man immer schon gesagt hat, dass sie eigentlich längst die gleichen Chancen hätten, aber sie vertrödeln und nicht nützen und zu feig sind fürs Leben da draußen, wo die Macht sich abspielt.

Wir sind die, die an alles denken und alles schupfen, die am Abend wie die Steine tot ins Bett fallen und trotzdem immer auf der Stelle treten. Über uns die gläserne Decke. Und unten bei den Füßen der Berg an Wäsche, die krabbelnden Kinder, die Katze, die wieder neben die Kiste kackt.

Unser Leben, oh Ladies, ist ein Wartezimmer. So lange wir denken können. Wir würden so gerne so vieles tun, bloß kommen wir nie dazu.

Stattdessen hängen wir in den Seilen, bringen Kaffee und sortieren die Schmutzwäsche. „Ach, Karriere mache ich später“ ist die Baseline unseres Alltags. Dann, wenn aus den Männern die Luft draußen ist. Wir sind so furchtbar fleißig, Ladies, wie die Roboter am Fließband, aber ganz hinauf kommen wir nie.

Eines Tages, Ladies, werden wir alt sein. Und dann werden unsere Töchter fragen, warum wir nicht noch viel mehr gekämpft haben. Warum? Wir haben doch so sehr, werden wir antworten, aber es hat einfach kaum wen interessiert. Vertrösten ist das Schlagwort von denen an der Macht. Hinhalten. Und Runterspielen. Und wir werden es nicht erklären können, weil es so frustrierend ist und oft auch so sprachlos macht.

Und die Geschichten, die wir stattdessen erzählen, werden traurige Konjunktive sein wie „Einmal wäre ich fast Bundeskanzlerin geworden“ und „einmal wäre ich fast zum Mond geflogen“ und „einmal hätte ich fast das gleiche verdient, wie mein Kollege“ und „einmal wäre ich fast aufgesprungen und hätte dem Arschloch eine geknallt, der an meinen Hintern griff, als wäre er eine Bowlingkugel“. Fast wird das Wort sein, das wir unseren Töchtern erklären werden müssen.

Fast hätten wir einmal auf die Frisur gepfiffen und Donuts in uns hineingestopft, als gäbe es kein Morgen. Fast hätten wir einmal um den Job gekämpft, als ginge es um Leben und Tod und uns nicht drei Tage Bedenkzeit erbeten, weil man muss ja abwägen und überlegen, ob frau überhaupt ... in der Lage ... sich das zuzutrauen. Stattdessen schnell davonlaufen in modischer Jogginghose, denn dann, Ladies, staunen die Männer zumindest über unsere Bowlingkugeln. Wie armselig wir doch manchmal sind. Wie feige.
Oh, Ladies, uns fehlt der Mut. Wir verkleiden uns, die Welt regieren derweil die anderen ...

Und wenn wir dann alt sind und unsere Tage knapp, dann erst werden wir kapieren, dass es keine zweite Chance auf das eine Leben gibt. Dass wir nur einmal hier sind. Und dass jede Chance, die wir nicht genutzt haben, kein zweites Mal kommt. Dass das Leben nicht auf uns gewartet hat.

Also lasst uns doch Geschichten schreiben, Ladies, die wir später gerne erzählen. Lasst uns nachts lange wach bleiben und feilen an unseren Ideen, wie wir die Welt doch noch zu einer gerechteren machen können.
Lasst uns doch gemeinsam an uns selber glauben, wenn es schon die alten Männer nicht tun. Lachen wir sie aus, wenn sie uns erklären, dass alles so bleiben muss, weil es immer schon so war. Lachen wir laut. Gemeinsam und lauter, als ihre Ohren es vertragen.

Wir haben schon viel zu lange gewartet. Lasst uns Östrogene mit Testosteron vermischen und den Kochlöffel nur schwingen, wenn wir selbst hungrig sind.

Lasst uns alles können. Lasst uns endlich alles dürfen. Wir sind doch längst bereit, Ladies! Sagen wir es laut und deutlich. Heute. Hier. Und jetzt. Und morgen. Und für immer. Wir sind nicht besser als die Männer. Aber auch nicht schlechter. Uns gehört die halbe Welt.

Und eines Tages, Ladies, werden wir alt sein, oh Ladies, werden wir alt sein und unseren Töchtern Geschichten erzählen, über die sie nur noch die Köpfe schütteln werden…

Inspiriert von Julia Engelmanns Poetry Slam & Asaf Avidans One Day/Reckoning Song

Thema: Sexismus

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Wunderbar Frau Franke. Eine euphorische Beschreibung der Zeichen unserer Zeit. Ich bin dabei.

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