Ressort
Du befindest dich hier:

Eva Billisich im WOMAN-Interview

Vor 20 Jahren spielte Eva Billisich im Kultfilm "Muttertag" die geile Chorleiterin "Evelyn Schöbinger" - und landete einen Hit nach dem anderen. Das Porträt einer Lebenskünstlerin.


Eva Billisich im WOMAN-Interview
© Ernst Kainerstorfer

„ Bringen’S mir bitte einen Tee mit Rum “, sagt Eva Billisich, 49, zum Kellner, als wir sie im Wiener Café Wortner zum Frühstück treffen. „ Keine Sorge, so hochprozentig starte ich nur in den Tag, wenn ich krank bin. Dann ist das meine beste Medizin “, lacht sie und lässt bei „krank“ das „r“ so rrrrrichtig schön rrrrrollen.

Genauso wie vor 20 Jahren im Kultfilm „Muttertag“, wo das ihr Markenzeichen war und ihr in der legendären Rolle der männerverschlingenden Chorleiterin „Evelyn Schönbinger“ der Durchbruch gelang. Billisich sieht immer noch aus wie damals. Nur die Haare trägt sie jetzt blitzblau. „ Ich bin ziemlich schnell weiß geworden. Aber so finden mich auch meine Kinder cool “, lacht sie und erzählt von ihrem Sohn Benjamin, 27, und Tochter Mimi Fee, 12, die sie allein großzieht.

Das Leben ist nicht nur Komödie

Zwar ist die Wienerin mit ihren damaligen Schlabarett-Kollegen Alfred Dorfer und Roland Düringer immer noch gut befreundet, aber trotz weiterer Kino-Hits wie „Freispiel“, „Poppitz“ und „Hinterholz 8“ war auf der Bühne nach sieben Jahren Kabarett Schluss mit lustig. „ Das Leben ist nicht nur Komödie. Oft ist es sogar ziemlich ernst. Ich hab zwar als Kabarettistin sehr gutes Geld verdient, aber ich wollte trotzdem noch andere Dinge kennenlernen. Und ich wollte mit Kindern arbeiten. Das tat ich dann für zwei Jahre als Cliniclown im St. Anna Kinderspital auf der Onkologie. “ Und weil ihr Kinder generell sehr am Herzen liegen, ließ Billisich sich zusätzlich zur Alternativpädagogin ausbilden und schrieb Kinderbücher und –musicals. Seit 2011 ist sie auch noch Sängerin. Die Texte schreibt sie selbst. 2011 erschien ihr erstes Album „Lasterlieder“ und 2013 folgt die zweite CD von „Billisich und Band“. Das Interview.

WOMAN : Der Kultfilm „Muttertag“ ist 20 Jahre her, wurde aber heuer von Ö3 zum beliebtesten Film Österreichs gewählt. Sie werden in dieser Satire am Schluss ermordet, filetiert und gegrillt. Wen würden Sie denn gerne mal gedanklich grillen?

Billisich : Niemanden. Ich bin kein Kannibale, esse schon immer weniger Fleisch (lacht) . Klar spüre ich manchmal eine richtige Wut in mir, gerade bei Menschen, die mir privat oder beruflich nahestehen. Und dann möchte ich denen im schlimmsten Fall eine reinhauen. Aber ich bleib beim Aufschreien und Schimpfen. Ich lass das auch meistens raus, das ist gesünder als es zu schlucken. Man kommt so auch schneller wieder mit wem zusammen, als wenn man seinen Ärger unterdrückt. Ein reinigendes Gewitter kann gut tun!

WOMAN : In „Muttertag“ war es ein grotesker Drehbuchplot, heute passieren blutige Familiendramen regelmäßig. Warum werden die Leute immer aggressiver und brutaler?

Billisich : Die Menschen waren immer schon so. Aber sie haben offenbar noch immer nicht gelernt miteinander zu reden. Es gibt zwar schon eine Reihe von Büchern zu „gewaltfreier Kommunikation“, aber immer noch entladen sich Probleme an anderer Stelle. Man spricht nicht über die wirkliche Ursache von Schwierigkeiten. Die Kriege werden also auf den falschen Schlachtfeldern geführt. Oder die Menschen gehen getrennte Wege, leiden jeder für sich, blockieren aus Stolz und Verletztheit jede Aussprache – und argumentieren mit Dingen, die gar nicht die Wurzel des Übels sind. Ich versuche die Wurzel zu sehen. Aber für eine ehrliche Annäherung braucht’s immer zwei.

WOMAN : Haben Sie diese sozialen Spielregeln in Ihrer Kindheit gelernt oder mussten Sie sich das selbst aneignen?

Billisich : Zuhause habe ich nie gesehen, wie man miteinander umgeht, wenn’s Meinungsverschiedenheiten gibt. Es gab keine Streitkultur. Mein Vater war Journalist und unglaublich redegewandt. Er konnte sich wunderbar über alles unterhalten – über Gesellschaft, Politik, Literatur, Kultur, Sport – nur über seine Gefühle und Gedanken nicht. Für ihn war das eine unheimliche Barriere. Insofern gab es bei uns zuhause eine trügerische Scheinidylle. Nie fiel ein lautes Wort. Ich habe von den Konflikten zwischen meinen Eltern nie etwas mitbekommen. Bis zu jenem Tag – ich war noch in der Volksschule – als mich meine Mutter schnappte und ich mich mit ihr in einer neuen Wohnung im 10. Bezirk wiederfand. Ich war völlig verwirrt, weil mein Vater nicht mitkam. Meine Eltern behaupteten zwar, sie hätten mir gesagt, dass sie sich scheiden lassen, aber daran kann ich mich nicht erinnern. Das alles war so schweigsam über die Bühne gegangen, dass ich es wohl verdrängt haben muss.

WOMAN : Welches Verhältnis hatten Sie seither zu Ihrem Vater? Er war ja der Erfinder des Verkehrsmaskottchens „Helmi“!

Billisich : Stimmt. Naja, ich wuchs dann ja bei meiner Mutter und meinem Stiefvater auf, den ich lange Zeit sabotierte, weil ich lange nicht wollte, dass irgendwer Papas Platz einnimmt. Er ließ sich aber von mir nicht verscheuchen: meine Mutter und er sind heute noch zusammen. Meinen Vater hob ich mehr und mehr auf ein Podest. Dadurch, dass ich nicht so oft sah und beim Gedanken an ihn immer eine Sehnsucht mitschwang, habe ich ihn auch idealisiert. Seine Kreativität und die Leidenschaft für leiwande Autos habe ich definitiv von ihm geerbt, auch wenn ich selbst nur einen alten Polo fahre. Er starb mit 63. Gehirnschlag. Das war ein großer Schock. Weil auch das aus heiterem Himmel kam...

WOMAN : Würden Sie Dinge gerne im Voraus wissen?

Billisich : Ich habe sehr feine Antennen. Spüre Dinge ab und zu tatsächlich bevor sie passieren. Aber oft will ich nicht daran glauben. So nutzt mir meine Intuition natürlich gar nichts. Manche vorgefühlten Wahrheiten sind eben nicht erwünscht. Das schiebe ich dann zur Seite. Mit meinen Bandkollegen hatte ich erst vor einiger Zeit so eine Situation. Ich spürte schon lange, dass es da brodelt. Erst wollte ich es nicht glauben, weil wir unglaublich gut zusammenarbeiteten. Es hat sich dann tatsächlich zerschlagen.

WOMAN : Haben Sie mit Ihren Musik-Kollegen über Ihre Vorausahnung gesprochen?

Billisich : Ja… Da gab es viele unausgesprochene Dinge. Auf etwas, das nicht ausgesprochen wird, kann man schwer richtig reagieren. Da müsste man ja Gedanken lesen können, um Missverständnisse zu verhindern. Man ist in der Kommunikation wirklich darauf angewiesen, dass jeder Klartext redet.

WOMAN : Wie werden Sie künftig darauf schauen, dass sich das Klima in der Band nicht noch einmal vergiftet?

Billisich : Man kann einen Menschen jahrelang kennen und plötzlich gerätst du mit ihm in eine Situation, wo du dir denkst: „Oh nein! Was ist da los? Hab ich den Menschen je gekannt?“ Insofern kann man sich nie sicher sein. Man kann nur selbst sein Bestes tun und so offen wie möglich agieren.

WOMAN : Was tun Sie, wenn die andere Seite nur schweigt und partout nicht Stellung nehmen will?

Billisich : Gerade wenn das der Fall ist, ist es wichtig, dass man selbst seine Sicht der Dinge offenlegt. So weiß das Vis-á-vis wenigstens, wie ich dazu stehe. Der Ball liegt dann bei ihm und er selbst kann entscheiden, was er weitertut. Manchmal knüpfen Leute ja dann doch an. Manchmal ist es aber auch ein leiser unausgesprochener Abschied. Aber auch mit allem Bemühen lässt sich nicht immer alles erreichen. Dann soll’s wahrscheinlich genau so sein. Ich vertraue dann auf das Schicksal: es hat schon immer sein Hand im Spiel. Bevor ich mit dem Schädel durch die Wand geh, wo ich mir eh nur wehtue, lass ich lieber los. Solange ich kein Zen-Meister bin, der mit der Stirn Ziegelsteine spalten kann, gehe ich lieber weiter und nehme einen anderen Weg.

WOMAN : Sie haben in Ihrem Leben oft neue Wege eingeschlagen. Warum?

Billisich : Weil es mir langweilig wird, wenn ich zu lange dasselbe mache und alles absehbar ist. Mich treibt eine unglaubliche Neugier. Mein geschätzter Kollege und musikalisches Vorbild Heli Deinboek singt: „Wenn einer 20 Jahre macht, was er nach einem schon kann, der braucht kan grauen Alltag mehr, der braucht den Boogie Mann.“ Da hat er recht und er wird mich auch bei meinem neuen Album unterstützen. Ja, und deshalb hab ich vor 15 Jahren dann auch begonnen mit Kindern zu arbeiten und habe später die Ausbildung zur „Lebensbegleiterin für Kinder“ gemacht, mit der ich in elternverwalteten Kindergruppen als Betreuerin arbeiten könnte. In solchen waren auch meine! Ich finde das total spannend! Denn da geht’s um Individualförderung. Nichts ist schlimmer, als wenn man Kinder über einen Kamm schert und nicht auf unterschiedliche Bedürfnisse eingeht.

WOMAN : Sprechen Sie aus eigener leidvoller Erfahrung?

Billisich : Ja. In meiner Generation hieß es nur: „Sei still, fall nicht blöd auf und mach das, was dir aufgetragen wird.“ Also saß ich oft allein im Kinderzimmer und hab mir Geschichten ausgedacht oder Rollenspiele. So kristallisierte sich schon recht früh der Drang heraus, auf der Bühne zu stehen... Wenn man als Kind still gehalten wird, ist es ein ganz normales Bedürfnis, irgendwann gehört zu werden. Das war auch für viele Kollegen eine Triebfeder. Die Bühne ist wie eine Therapie, weil man da eigene Grenzen überwinden kann. Doch irgendwann hab ich mich „geheilt“ gefühlt. Seither interessiert mich Regie mehr als die Schauspielerei. Schön war für mich in dieser Hinsicht die Arbeit mit meiner Freundin Andrea Händler an ihrem letzten Kabarettprogramm.

WOMAN : Brauchten Sie die Bühne, weil Sie geliebt und geachtet werden wollten?

Billisich : Gehört und beachtet werden wollen: vom Publikum ja! Meine Schlabarett-Kollegen Roland Düringer, Alfred Dorfer und ich waren Mitte 20, wollten damals einfach nur spielen! Das war ein ganz anderes Denken als heute. Jetzt ist die Konkurrenz zwanzigmal größer als damals, als es ja nur den Hader, den Resetarits, den Vitasek, die Hektiker und uns gab. Heute musst du entweder etwas ganz Spezielles haben, um das Publikum zu begeistern oder dich permanent selbstvermarkten. Die mediale Wirkung war mir, Roland und Alfred damals völlig wurscht. Wir gaben damals unglaublich absurde Interviews, haben alle Leute mit dem Schmäh genommen, auch wenn die selber gar keinen hatten. Da ging’s nicht darum, uns selbst als Helden darzustellen. Wir haben nur gelacht und Blödsinn gemacht. Manche wunderten sich: „Was sind das für Idioten“? (lacht und schweigt dann) Später, nach „Muttertag“, wenn bei Premierenfeiern Kamerateams auftauchten, hielt ich mich aber im Hintergrund.

WOMAN : Warum plötzlich so schüchtern?

Billisich : Mich abseits des Bühnenauftritts in die erste Reihe zu stellen, war mir einfach unangenehm. Privat bin ich immer noch eher introvertiert. Ziehe mich sehr gern zurück.

WOMAN : Nach sieben Jahren Kabarett entschieden Sie sogar, aufs rampenlicht zu verzichten und in einer weniger beachteten Welt weiterzuleben. Wieso?

Billisich : Es ist in unserer Gesellschaft nun einmal so, dass Arbeit im Kinderbereich weniger Beachtung findet als Arbeit für Erwachsene. Ich habe erst mit den Cliniclowns für die krebskranken Kinder im St. Anna-Kinderspital gespielt und dann 15 Jahre im Theatro piccolo. Dort habe ich auch begonnen Regie zu führen und Kinderbücher zu schreiben. „Wedel und Krebsenspeck“ wird übrigens Anfang 2013 neu im Obelisk-Verlag erscheinen. Zu sehen, wie die kleinen krebskranken Wesen im Moment leben und sich freuen können, hat bei mir einen Schalter umgelegt. Ich hab mir das Selbstmitleid abgewöhnt. Das haben mich die Kinder von St. Anna gelehrt. Klar habe ich nicht mehr so viel verdient wie früher, aber ich komme auch mit weniger Geld aus. Lebte nie auf großem Fuß. Mir ist lieber, ich verzichte auf Materielles, als auf die Freiheit, mich als Mensch in verschiedenen Berufen, Rollen, Emotionen zu erfahren. Es geht darum, weiter zu gehen. Neugierig aufs Leben zu bleiben.

WOMAN : Was haben Sie als Kind Erwachsenen beigebracht?

Billisich : Nichts. Wir mussten funktionieren. Den Kindern von heute geht’s besser, denn sie haben Wahlmöglichkeiten. Die hatten wir nicht.

WOMAN : Und was fehlt den Kindern von heute trotzdem?

Billisich : (denkt nach) Vermutlich manchmal jemand, der Grenzen zieht. Ihnen Struktur gibt. Und ein bisserl Halt.

WOMAN : Was glauben Sie, was wird aus der „Generation Facebook & Twitter“?

Billisich : Spannende Frage. So wie die alle jetzt drauf sind: Ich kann’s mir schwer vorstellen. Aber in zehn Jahren werden wir‘s wissen…

Petra Klikovits