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Was ist noch grün an Ihnen, Frau Glawischnig?

Als Eva Glawischnig am 18. Mai 2017 unter Tränen als "Grünen"-Bundessprecherin zurücktrat, sorgte das für Medienwirbel. Dann erneute Aufregung: Die Ex-Politikerin wechselte zum Glücksspielkonzern Novomatic. Zu jenem Betrieb, dessen Arbeit sie früher heftigst verurteilte: Scheinheilig oder engagiert? Sie sagt, sie möchte das Business säubern, aber kann man so einfach die Fronten wechseln?

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Eva Glawischnig
© WOMAN/ Oliver Topf

"Meine Entscheidungen wurden oft kritisiert - selbst bei privaten Themen, als ich etwa geheiratet habe, gab es mediale Diskussionen. Als Chefin der Grünen musste ich wie alle Spitzenpolitiker laufend negative Kommentare wegstecken, da kenn ich mich aus", erklärt Eva Glawischnig, 49, die öffentliche Aufregung rund um ihren neuen Job als Nachhaltigkeitsmanagerin des Glücksspielkonzerns Novomatic. "Ich bin eben ein risikofreudiger Mensch. Diese neue, anspruchsvolle Aufgabe hat mich von Anfang an gereizt. Es ist etwas ganz Neues. Jetzt kann ich mich in einem großen Industrieunternehmen voll einbringen, das war meine Hauptmotivation."

Etwas ganz anderes, das bedeutet in jenem Fall, dass die Ex-Politikerin zehn Monate nach ihrem Rücktritt als Parteichefin der Grünen zu einem Unternehmen wechselte, das sie früher oft scharf kritisierte. Man hätte sich Gesetze erkauft, war ihr Vorwurf im April 2017 in einer "Im Zentrum"-Diskussion. Klar, dass ihr Seitenwechsel da plötzlich viele irritierte. Wir trafen die zweifache Mutter (Sohn Benjamin ist elf, Sebastian acht) nach zwei Monaten im Job: Was ist von ihren früheren Standpunkten geblieben? Wie lässt sich ihre neue Position moralisch mit dem vereinbaren, wofür sie bei den Grünen gekämpft hat? Und wo hat sich ihre Einstellung noch geändert?

»Im Herzen bin ich nach wie vor von oben bis unten grün.«

Zu unserem Interview kommt Glawischnig mit dem aktuellen Geschäftsbericht unterm Arm: "Darin ist auch ein großes Kapitel zur Corporate Social Responsibility, unserer sozialen Verantwortung. Am Wichtigsten dabei ist natürlich, dass der gewissenhafte Umgang mit Glücksspielen in unserer Unternehmensstrategie sichtbar wird. In Niederösterreich gibt es ein sehr gutes System. Kunden erhalten Spielerkarten nur mit Ausweis, Gesichtsscan und PIN-Code. In Oberösterreich geht es über Fingerprint. Das garantiert absoluten Jugendschutz. Diese Konzepte für den gesamten Konzern weltweit voranzutreiben, ist jetzt meine Aufgabe. Eigentlich sollten viel mehr Leute aus dem ökosozialen Bereich, wie ich, in sensiblen industriellen Bereichen arbeiten."

Sie haben davon gesprochen, die Firma von innen heraus ändern zu wollen. Ist das denn auch im Sinn Ihrer Chefs? Konzerne wollen möglichst viel Umsatz schaffen...
GLAWISCHNIG:
Niemand will, dass sich Menschen selbst in Gefahr bringen. Wir möchten kein Geld mit Menschen verdienen, die süchtig sind. Für sie wollen wir Konzepte schaffen, die rechtzeitig alarmieren, wenn jemand zu viel spielt.

Trifft man Sie auch beim Zocken?
GLAWISCHNIG:
Mitarbeiter dürfen nicht. (lacht) Ich wollte es versuchen, bevor ich angefangen habe, aber ich bin eine "PEP", eine Politically Exposed Person. Da schlägt das System gleich Alarm, weil solche Personen nicht spielen dürfen. Das hängt mit den Anti-Korruptions-Bestimmungen zusammen. Man sieht daran, unsere Richtlinien funktionieren!

Dieter Chmelar, der spielsüchtig war, meinte vor Kurzem im WOMAN-Gespräch, dass er Ihren Schritt nicht begreifen kann. Das Glücksspiel ruiniere Existenzen. Warum nicht gleich abschaffen?
GLAWISCHNIG:
Das ist ein großer Irrtum: Dinge, die eine sensible Thematik haben, verschwinden nicht, indem man sie verbietet. Seitdem in Wien das kleine Glücksspiel nicht mehr erlaubt ist, hat es im illegalen Sektor und online massiv zugenommen. Und da gibt es überhaupt keinen Schutz. Ich kann verstehen, dass Menschen wie Dieter Chmelar meinen Schritt in diese Richtung nicht nachvollziehen können, aber man möge mir jetzt einfach einmal Zeit geben und mich an meinen Taten messen. Dann kann man gern noch einmal diskutieren.

Früher waren Sie gegen das Glücksspiel, heute sind Sie Teil jenes Unternehmens, das von den Grünen 2010 bei der Korruptionsanwaltschaft angezeigt wurde ...
GLAWISCHNIG:
Ich war nicht gegen das Glücksspiel, ich bin dafür, dass es reguliert werden muss. Es ist ein Freizeitvergnügen, und ich möchte dafür sorgen, dass die Branche sauber ist. Ich bin mir sicher, dass in der Vergangenheit - so wie auch von anderen Industriesektoren-Lobbying betrieben wurde. Die Spielregeln haben sich geändert, das ist jetzt anders.

»Jetzt fühle ich mich freier. In der Politik hatte ich viele Leitplanken: Was man als Grünen-Chefin nicht darf.«

Trotzdem: Die Optik wirkt schief. Haben Sie manchmal ein schlechtes Gewissen?
GLAWISCHNIG:
Nein, ich hätte auch andere Optionen gehabt. Es war eine bewusste Entscheidung. Nach den ersten Gesprächen mit dem neuen Vorstandsvorsitzenden Harald Neumann hat sich meine kritische Distanz zum Unternehmen verändert. Er hat mich mit seiner persönlichen Integrität überzeugt. Dann habe ich es in meinem privaten Umfeld besprochen. Da war natürlich mal bei vielen ein großes Fragezeichen: Ausgerechnet dorthin? Nachdem ich mich über acht Monate lang komplett aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hatte, finde ich, dass ich jetzt die Freiheit habe, mich für etwas zu entscheiden und einen neuen Weg einzuschlagen. Der hat vor allem auch frühere Wähler schockiert.

Was ist noch grün an Ihnen, Frau Glawischnig?
GLAWISCHNIG:
Im Herzen bin ich nach wie vor von oben bis unten grün. Und deshalb habe ich mit der Novomatic auch das Ziel, zum führenden Unternehmen in den Bereichen Spielerschutz und Ökologie zu werden. Ich freue mich auf diese Herausforderung. In der Oppositionspolitik sind Dinge oft wahnsinnig zäh gelaufen: ewige Sitzungen, Wochenenden, an denen durchgearbeitet wurde. Und unterm Strich ist wenig rausgekommen. Jetzt habe ich die Hoffnung, das in der Wirtschaft etwas mehr weitergeht.

Mussten Sie sich früher im Alltag mehr maßregeln?
GLAWISCHNIG:
Jetzt, wo ich in der Wirtschaft arbeite, fühle ich mich schon freier. In der Politik hatte ich viele Leitplanken: Was man als Grünen-Chefin alles nicht darf ... Man schaut dir in jedes Einkaufswagerl rein. Jetzt bin ich nicht mehr so unter Beobachtung, das hat meine Lebensqualität enorm gesteigert.

Eva Glawischnig
WEIT ENTFERNT? Acht Autominuten - 22 Minuten zu Fuß - sind es von ihrem alten Büro in der Löwelstraße zum Novomatic Forum beim Wiener Naschmarkt. Dort traf Melanie Zingl die Ex-Politikerin Eva Glawischnig.


Früher sind Sie mit dem Fahrrad oder dem Elektroauto ins Büro gefahren, heute sitzen Sie im Benziner...
GLAWISCHNIG:
Ich bekomme bald ein E-Modell. Das Pendeln zwischen Wien und dem Firmensitz in Gumpoldskirchen wäre öffentlich schwierig. Im Sommer wird sich das sowieso ändern. Meine Familie und ich übersiedeln nämlich aufs Land, da werde ich dann auch öfter mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren. In der Firma haben wir auch ein familienfreundliches Projekt: Ab 14 Uhr kann man warmes Essen aus der Kantine um zwei Euro mit nach Hause nehmen. Das ist für alle Working Moms und Dads eine Unterstützung. Und es landet dadurch kein Essen im Müll. Auch Mitarbeiter, die in Pension sind, werden weiter eingebunden. Sie machen Führungen im Unternehmen.

Was ist Ihnen heute privat wichtig, wenn es um einen nachhaltigen Lebensstil geht?
GLAWISCHNIG:
In punkto Ernährung kann jeder sehr einfach einen Beitrag leisten. Ich verzichte weitgehend auf Fleisch, allerdings lebe ich mit drei Fleischfressern zusammen. (lacht) Wir kaufen Bioprodukte, natürlich auch saisonal. Ich versuche den Kindern zu vermitteln, welche Lebensmittel zu welcher Jahreszeit zur Verfügung stehen. Wir kochen auch gern zusammen. Der Kleine, Sebastian, ist da wahnsinnig interessiert. Er will Koch werden und ein eigenes Restaurant eröffnen. Sebastian liebt Brokkoli und schmeckt sogar den Unterschied zwischen hochwertigen und billigen Produkten.

Wie haben Sie Ihren Söhnen den neuen Job erklärt?
GLAWISCHNIG:
Wir haben natürlich darüber gesprochen. Die Jungs haben in der Schule auch Fragen bekommen. Sie verstehen, dass ich dort meinen Beitrag leisten und die Standards verbessern will. Ihr Polit-Aus ist ein Jahr her.

Haben Sie den Rücktritt jemals bereut?
GLAWISCHNIG:
Nein. Neun Jahre als Parteichefin waren genug, ich hätte es nicht mehr länger geschafft, das muss ich ganz ehrlich sagen. Ich war erschöpft. Es war genau der richtige Moment, um zu gehen Noch einmal durch einen Wahlkampf durch zu müssen, wäre für die gesamte Familie zu anstrengend gewesen.

»Neun Jahre als Parteichefin waren genug, ich hätte es nicht mehr länger geschafft.«

Wie hat sich Ihr Alltag im vergangenen Jahr verändert?
GLAWISCHNIG:
Es ist eine neue Qualität von Zeit, die man hat. Natürlich engagiere ich mich auch in meinem neuen Job, aber das ist nicht zu vergleichen mit der ständigen Verfügbarkeit der Politiker. An den Wochenenden habe ich stundenlang telefoniert, dann war Sonntagabend und ich wusste gar nicht, was ich die letzten zwei Tage gemacht hatte. Und diese endlosen Pressetermine, die nur dazu dienen, die Zeitungen zu befüllen und Scheinwerferlicht für die Partei zu generieren. Das geht mir nicht ab. Wenn ich am Abend nach Hause komme, ist das Handy weg. Wie viele Stunden bin ich früher in der Küche telefonierend im Kreis gelaufen Das hat meine Kinder schon immer sehr genervt.

Haben Sie noch Kontakt zu Ihren Ex-Kollegen?
GLAWISCHNIG:
Hin und wieder telefonieren wir. Wir haben auch noch ein gemeinsames Projekt: die Klage gegen Facebook. Die führen wir zusammen fort, weil wir schon so weit sind. Es gibt kein einziges Verfahren in Bezug auf all die Hasspostings, das so weit gekommen ist. Wir sind gerade beim Europäischen Gerichtshof. In unserem Telefonat vor dem Interview haben Sie gesagt, dass Sie nicht über die aktuelle Politik sprechen möchten.

Warum halten Sie sich da zurück?
GLAWISCHNIG:
Das habe ich meinen Grünen versprochen: Ich bin sicher kein Parteichef, der von außen alles besser weiß. Das werde ich nie machen, und ich hätte schon tausendfach die Gelegenheit dazu gehabt. Aber ich habe mich bewusst zurückgehalten. Natürlich haben mir die Wahlverluste wehgetan, keine Frage! Ich möchte das möglichst respektvoll halten, jeder soll seine eigenen Entscheidungen verantworten.

Eva Glawischnig
KARRIERE NACH DER KARRIERE. Früher betonte Eva Glawischnig oft, dass sie später mal für internationale NGOs arbeiten möchte. Was ist aus dem Traum geworden? "Das hat sich anders entwickelt, aber das Internationale habe ich ja verwirklicht."


Thema: Report