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Ex-ZiB1-Moderator Gerald Groß im WOMAN-Interview über Gesundheit, Affären & Co.

Vier Monate nach seinem ORF-Abschied gesteht der Ex-ZiB1-Moderator und Neo-Coach in WOMAN exklusiv die wahren Hintergründe seines Jobwechsels. Außerdem spricht der zweifache Vater erstmals offen darüber wie eine Affäre seine Ehe rettete...


Ex-ZiB1-Moderator Gerald Groß im WOMAN-Interview über Gesundheit, Affären & Co.
© Roland Ferrigato

Das Gemeinschaftsbüro „Media Quarter Academy“ in St.Marx, das Neo-Mediencoach Gerald Gross, 48, im Oktober des Vorjahres bezogen hatte, ist schon wieder Geschichte. „Dort draußen waren wir weg vom Schuss. Auch unsere Erwartungen in Sachen Kooperationhaben sich nicht erfüllt. Das war verschleuderte Energie, keine Frage, aber solche Hürden sind normal auf dem Weg in die Selbstständigkeit“, spricht der Ex-ZiB1-Moderator Klartext. Und mit „wir“ meint er Ex-Ö3-Weckerlady Daniela Zeller, die im gleichen neuen Metier Fuß gefasst hat. Inzwischen geht jeder seinen eigenen Weg. Mit seiner eigenen Firma. Seine heißt „Grossmedia“ und da schult der Guntramsdorfer künftig nicht nur Wirtschaftskapitäne, sondern auch Politiker aus allen Fraktionen. „Armin Wolf hat mir schon gemailt, ich soll den Herrschaften bloß nicht zu viel Rhetorik-Tricks verraten, denn es sei ohnehin schon zäh genug, ihnen die Politfloskeln auf Sendung abzugewöhnen“, lacht Gross. Den prestigeträchtigen Job beim Staatsfunk vermisst er nicht, „auch wenn es Tage gibt, wo sich bürokratische Abläufe mühsam gestalten, alle absagen, Pannen Pläne durchkreuzen und einem auch Existenzängste durch den Kopf gehen.“ Aber dann stärken ihm Ehefrau Sabine (sie ist Bankangestellte), Filius Christoph, 22, und Tochter Angelika, 16, den Rücken. Und Gross – der inzwischen ein City-Büro in der Dorotheergasse mit Meinungsforscher Peter Hajek und Public-Affairs-Experten teilt - ist sicher: „2012 wird durchgestartet!“

WOMAN: Wie läuft’s mit der neuen Firma?

Groß: Ich habe mir nie Illusionen gemacht und wusste, dass ich es nicht als Abenteuer anlegen kenn, wenn ich mit fast 50 einen neuen Berufsweg einschlage. Aber mitunter gestaltet es sich sehr wohl als Abenteuer (lacht) . Allein wenn ich an die administrative Abwicklung denke. Da gibt’s keine Abkürzung, keinen Schleichweg. Als ich einBüro suchte, dachte ich: „Dienstleistungsland Österreich! Die Immobilienmakler werden mich schon hofieren und mir ein passendes Objekt suchen“. Denkste! Das sind die großen Profiteure der Wirtschaftskrise und das lassen sie einen auch spüren. Mit Besichtigungsterminen lassen sie sich zwei Tage Zeit oder länger. Da kommt man sich vor wie ein Bittsteller nach dem Motto: „Danke, dassich mieten darf. Zu einem eh weit überhöhten Preis...“ Das kostet Zeit. Und Energie.

WOMAN: Vor allem wenn Sie jeden Handgriff selbst erledigen müssen. Sie sind ja jetzt Chef, Trainer, Webdesigner und Sekretärin in einem, oder?

Groß: (lacht) Fast. Zum Glück kann ich in meinem neuen Büro Officedienste mitbenutzen. Und so ist mir auch erst bewusst geworden, welche Privilegien ich zuvor hatte. Wenn mein Computer im Newsroom streikte, rief ich die Helpline an und schimpfte mal drauf los (lacht) . Jetzt muss ich es selbst auf die Reihe bringen. Ich finde es aber sehr heilsam, dass nicht alles so selbstverständlich ist. Und was das Chefsein angeht: so muss ich ehrlich zugeben, dass ich nicht dafür geboren bin, ein großes Team zu leiten. Ich bin eher der Medizinmann, als der Häuptling. Ich will nicht in drei Jahren 30 Consultants haben, die um mich herumwuseln und die ich nur dirigiere. Ich will schon das machen was mir Freude bereitet. Das ist auch mein Geschäftsmodell.Meine Dienstleistung trägt meine Handschrift. Die Leute kriegen mich, wenn sie zu mir kommen, und niemand anderen. Sie können von meiner Erfahrung profitieren.

WOMAN: Haben Sie Ihren Ausstieg beim ORF schon mal leise bereut?

Groß: Es wäre gelogen, wenn ich sage: „Ich wache jeden Tag euphorisch auf und denke, ich bin in der besten aller Welten gelandet!“ Natürlich frage ich mich ab und zu: warum hast du die geschützte Werkstatt ORF verlassen? Hattest du es notwendig, dich in die freie Wildbahn zu begeben? Aber ich hab meinen Entschluss noch nicht bereut. Auch wenn’s manchmal anstrengender ist, als was ich bisher leistete: es ist ein gutes Gefühl, sich frei zu fühlen!

WOMAN: Setzt Ihnen Ihre Frau einen Stichtag für messbaren Erfolg?

Groß: (lacht) Sie hat’s nie offen ausgesprochen. Womöglich hat sie eine Deadline in ihrem Kopf, aber ich spüre zum Glück keinen Druck. Den mach ich mir schon selbst, weil ich natürlich weiß, dass alles mit Risiko verbunden ist und ich mich umorientieren muss, sollte sich das Geschäft nicht rentieren. Die Bildungskarenz war mich ein Testlauf, ob ich damit leben kann, nicht mehr täglich am Schirm zu sein. Man muss schon diese gewisse Eitelkeit ablegen können. Deshalb haben mir einige – männliche - ORF-ler gesagt: „Wenn man so eine Karriere gemacht hat wie du: dann gehört sich das nicht alles hin zu schmeißenund einen pragmatisierten Job aufzugeben!“ Wahnsinn eigentlich! Ich verdanke dem ORF wirklich viel, aber ich bin nicht auf Lebenszeit ein Sklave dieses Unternehmens.

WOMAN: Vier Monate weg von den Negativschlagzeilen des Weltgeschehens: Wie geht’s Ihnen?

Groß: Gut! Ich freue mich, dass ich nicht mehr am News-Tropf hänge, wieder neue Kontakte knüpfen kann und nicht mehr im eigenen Saft brate. Ich war doch 23 Jahre beim ORF. Da wird man irgendwann betriebsblind. Stumpft auch emotional ab. Wenn’s hieß „70 Tote in Bagdad“, lag im Newsroom oft die Stimmung „So what?“ in der Luft. Als Nachrichtenjournalist will man eben lieber von dramatischen Ereignissen berichten, heischt nach Sensationen. Quasi je größer die Katastrophe, umso besser. Klingt brutal, war aber so. Und dadurch, dass man sich gefühlsmäßig distanzieren muss, vergisst man oft, dass es um Menschenleben geht und nicht bloß um Fakten. So macht sich ein professioneller Zynismus breit. Auf Dauer ist das sicher nicht gesund.

WOMAN: Zynismus ist meist die Vorstufe für ein Burnout, weil es hilft, den Druck abzufangen.

Groß: Das stimmt…

WOMAN: Und stimmt es auch, dass es Panikattacken waren wie bei Ihrem Kollegen Wolfram Pirchner vor paar Jahren, die Sie regelrecht körperlich dazu nötigten, endlich Ihren inneren Bedürfnissen Beachtung zu schenken? Die dürften Sie ja offenbar eine ganz schöne Zeit lang ignorierten haben!

Groß: Auch das ist richtig. Ich habe sicher ein halbes Jahr lang mit dem Gedanken gespielt, im ORF aufzuhören. Bei befreundeten Kollegen, mit denen ich mich darüber austauschte, stieß ich auf blankes Unverständnis – und in mir herrschte weiterhin ein innerer Widerspruch. Bis ich eines Abends auf Sendung eine Panikattacke bekam. Ich spürte plötzlich ein furchtbares Beklemmungsgefühl im Brustbereich, dachte, ich muss jeden Moment ersticken. Das kam ohne Vorwarnung. Ich bekam kaum Luft, den Beitrag fertig zu moderieren. Die Zuschauer werden das nicht bemerkt haben, aber meinen Kollegen, die mich gut kennen, fiel sofort auf, dass etwas nicht stimmt.

WOMAN: Das Schlimme bei Panikattacken ist wohl, dass einem zusätzlich die Angst im Nacken sitzt, es könnte sich wiederholen.

Groß: Genau. Und es passiert in völlig unerwarteten Situationen. Man willdann nur noch flüchten: „Raus hier!“ Ein Psychotherapeut und ein Arzt haben mir letztlich geholfen, damit umzugehen. Im Laufe dieser Sitzungen kristallisierte sich heraus, dass ich im ORF schon lange nicht mehr glücklich war. Es Zeit ist für einen neuen Abschnitt. Und als ich dann im Sommer einen schweren Autounfall mit meiner Frau hatte – wir kollidierten am Weg vom Urlaub nachhause mit einem LKW – empfand ich es wie einen Fingerzeig, endlich etwas zu verändern. Sabine und mir ist bei diesem Crash zum Glück nichts passiert, aber in dieser Situation wurde mir einmal mehr bewusst, dass das Leben zu kurz ist, um Dinge unnötig aufzuschieben.

WOMAN: Woran liegt’s, dass viele nicht ihrem Herzen folgen?

Groß: Wir alle unterliegen Zwängen. Mit 30 investiert man sowieso seine gesamte Energie in die Arbeit. Was ja okay ist, solange man sich selbst nicht über die Firma definiert. Das ist gefährlich, weil ja dann sonst nichts übrig bleibt. Und wenn man mal über 40 ist und familiäre wie finanzielle Verpflichtungen hat, gestattet man es sich oft selbst nicht, aus dem System auszubrechen. Und schon gar nicht, wenn mit der beruflichen Position eine gewisse Sicherheit und soziale Reputation verbunden ist. Wenn du dich dann outest, wirst du belächelt: „Ach der hat doch die Midlife-Crisis“. Das habe ich nicht nur einmal gehört. Da hilft’s einem aber nicht, sich ein Motorrad zu kaufen…

WOMAN: Blieb Ihnen seither je wieder die Luft weg?

Groß: Nein. Das zeigt mir: ich bin auf dem richtigen Weg. Ich genieße es wieder, Vorträge vor einem großen Publikum zu halten, habe auch kein Lampenfieber. Aber ich achte auch sehr auf eine Work-Life-Balance, was bei einer Firmenneugründung nie einfach ist, weil es ja immer etwas zu tun gibt. Unter der Woche sitze ich zwar auch noch zuhause vor dem Laptop, aber den Abend versuche ich trotzdem gemütlich ausklingen zu lassen. Etwa mit einem Glas Rotwein mit meiner Frau. Die Wochenenden gehören sowieso uns. Das handhaben wir schon die gesamte "Ära 2" so. Wir waren ja vor fünf Jahren auch mal ein Jahr getrennt…

WOMAN: Als Sie eine Affäre mit einer ehemaligen Kollegin hatten und von zuhause auszogen.

Groß: Genau. Damals haben mich Männer gefragt, ob ich wo ang’rennt bin, weil ich alles offen legte. Aber zweigleisig fahren ist nicht meine Art. Wenn, dann stehe ich zu meinen Gefühlen. Für meine Frau war das unendlich schmerzhaft, keine Frage. Ich bin sehr froh und dankbar, dass sie unserer Ehe – und wir sind doch 23 Jahre verheiratet – noch eine Chance gab. Jetzt nehmen wir uns wieder Zeit für einander. Vor dieser Krise war’s soweit, dass wir nur noch die Pflichten wie Rechnungen, Haushalt, Erziehung, etc. Thema waren – nicht mehr die Kür. Dieses eine Jahr Pause damals, das Single-Sein, nachdem nach sechs Monaten auch diese andere Beziehung scheiterte, hat mir gutgetan. Ich hatte eine Wohnung in Baden und Zeit, michrückzubesinnen, mich neu zu ordnen. Heute können Sabine und ich über diese Zeit damals lachen und Witze machen. Andere Paare, die ihre Seitensprünge totschweigen, wundern sich dann immer, wie das geht. Das haben wir sogar ohne Therapie geschafft.

WOMAN: Würden Sie einen Seitensprung verzeihen?

Groß: Ich würde wohl Verständnis dafür aufbringen, aber ich möchte es mir gar nicht vorstellen.

WOMAN: Welche Beziehungstipps geben Sie Ihren Kindern, wenn die Sie um Rat fragen?

Groß: Keine! Ich mische mich nicht ein. Christoph studiert Informatik und soweit ich weiß, sind fixe Beziehungen im Studentenheim nicht so populär (lacht). Bei Angelika, sie lebt noch bei uns und besucht die Modeschule in Mödling, bekomme ich schon eher mit, was gerade läuft. Sie ist in dieser Beziehung auch ihrem Vater gegenüber sehr offen, und dieses Vertrauen freut mich.

Interview: Petra Klikovits