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„Facebook hat Joël in den Tod getrieben“ – Michaela Horn berichtet über das Schicksal

Ein 13-jähriger wurde in der Schule und im Internet gemobbt: So wollte Joël nicht mehr leben! Er beging Selbstmord! Jetzt möchte seine Mutter anderen Eltern helfen. Plus: Workshops für Kinder zum Thema Mobbing & Co.


„Facebook hat Joël in den Tod getrieben“ – Michaela Horn berichtet über das Schicksal
© Julia Stix

Joël spielte gern Fußball. Er ging mit seinem Vater leidenschaftlich gern angeln. Die Lieblingsmusik des 13-jährigen Kärntners war jene vom Rapper Azad und die des deutschen R&B-Sängers Xavier Naidoo. – Naidoos Nummer „Abschied nehmen“ wurde auch am 20. Mai gespielt. Bei Joëls Begräbnis.

Der Bub hatte sich fünf Tage zuvor auf die Zugsschienen gelegt und den Freitod gewählt. Ausgelöst durch einen Eintrag auf seiner Facebook-Pinwand: Da hatte ein noch unbekannter User eine pornografische Homepage mit nackten Männern auf Joëls Namen erstellt, die den Buben als schwul ausgab.

Dieses Posting war der Gipfel des Mobbings, dem der Gymnasiast aus Velden schon länger ausgesetzt war, wie seine gebrochene Mutter erzählt. Doch all das erfuhr sie erst im Nachhinein. Als es zu spät war. Und das ist, neben dem Schmerz über den Verlust des geliebten Sohnes und den vielen quälenden Fragen, auch der Grund, warum sie Joëls Geschichte schildert.

Weil sie möchte, dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Weil sie sich wünscht, dass Joëls Schicksal aufweckt – Eltern, Kinder, Polizei, Schule. Damit man über Internetmobbing besser informiert ist und weiß, wie man sich und seine Kinder davor schützen und rechtzeitig eingreifen kann...

Erschüttert.
Wir treffen Michaela Horn in ihrem Wohnort, in Velden am Wörthersee. Die 43-Jährige sitzt in die Ecke der Bank gedrückt, mit Blick auf das türkisblaue Wasser. Gefasst beginnt sie mit der Schilderung jenes Freitags, an dem die Polizei in der Nacht zu ihr kam. Und sie das Schrecklichste hören musste, was eine Mutter je vernehmen kann: dass ihr Sohn tot ist.

„Er war gut drauf an diesem Tag, war zuerst Fußball spielen. Danach wollte er mit einem Freund beim GTI-Treffen zuschauen und anschließend einen gemütlichen Abend verbringen.“

Joël und sein Freund waren abends auch beisammen, im Haus von Joëls Vater, von dem Michaela Horn seit neun Jahren geschieden ist. Was dann tatsächlich passiert ist, kann die sechsfache Mutter großteils nur rekonstruieren. Aus Gesprächen mit Joëls Freunden, der Polizei, der Schule, aus Ermittlungsberichten. Und durch Nachforschungen im Internet.

Mittlerweile sind Joëls Account und auch der jenes Users, der den pornografischen Link und die verbalen Attacken auf Joëls Profil gepostet hatte, gesperrt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Verzweiflungstat.
Joëls Kumpel hatte mit ihm gemeinsam den Homosexuellen-Eintrag gesehen, ging danach kurz aus dem Zimmer – und als er zurückkam, war das Fenster offen und Joël weg. Der Freund lief ihm nach, suchte ihn, fand ihn aber nicht. Der Letzte, der Joël lebend sah, war der Lokführer...

Nach und nach kam schließlich die gesamte Tragödie ans Tageslicht: Dass Joël schon seit längerem in der Schule gehänselt, gekränkt und gemobbt worden war. „Er hat nie viel darüber erzählt, außer, dass ihn einige seiner Kollegen wegen seiner paar Kilos zu viel verspotteten – und weil er keine Markenkleidung trug. Ich hab halt nicht so viel Geld...“ Joëls Mutter beginnt zu zittern und zu schluchzen.

Von heftigen Weinkrämpfen gebeutelt, presst sie hervor: „Wenn ich das gewusst hätte, wie wichtig das für ihn ist, hätte ich das Geld schon irgendwie aufgetrieben...“

Schwierige Situation.
Nein, meint sie, es habe keine Anzeichen gegeben, dass er sich so elend und verzweifelt gefühlt hätte. Er war so sanft, so einfühlsam. Nicht derjenige, der sich mit anderen prügelte, sondern Streitigkeiten aus dem Weg ging.

Ja, es habe auch familiäre Schwierigkeiten gegeben, wie bei vielen pubertierenden Scheidungskindern, die sich „zerrissen zwischen den Eltern fühlen“. Sie sei die strengere „Alltagsmama“ gewesen, der Vater „zu nachsichtig“. Immer wieder habe sie den Exmann ersucht, auf dessen Computer einen Kinderschutz zu installieren.

Und auch die Geburt ihres sechsten Kindes – Michaela Horn hat noch vier ältere Söhne – habe Joël wohl beeinträchtigt: „Mir ging’s während meiner Schwangerschaft mit meiner Tochter ( Zoë, 19 Monate, Anm. ) sehr schlecht. Ihr Vater hat mich verlassen, ich musste liegen, bekam Diabetes. Auch die Geburt war schwierig. Es ist ein Wunder, dass die Kleine am Leben ist. Anfangs schrie sie sehr viel.“

Die blonde Frau schluckt, Tränen steigen ihr wieder hoch. „Joël umarmte mich manchmal und sagte:, Mama, wir schaffen das schon. Ich versprech dir, um mich musst du dir keine Sorgen machen...‘“

Verbittert.
Die Kärntnerin, Angestellte in Karenz, begann eine Therapie, um wieder Boden unter den Füßen zu bekommen. Den sie nun mit einem Schlag abermals verloren hat. „Wenn ich meine Tochter nicht hätte, ich wüsste nicht, was ich tun würde! Wie können Jugendliche nur so gemein sein? Und warum passiert nichts?“

Zwischen Traurigkeit und Verzweiflung kommen auch immer wieder Wut und Enttäuschung hoch. Auch darüber, wie sie von den unterschiedlichen Stellen abgefertigt wird. „Warum finden sie ( Staatsanwaltschaft, Facebook etc., Anm. ) nichts heraus? Von Facebook erhielt ich auf meine Recherchen hin eine automatisierte Antwort, dass man den Verlust bedaure und für Nachforschungen einen Gerichtsbeschluss auf Englisch benötige, aber nicht garantieren könne, dass noch alle Daten aufzufinden seien! Da ist ein Kind in den Tod gemobbt worden! Mein Sohn!“ Michaela Horn ist der Worte müde, bittet, das Gespräch zu beenden.

Letzter Weg.
Wir begleiten sie noch auf den kleinen Friedhof in Velden, zu Joëls Grab. Sein Fußball liegt unterm Kreuz, das einer seiner Brüder gezimmert hat. Die Mutter hat ihm einen kleinen Teich angelegt, weil er so gern fischen ging. Von seinen Freunden sind Wiesenblumen, Herzen und Erinnerungsfotos zu finden.

Michaela Horn zündet eine Kerze an. Nach kurzem Innehalten flüstert sie unter Tränen: „Seine Brüder haben den Sarg getragen. Sie haben gesagt:, Zu seinen Lebzeiten konnten wir ihm seine Last nicht nehmen. Nun bringen wir ihn zu seiner letzten Ruhestätte.‘“ Petra mühr

Hilfe bei Trauer:
www.kindertrauer.at (speziell bei Verlust eines Kindes)
www.hospiz.at
www.caritas.at
www.rainbows.at (für Geschwister)
rataufdraht.orf.at (Allgemein-Hilfe für Kinder und Jugendliche)

Kurse für Kinder zum Thema
Mobbing, Cybermobbing, Aggression und Gewalt unter Schülern nimmt immer mehr zu. Bei einer Umfrage unter 383 Grazer Schülern gab jeder 4. Schüler zu selbst schon Mitschüler gemobbt zu haben, und knapp 17 % geben an selbst schon einmal Opfer von Mobbing geworden zu sein.

Im Rahmen der "Sommerkurse 2010" werden heuer erstmals für Grazer Kids von 10 bis 15 Jahren auch zwei Kurse zum Thema "Selbstbewusst werden" angeboten.

Spielerisch und mit viel Spaß lernen die TeilnehmerInnen einerseits ihre Stärken besser kennen, sie lernen aber auch die Grundlagen der Selbstverteidigung, wie sie durch NEIN-sagen Grenzen setzen, wie sie sich selbst besser behaupten, und wie sie sich vor Übergriffen schützen können.
Mehr Selbstvertrauen, sich mehr zutrauen und selbstbewußt auftreten lernen sind weitere Ziele des Kurses.

Die Kurse finden in den Räumen von HME-Seminare und Trainings in der Vogelweiderstraße 48 in Graz statt, und dauern jeweils von Montag bis Freitag von 09:00 bis 17:00 Uhr.
Neben der Möglichkeit viel Nützliches zu lernen wird den TeilnehmerInnen aber auch ein spannendes und abwechslungsreiches Freizeitprogramm angeboten.

Termine: 16.-20. August 2010 und 6.-10. September 2010
Kosten: € 200,– (inkl. Mittagessen und Pausengetränke)
Anmeldung und Info: Tel.: 0699/81465232, www.hme-seminare.at

Redaktion: Petra Mühr