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Wahlkampf: Wie Männer gesetzlich in die Pflicht genommen werden können

Skurrile Themen beherrschen diesen Wahlkampf. Aber Themen, die die Situation für Frauen wirklich verändern könnten, nicht - so unsere Polit-Expertin. In diesem Teil beschäftigen wir uns mit dem Thema "Familie".


Wahlkampf: Wie Männer gesetzlich in die Pflicht genommen werden können
© Photo by Irina Murza on Unsplash

Luxus-Schnitzel, Teigtaschen-Mafia, Free-TV-Bundesliga usw. - der Wahlkampf beschert uns Themen, die die WICHTIGEN PROBLEME VÖLLIG ÜBERLAGERN. Wer ernsthaft Probleme anspricht und versucht glaubhaft Lösungen zu finden, steht derzeit im Schatten. Im Licht sind jene, die massentauglich mit Schlagworten agieren und an die Ressentiments der Bevölkerung appellieren. Die wirklich wichtigen Anliegen bleiben so allerdings auf der Strecke. "Wahlkampf bedeutet, möglichst große Bevölkerungsgruppen anzusprechen und sie für sich zu mobilisieren", sagt die renommierte Politologin Kathrin Stainer-Hämmerle. "Und das gelingt mit Themen, die ein plakatives Beispiel zur Vermittlung bieten oder emotional bewegen. Das ist das Schnitzel oder die Bundesliga durchaus." Trotzdem: Traut man den WählerInnen nicht mehr ernsthaftes Interesse zu? Die Politologin verortet das Problem woanders: "Die Parteien haben sich inhaltlich immer mehr aufeinander zubewegt, was eine Unterscheidung schwierig macht. Daher müssen einzelne Themen kommuniziert werden, die polarisieren und damit auch mobilisieren."

Sieben Expertinnen analysieren die dringlichsten Anliegen von Bildungs- bis Integrationspolitik, von Pflege bis Umwelt. WOMAN hat den großen Politik-Report mit sinnvollen Lösungsvorschlägen. Heute widmen wir uns dem Thema Familie mit unserer Expertin Eva-Maria Schmidt. Die Soziologin forscht an der Uni Wien. Ihr Schwerpunkt ist unter anderem der Übergang zur Elternschaft.

Im Talk sprechen wir über die Verbesserung der Betreuungseinrichtungen, attraktivere Gestaltung der Arbeitsbedingungen und darüber, Männer gesetzlich in die Pflicht zu nehmen.

WOMAN: Man hat das Gefühl, die Vereinbarkeitsfrage ist immer noch eine weitgehend weibliche. Wie kann man hier den Grundton ändern?
Schmidt:
Grundsätzlich muss man die Familienpolitik als eine Querschnittsmaterie von Frauen-, Bildungs-, und Sozialpolitik sehen. Es spielen viele Faktoren mit hinein -auch bei dieser Frage, die auch eng mit Gleichstellungspolitik verknüpft ist -ein von der EU als zentral definiertes Ziel. Die Sache mit der Vereinbarkeit von Erwerbsarbeit und Familienarbeit ist auch tief in den kulturellen Wertvorstellungen der Österreicherinnen und Österreicher verankert, die eine geschlechtsspezifische Aufgabenteilung bevorzugen: es wird als gut und richtig erachtet, dass der Mann hauptverantwortlich für die ökonomische Sicherung und die Frau hauptverantwortlich für die Kinderbetreuung und Familienarbeit ist. Das zeigt sich auch in der weiterhin steigenden Teilzeitquote bei Frauen - vor allem bei Müttern mit minderjährigen Kindern und in den stagnierenden Zahlen der Väterbeteiligung an der Karenz. Gesetzliche Regelungen, die Eltern diese Wahlfreiheit bieten, können kulturelle Normen nur sehr schwer ändern -das zeigen zahlreiche Studien.

Würde eine Reform der Verteilung der Kinderbetreuungsplätze hier auch etwas ändern?
Schmidt:
Das sehe ich zwiegespalten. Die Betreuung der Kinder wird so nach der Karenzphase nur als Aufteilung zwischen der Mutter und der Kinderbetreuungseinrichtung diskutiert. Der Vater wird ausgeklammert, könnte aber die Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Familienarbeit deutlich erhöhen. International zeigen Studien außerdem, dass erst die Aufteilung der Kinderbetreuung mit dem Vater zu einer verstärkten Gleichstellung beiträgt.

Wie sieht's mit der Qualität der Betreuungseinrichtungen aus?
Schmidt:
Hier ist noch Luft nach oben. Die Zahl der Kinder, die in den Kindergarten gehen steigt kontinuierlich, für eine hohe Qualität braucht es aber einen besseren Betreuungsschlüssel, damit auch mehr gut ausgebildetes Personal, bessere Arbeitsbedingungen und ein höheres Gehalt. Auch bei der Ausbildung gibt es Reformbedarf -sich mit 14 bewusst für diesen Job zu entscheiden, halte ich für schwierig und zu früh. Wenn Eltern ihre Kinder aber qualitätsvoll betreut wissen und sie früh in einen Kindergarten geben, erleichtert das nicht nur die Vereinbarkeit, sondern profitieren auch die Kinder davon. Studien belegen, dass diese Kinder einfacher in eine Bildungslaufbahn kommen und sich soziale Ungleichheit verringert.

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