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Ich bin schuld ...

Es kommt ganz von selber, und wie lang's dann bleibt, ist die Frage: das schlechte Gewissen. Einerseits gut, um Fehler einzusehen, kann es auch zerstörerische Blüten treiben: an falscher Stelle auftauchen, zu Manipulationen verleiten, chronisch werden. Zwei Experten machen sich für uns Gedanken.

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Ich bin schuld ...
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Das Gefühl ist eines der hartnäckigsten. Plötzlich sitzt es irgendwo zwischen Herz und Magen und hämmert auf einen ein. "Wie konnte ich nur! Warum habe ich nicht ... Ich hätte daran denken müssen ..." Aha, auch wieder da, schlechtes Gewissen?! Was hab ich getan? Mich bei meiner Freundin Petra schon so lange nicht gemeldet. Mich bei der Geburtstagsfeier meines Kollegen unmöglich benommen. Und ich hab's auch nicht geschafft, meine betagte Tante noch zu besuchen, bevor's zu spät war. Es ist nur rechtens: Schlecht soll 's mir gehen...

Gewissensbisse

"Schuldig fühlen wir uns, wenn wir ein inneres Gebot nicht befolgen", stellt Helga Kernstock-Redl (kernstock-redl.at), Psychologin und Psychotherapeutin, klar. "Und je mehr strenge innere Gebote wir haben, desto anfälliger sind wir für Schuldgefühle. 'Ich muss alle Erwartungen erfüllen, perfekt sein, dafür sorgen, dass es anderen gut geht', sind Gedanken, die schlechtes Gewissen fördern." Auch wenn wir uns zur "Rückzahlung einer Zuwendung, materiell, zeitlich oder persönlich, verpflichtet fühlen, spüren wir diese Gewissensbisse. Weitere Ursachen von Selbstvorwürfen sind oft auch zu viel Empathie oder Verantwortungsübernahme." Wie groß die Last auf den Schultern werden kann, hängt sehr mit Erziehung und Prägung zusammen. Damit, was wir für falsch, unmoralisch oder schädlich halten: "Wenn wir eine Verhaltensweise über lange Zeit antrainiert bekamen und irgendwann genau in dieser Sache nicht das Ziel erfüllen, zucken wir innerlich zusammen, als würden wir eine Strafe verdienen", beschreibt es der bekannte deutsche Coach und Bestsellerautor Ruediger Schache (ruedigerschache.com). "Dieses Warten auf Strafe erzeugt ein Schuldgefühl. Das ist sachlich gesehen meistens unsinnig, läuft aber wie ein Reflex ab."

Falsche Ziele

Ein nicht erreichtes Ziel wäre zum Beispiel, wenn sich eine Mutter quält: "Ich wollte meinem Kind immer ein gutes Leben bieten. Aber ich habe es nicht wirklich hinbekommen." Das Kind ist längst erwachsen, geht erfolgreich seinen Weg, aber die Mutter kiefelt weiter an der vermeintlichen Verfehlung des selbst aufgestellten Ziels. Mütter und schlechtes Gewissen, das ist überhaupt eine weitverbreitete Kombi. Der berühmte Spagat gelingt nicht immer so geschmeidig, wie gewünscht. Da raten die Experten unisono: Hallo Mütter! Legt bitte den Perfektionismus ab. "Das Leben ist immer eine Kombination von Kompromissen", so Schache. "Die Wahrheit ist: Niemand schafft es, ein Kind 20 Jahre lang großzuziehen und dabei immer alles richtig zu machen. Also sollte man sich dieses Ziel nicht setzen. Vielleicht sage dir lieber: Ich versuche, es bestmöglich zu machen. Das entlastet." Und Kernstock-Redl rät, das Schuldgefühl nicht zu fürchten, sondern zu analysieren: "Versuchen Sie, die dahinter versteckten persönlichen Gebote zu erkennen und kritisch zu prüfen. Woher kommt der Gedanke, dass es möglich sein muss, alles unter einen Hut zu bringen? Manchmal geht es eben nur auf Sparschiene."

Es gibt immer Gründe

Zu viele Selbstvorwürfe rauben ganz schön viel Energie. Wir fühlen uns als Versager und verfallen vielleicht sogar in Depressionen. Ja, sicher wäre es besser gewesen, mehr Zeit mit dem Partner, der Familie zu verbringen, den Kredit nicht aufzunehmen und mehr für die Gesundheit zu tun. Aber hatten wir nicht Gründe, uns in der Vergangenheit so und nicht anders zu verhalten? Und die Uhr, so betonen die Experten, kann niemand zurückdrehen. Aber: Wie alles im Leben ist "schlechtes Gewissen" nicht immer schlecht. Laut Psychologin sogar "eine wichtige Triebfeder prosozialen Verhaltens", wenn es einem hilft, Fehler einzusehen. "Menschen tun etwas für andere nicht nur aus Liebe, Freude oder Angst, sondern eben auch, um Schuldgefühle zu vermeiden oder sie loszuwerden. Schuldgefühle helfen, das Gefühl von Gerechtigkeit herzustellen, das für uns Menschen so wichtig ist." Zögere nicht, um Verzeihung zu bitten, habe den Mut! "Man merkt ja tatsächlich nach einer angenommenen Entschuldigung, dass einen dieser Vergebungsvorgang befreit", bringt es Schache auf den Punkt. "Ein schlechtes Gewissen kann die Sprache der Seele sein, die uns zu einer bestimmten Aktion bringen möchte." Manche Menschen entwickeln jedoch auch Schuldgefühle bei Dingen, für die sie gar nichts können. Weil der Partner grantig ist, die Mutter einsam und die Kollegin dauerfrustriert. Schwierige Sache. Denn auch da liegt oft eine Prägung durch die Familiengeschichte vor, wie der Coach weiß: "Wenn die Mutter früher immer darauf achtete, den Vater irgendwie bei Laune zu halten, hat das Kind dies beobachtet. Als Erwachsener wird es dann instinktiv versuchen, die Menschen in der Umgebung ebenfalls irgendwie bei Laune zu halten. Gelingt das nicht, sucht es die Schuld bei sich." Grund zwei wäre unser aller Herkunft. "Seit es Menschen gibt, hatten Frauen mehr die Aufgabe, sich um Familie und das Soziale zu kümmern. Um die Gefühle in der Gruppe. Während es Aufgabe der Männer war, sich um das materielle Wohlergehen zu sorgen. Diese Rollen verändern sich gerade sehr schnell, aber unsere Gene sind nicht ganz so flink wie unser Kopf."

Frau denkt anders

Noch immer würden Männer und Frauen eben auch mit Schuldgefühlen anders umgehen, so der Experte. Würden die einen im Schnitt praktischer und die anderen emotionaler denken. "Gut, das war ein Fehler. Ist notiert. Mache ich beim nächsten Mal anders." Wäre die typische Reaktion eines Mannes. "Eine Frau denkt hingegen oft lange darüber nach, was sie hätte besser machen sollen." Aber, rät Kernstock-Redl gleich an dieser Stelle: "Vielleicht finden Sie im Rückblick ja auch gar keinen echten Fehler, weil Sie damals nicht anders konnten oder eine Info nicht gehabt haben. Dann besteht Ihre einzige Schuld darin, nicht allmächtig oder keine Hellseherin zu sein." Können kritische Gedanken auch oft zu einer Lösung führen, so ist chronisch schlechtes Gewissen – ja, das gibt es – ein Fall für Hilfe von außen. "Meist stecken quälende Selbstüberzeugungen dahinter", charakterisiert es die Psychologin. "Ich bin immer schuld. Ich bin schlecht. Ich verdiene nichts Gutes. Ich habe keine Rechte, darf also nichts bekommen oder wollen, ohne etwas zurückgeben zu müssen." Ein dunkles Kapitel ist auch die Tatsache, dass manche Menschen andere bewusst über Schuldgefühle manipulieren. " Ich bring mich um, wenn du gehst", wäre eine der krassesten Drohungen, und Schache hat dafür nur klare Worte: "Das ist Erpressung. Keine Liebe, keine Achtsamkeit, keine Partnerschaft. Dieser Drohung sollte man sich nicht fügen. Nicht der Partner ist verantwortlich, falls etwas passiert, sondern der ungesunde Zustand dieser Person selbst." Bei Schuld, so der Bestsellerautor, ginge es sowieso zuerst immer um die Frage: Lag das überhaupt in meiner Verantwortung und Aufgabe? Falls nicht, kann ich auch keine Schuld haben."

Mehr geht eben nicht

Was aber sagt man sich selbst, wenn man mit wirklich großen Schuldgefühlen lebt? Weil man einen Unfall verschuldet hat, nicht da war, als ein Angehöriger starb, durch Unachtsamkeit Schaden angerichtet hat? "Ein Weg", so Schache, "ist die wirklich grundlegende große Erkenntnis, dass wir alle weder das Leben noch uns selbst in jeder Sekunde kontrollieren können. Wir können uns nur immer wieder bemühen, es möglichst gut zu machen. Aber wer sind wir schon, wenn das Universum beschließt, etwas geschehen zu lassen?" Oft würde es die Seele entlasten, wenn man sich bemüht, Gutes zu tun, auch wenn es an ganz anderer Stelle ist. Und es wäre auch ein Weg, die Wahrheit in sich selbst voll und ganz zu akzeptieren. "'Ja, da hab ich einen großen Fehler gemacht. Es ist geschehen, es tut mir sehr leid, und ich kann es nicht ändern. Das ist die Wahrheit.' Mehr geht eben nicht." Wiedergutmachung leisten, Strafe auf sich nehmen, daraus lernen, um Verzeihung bitten, oder, wenn das nicht geht, die Vergangenheit betrauern, fasst Kernstock-Redl mögliche Gewissenserleichterungen zusammen. "Und irgendwann hat jeder genug gebüßt, außer man verdient nachweislich lebenslange Haftstrafe."

Helpline des BÖP, Berufsverband österreichischer PsychologInnen: 01/504 8000