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Leyla Hussein, Protagonistin im Dokumentarfilm "#FEMALE PLEASURE" im Interview

Die Menschenrechtsaktivistin Leyla Hussein war zwölf, als sie von Somalia nach London floh. Heute kämpft die beschnittene Frau gegen die weibliche Genitalverstümmelung. Nun klagt die Mutter einer Tochter dieses Verbrechen in der Doku "Female Pleasure" an. Unbedingte Filmempfehlung!

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Leyla Hussein, Protagonistin im Dokumentarfilm "#FEMALE PLEASURE" im Interview

Leyla Hussein stammt aus Somalia, während des Bürgerkrieges floh die Familie nach London. Sie kämpft seit 17 Jahren gegen die Genitalverstümmelung.

© 2017 Getty Images

Der Titel des Filmes, "Female Pleasure", ist irreführend. Es geht nicht um weibliche Lust, im Gegenteil. Gezeigt wird, wie die Weltreligionen diese verhindern. Über die alltägliche Unterdrückung von Sexualität berichten fünf Frauen aus fünf verschiedenen Glaubensrichtungen. Eine davon ist Leyla Hussein, 38. WOMAN traf die Menschenrechtsaktivistin in London. Laut Kinderhilfswerk Unicef werden alle zehn Sekunden die Genitalien eines Mädchens unter zwölf Jahren beschnitten. Derzeit gibt es weltweit 150 Millionen Opfer. Die Betroffenen leben vor allem in afrikanischen Ländern wie Ägypten, Äthiopien, Somalia. Leyla Hussein war sieben Jahre alt, als ein Arzt (!) ihre Klitoris brutal verstümmelte. FGM (Female Genital Mutilation, weibliche Genitalverstümmelung) hat lebenslange gesundheitliche und seelische Folgen, oft verbluten Kinder auch.

Weibliche Genitalverstümmelung ist nach wie vor weit verbreitet

Dass unschuldige Mädchen an dieser grausamen Tortur sterben, macht die Menschenrechtsaktivistin wütend. Im Film "Female Pleasure" rüttelt Leyla Hussein auf: FGM werde nicht nur in afrikanischen Ländern praktiziert, auch in Europa und in Nordamerika wird die grausame Verstümmelung angewandt. "Female Genital Mutilation ist Gewalt, schwerer Missbrauch an Kindern und sexuelle Körperverletzung. Dieses sinnlose Ritual muss beendet werden." In einer Szene zeigt sie Afrikanern anhand von riesigen Schaumstoffvaginas, wie brutal der Eingriff ist. Die zukünftigen Ehemänner sind schockiert. Die ausgebildete Psychotherapeutin gründete vor acht Jahren die Plattform "Daughters of Eve" und das "Dahlia Project", ein Netzwerk, das traumatisierten und verstümmelten Frauen langfristig therapeutische Hilfe anbietet. Mit ihren Aktivitäten will sich Hussein nicht beliebt machen, sondern hart anklagen. Über FGM wird in den Familien nicht geredet, Mütter warnen ihre Töchter nicht vor. Selbst Leyla, die in einer elitären, wohlhabenden Familie in Somalia aufgewachsen ist, hat das so erlebt. Und auch sie schwieg über das Tabu -bis sie bei der Geburt ihrer Tochter Feyrus erstmals von einer Krankenschwester auf ihre beschnittene Vagina angesprochen wurde.

»Bevor die Mädchen in die Schule kommen, werden sie verstümmelt.«

WOMAN: Als Ihre Tochter 2001 zur Welt kam, begannen Sie mit 21 Jahren gegen FGM zu kämpfen. Was war der Auslöser?
Hussein:
Bis dahin hatte niemand mit mir über weibliche Genitalverstümmelung gesprochen. Nicht einmal die Hebamme bei der Geburt merkte, dass meine Vulva etwas anders aussah. Erst als eine Krankenschwester, eine Spezialistin auf dem Gebiet der FGM, mich fragte, wie denn meine Schwangerschaft verlaufen sei, begann ich darüber nachzudenken, warum ich in dieser Zeit so unglücklich gewesen war und so viele Blackouts hatte.

Und was war der Grund?
Hussein:
Mein Körper erinnerte sich an die Tortur, und mir war mit einem Schlag bewusst ,welch brutale Gewalt ich erlebt und wieder verdrängt hatte. Mit der ganzen Kraft einer Mutter von 21 Jahren sagte ich mir: Das darf meiner Tochter niemals passieren.

Die Mädchen werden im Namen der Religion beschnitten?
Hussein:
Historisch gesehen wurde dieser brutale Brauch schon in Ägypten unter den Pharaonen praktiziert. Das war, bevor Christentum und Islam existierten. Ägyptische Soldaten wollten verhindern, dass ihre Frauen fremdgingen. Es gab auch den Wahn, dass sich, wenn man die Klitoris nicht beschneidet, aus der Vulva ein Penis entwickeln könnte. Fundamental gesehen geht es darum: Männer wollen die weibliche Sexualität kontrollieren.

Können Sie Ihrer Mutter verzeihen, dass sie Ihnen als Siebenjähriger die gewaltsame Genitalverstümmelung angetan hat?
Hussein:
Meine Mutter ist eine fürsorgliche Frau, sie hat darüber nicht nachgedacht. In Somalia werden 98 Prozent der Mädchen beschnitten. Sie hat sich entschuldigt. Und was wichtiger ist, sie hat niemals diese Unsitte verteidigt oder beschönigt. Meine Mutter wurde sogar zwei Mal verstümmelt. Nach dem ersten Mal saß sie zwei Tage später auf einem Fahrrad, und da meinte ein Nachbar, da müsse noch mehr weg. Wir haben beide sehr geweint, als sie mir das erzählte

»FGM ist Gewalt, schwerer Missbrauch an Kindern und sexuelle Körperverletzung.«

Sprechen Sie mit den Klientinnen über Sex oder sind die zu verschlossen?
Hussein:
Wir versuchen alles, dass Frauen ihren Körper selbst entdecken, Lust an der Sexualität finden und dass nicht nur der Mann befriedigt wird.

Wenn eine Frau FGM überstanden hat, kann sie einen Orgasmus bekommen?
Hussein:
Absolut. Aber es braucht eine profunde Therapie, und der Weg dorthin kann lange sein. 97 Prozent sagen nach der Gesprächstherapie, wie großartig sich ihr Sex entwickelt hat. Sie befriedigen sich selbst öfter, benutzen Vibratoren. Das wollen wir ihnen bei "Dahlia Project" vermitteln: den eigenen Körper zu lieben und zu genießen.

Sie leben seit Jahren an einem geheimen Ort. Werden Sie seit langer Zeit bedroht?
Hussein:
Leider ja. Der Film wird mich wieder in Gefahr bringen, weil ich sage, dass im Namen der Religion Frauen verstümmelt werden. Ich lebe in einer Gegend in London, in der viele Somalis wohnen, aber sie wissen nicht, dass ich unter ihnen bin. Meine Tochter hat sich lange versteckt, jetzt hat sie sich geoutet, es gibt Fotos von ihr in den Medien. Als einige ihrer Freunde erfahren haben, wer ihre Mutter ist, wollten sie mit ihr nichts mehr zu tun haben. Das war traurig für mich und schockierend.

Glauben Sie an weibliche Solidarität?
Hussein:
Das ist meine Religion! Obwohl ich oft von Frauen gehasst werde, weil ich über die Dämonisierung der weiblichen Sexualität spreche. Frauen müssen zugeben, dass ihr sexuelles Leben kontrolliert wird. Viele lehnen den Feminismus aber ab.

Sie weinen viel in dem Film...
Hussein:
In Burkina Faso ist jetzt "Cutting Season", meist werden die Mädchen vor Schulbeginn beschnitten. Im letzten Jahr sind 25 Mädchen an FGM verstorben. Wenn man darüber nicht zornig ist, geht nichts weiter.

Unsere Filmempfehlung: #female pleasure

Religion und Sexualität. Wie gehen die Weltreligionen mit weiblicher Sexualität um, fragte sich die Schweizer Regisseurin Barbara Miller. Sie traf fünf couragierte Frauen, die über die patriarchalischen religiösen Strukturen und deren Konsequenzen sprachen.
Die Frauen. Sie engagieren sich für die weibliche sexuelle Aufklärung: Deborah Feldman ist in einer orthodoxen jüdischen Gemeinde im New Yorker Stadtteil Brooklyn aufgewachsen. Sie wurde zwangsverheiratet und floh aus der Gemeinschaft. Die japanische Künstlerin Rokudenashiko kreierte Vaginas aus Schaumstoff, sie musste sich dafür vor Gericht verteidigen. Leyla Hussein aus Somalia kämpft gegen FGM. Die Inderin Vithika Yadav setzt sich auf der Plattform "Love Matters" für Gender Identity ein. Die deutsche Ex-Nonne Doris Wagner wurde von einem Priester vergewaltigt. Der Peiniger kam ungestraft davon ... bis jetzt.

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